Herr Wolther, das Motto des ESC lautet „United in Music“ (vereint in Musik). Das kann man nach den gestrigen Ereignissen doch vergessen, oder?
Irivng Wolther: Dass es mit dieser Einheit nicht weit her ist, hat sich schon beim ESC 2024 in Malmö gezeigt, als erstmals verschiedene Delegationen sich gegenüber der israelischen sehr abweisend und feindselig verhalten haben. Das wiederum provozierte israelische Reaktionen, die dem Frieden hinter den Kulissen auch nicht zuträglich waren. Der Song Contest ist ein Spiegel der politischen Situation in Europa – auch da gibt es Länder, die sich sehr auf die Seite Israels schlagen, und andere, die mehr die palästinensische Seite unterstützen. Das haben wir jetzt auch bei dem Showdown am Donnerstag erlebt.
Stand ein Ausschluss Israels nach Ihrer Einschätzung ernsthaft zur Debatte?
Wolther: Ich habe jedenfalls nicht damit gerechnet. Die EBU (European Broadcasting Union) hat in Vergangenheit Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Israels öffentlich-rechtlichen Sender KAN am Leben zu erhalten, trotz aller Versuche der Netanjahu-Administration, ihn abzuwickeln. Es wäre ein fatales Signal gewesen, den Sender jetzt fallenzulassen. Ich verstehe daher auch nicht, warum Länder wie Spanien oder die Niederlande ihrem Partnersender die Solidarität verweigern – übrigens eine der wenigen regierungskritischen Stimmen in Israel.
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Wie groß ist der Imageschaden für den ESC als Ganzes, nachdem sich mindestens vier Länder für 2026 verabschiedet haben?
Wolther: Überschaubar. Ich glaube, die meisten Fernzuschauer in Deutschland werden das gar nicht bemerken. Wir hatten schon in der Vergangenheit Fälle, in denen Länder aus Kostengründen nicht teilgenommen haben oder in der Wahrnehmung nicht dabei waren, weil sie im Halbfinale schon ausgeschieden sind. Dazu gehörten relativ häufig auch Irland, Slowenien und die Niederlande.
Der Musikwissenschaftler und Buchautor Irving Wolther alias (“Dr. Eurovision“) begleitet den ESC seit vielen Jahren.


