Rund 30 Schüsse zerreißen die Stille der Nacht. Als die Schüsse verstummen, ist eine Frau tot, ein Mann schwer verletzt und im süditalienischen Kalabrien wächst die Angst vor einer neuen Welle mafiöser Gewalt. In der Gemeinde Cassano allo Ionio könnte der gezielte Anschlag auf einen mutmaßlichen Anführer der Organisierten Kriminalität einen seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen mächtigen ’Ndrangheta-Clans erneut entfachen.

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Bei dem Angriff in der Nacht zum Samstag wurde die 60-jährige Silvana Sibarelli tödlich getroffen. Ihr Lebensgefährte Damiano Pepe (64) überlebte schwer verletzt. Nach Einschätzung der Ermittler galt der Anschlag primär ihm. Pepe wird den einflussreichen Kreisen der Organisierten Kriminalität in Kalabrien zugerechnet. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar. Die Ermittler prüfen, ob der Angriff mit den langjährigen Auseinandersetzungen zwischen den Clans Abbruzzese und Forastefano zusammenhängt.

Mafia-Mord: Durch Auftragskiller niedergestreckt

Nach Angaben der Ermittler eröffneten mutmaßlich zwei Auftragskiller das Feuer mit einer Kalaschnikow. Die Wucht des Angriffs lasse auf eine gezielte Tat schließen. Für Sibarelli sei jede Hilfe zu spät gekommen. Pepe sei von mehreren Kugeln getroffen worden, unter anderem im Rücken. Er sei einer heiklen Operation unterzogen worden, schwebe nun nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr. Aus Sicherheitsgründen werde er im Krankenhaus von Carabinieri bewacht, heißt es vonseiten der Behörden.

Damiano Pepe ist für die Ermittler kein Unbekannter. Er gilt als ein bedeutendes Mitglied der Organisierten Kriminalität im Norden Kalabriens, das seit Jahren von Auseinandersetzungen im kriminellen Milieu geprägt ist. Im Jahr 2019 kam Pepe nach insgesamt 26 Jahren Haft aus dem Gefängnis frei. Er hatte eine langjährige Strafe wegen Mordes verbüßt. Seine Familiengeschichte ist ebenfalls von tödlicher Gewalt gezeichnet: Sein Bruder Eduardo wurde am 3. Oktober 2002 bei einem bewaffneten Angriff erschossen.

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Der 16.000-Seelen-Ort Cassano allo Ionio in der kalabrischen Provinz Cosenza liegt eingebettet zwischen grünen Hügeln. Doch die Idylle trügt: Es ist einer der Orte mit besonders starker Präsenz der Organisierten Kriminalität.© imago/Independent Photo Agency | Alfonso Di Vincenzo / IPA

Nach damaligen Erkenntnissen stand die Tat im Zusammenhang mit einer blutigen Fehde. Auch ein weiteres einflussreiches Mitglied des Clans kam bei dem damaligen Überfall ums Leben. Während Damiano Pepe im Gefängnis saß, soll sein Bruder innerhalb der kriminellen Strukturen eine führende Rolle übernommen haben. Sein Tod war ein weiterer Einschnitt in einer Auseinandersetzung, deren Folgen die Region über Jahre hinweg begleiteten.

Eines der einflussreichsten kriminellen Netzwerke Europas

Besonders aufmerksam verfolgen die Behörden nun mögliche Verbindungen zwischen dem Angriff und dem Konflikt der Clans Abbruzzese und Forastefano. Beide Clans werden dem kriminellen Umfeld der ’Ndrangheta zugerechnet, der kalabrischen Mafia-Organisation, die zu den einflussreichsten kriminellen Netzwerken Europas zählt. Die Befürchtung der Ermittler: Ein Anschlag auf eine Person mit Verbindungen zu einem mächtigen Clan könnte Gegenreaktionen provozieren.

In der Vergangenheit haben Konflikte innerhalb der organisierten Kriminalität in Kalabrien wiederholt zu bewaffneten Angriffen und weiteren Todesopfern geführt. Ein Beispiel ist das Blutbad in Duisburg im Jahr 2007: Damals waren sechs Italiener vor einem Restaurant auf offener Straße erschossen worden. Auslöser war eine Fehde zwischen zwei ’Ndrangheta-Clans. Der Haupttäter Giovanni Strangio wurde 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Morde zählen zu den aufsehenerregendsten Mafia-Taten in Deutschland.

Angst der Bevölkerung wächst

Während die Ermittler nach Antworten suchen, wächst in Cassano allo Ionio die Sorge um die Sicherheit der Bevölkerung. Der Mord an Sibarelli ist nicht nur ein weiterer Todesfall in einer Region, die seit Jahren unter der Präsenz Organisierter Kriminalität leidet. Die Tat entfacht auch eine Debatte über die staatliche Kontrolle und den Schutz des öffentlichen Lebens neu.

Die ’Ndrangheta ist tief in der Geschichte Kalabriens verwurzelt. Aus kriminellen und gewaltsamen Strukturen entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Organisation, die heute weit über ihre Herkunftsregion hinaus tätig ist.

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Zu ihren wichtigsten Einnahmequellen zählen nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden der internationale Drogenhandel, Erpressung, Waffenhandel und Geldwäsche. Besonders bedeutend ist ihre Rolle im europäischen Kokainhandel. Die Organisation verfügt über weitreichende internationale Kontakte und arbeitet über zahlreiche lokale Gruppierungen, die ihre eigenen Machtbereiche kontrollieren. Diese Strukturen können untereinander kooperieren, geraten aber auch immer wieder in Konflikte.