Liebe Leserin, lieber Leser,

es war ein harter Aufschlag in der Realität, als ich in der vergangenen Woche aus dem Urlaub zurückkehrte. Ich war müde nach kurzer Nacht und dem Flug vor Sonnenaufgang. In der S-Bahn auf dem Heimweg entschied ich mich für einen Stopover im Bahnhofs-Supermarkt. Es war ja nichts im Kühlschrank. Und es war Sonntag. Mit meiner Idee war ich nicht allein, der kleine Edeka war vollgestopft mit Großfamilien, die versuchten, ihre Einkaufswagen irgendwie durch die Gänge zu bugsieren. Gänge, die verstopft waren von der Warteschlange vor den Kassen, die sich durch den ganzen Laden zog. Und dann ich mit Rollkoffer, Rucksack und pulsierenden Schläfen, auf der Suche nach etwas Obst, Gemüse, Eiern und Huhn. Vielleicht wäre ein Döner am Abend die bessere Lösung gewesen.

Ein Supermarktstreit katapultiert mich in die Realität der Metropole

Was die Erholung aus meinem Körper regelrecht aussaugte, war ein Streit zweier Frauen. Die eine stand zu lange am Regal, die andere fühlte sich dadurch auf ihrem Weg gestört. Beide schrien in mein Ohr, und zwar gemeine Wörter, die mit F anfangen.

Birgitta Stauber-Klein Newsletter Bild
Birgitta Stauber, Textchefin der Zentralredaktion© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

An der Kreuzung dann kurz vor der Wohnung schaffte ich es mit meinem Gepäck nicht schnell genug, während der Grünphase die Straße zu überqueren. Ein SUV hupte im Abbiegevorgang, drückte aufs Gaspedal und zog gefühlt mit zehn Zentimeter Abstand an mir vorbei.

Die Meldungen, die mich in den Tagen danach begleiteten, passten dazu: In Essen wurde eine Lehrerin mit einem Messer angegriffen. In Berlin-Wedding ignorierte ein 20-jähriger Mann mit motorstarkem Auto nach mutmaßlichem Drogenkonsum die rote Ampel und raste beim Rechtsabbiegen in eine Kindergruppe. Ein Lastwagen verkeilte sich im Tiergartentunnel und legte tagelang den Verkehr lahm. Der Fahrer hatte mehr als zwei Promille intus.

Nun Touristen-Alptraum: die Standseilbahn in Lissabon

Der ganz normale Wahnsinn geht zum Glück oft glimpflich aus. In Lissabon aber machte ein schweres Unglück den bekanntesten Touristenmagneten zum Ort der Trauer: Die weltberühmte Standseilbahn stürzte ab, mindestens 16 Menschen starben, darunter Touristen aus der ganzen Welt. Ein deutscher Familienvater wurde zunächst fälschlicherweise für tot erklärt, hat aber überlebt. Augenzeugen berichten am Tag danach, wie die Bahn mit den vielen Menschen an Bord zerschellte.

Nach Standseilbahn-Unfall in Lissabon
Auch Touristen kamen beim Unglück der Standseilbahn in Lissabon ums Leben. © Ana Brigida/AP/dpa | Ana Brigida

Nur wenige Tage zuvor war meine Tochter mit ihrer Freundin in Lissabon. „Ihr müsst unbedingt mit der Standseilbahn fahren“, schrieb ich ihr auf WhatsApp. „Viel zu voll“, schrieb sie zurück und postete Bilder vom Balkon der Ferienwohnung mit Zitronensprudel und Oliven. Ich war ein wenig genervt damals. Typisch GenZ, dachte ich. Sie posten lieber den stylischen Balkon, als sich den Stress der Metropole zuzumuten. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Kluges Kind!

Frauen retten Frauen: Reportage aus dem Erdbebengebiet in Afghanistan

Mein Kollege Jan Jessen ist da ganz anders: Als Kriegsreporter geht er immer mitten rein, dort, wo die Menschen um ihr Leben kämpfen, ob in der Ukraine, im Irak, im Westjordanland oder Kabul. Auch in diesen Tagen ist er in Afghanistan unterwegs, gemeinsam mit dem Friedensdorf International, als es Osten des Landes zu einem schweren Erdbeben kommt. Jan Jessen macht sich sofort auf den schwierigen Weg ins Krisengebiet, im Gepäck Hilfslieferungen. 1500 Tote soll es geben. Bilder, die nach außen dringen, zeigen vor allem Männer. Männer zwischen Trümmern, Männer mit Gipsbeinen, Männer, die Tote wegtragen. „Wo sind die Frauen?“, heißt es in den Medien.

Afghanistan-Reportage Erdbeben von Jan Jessen
Eine Ärztin und eine Psychologin helfen Frauen und Kindern nach dem Erdbeben in Afghanistan. © Jan Jessen | Jan Jessen

Mein Kollege hat sie in einem Dorf gefunden: Eine Ärztin und eine Psychologin, die in einem stickigen Zelt sitzen und Frauen und Kinder behandeln. Die Burka, die Ganzkörperverschleierung, zieht sich die Ärztin schließlich vom Kopf. Lesen Sie hier, unter welchen schwierigen Bedingungen die beiden Frauen Leben retten.

In Afghanistan sind Frauen – und damit die Hälfte der Bevölkerung – massiven Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, weil ihnen die Taliban-Herrschaft den Zugang zum öffentlichen Leben schlicht verwehrt. Bildung? Gesundheitsvorsorge? Arbeit? Die Wahrnehmung von Rechten? Ist kaum möglich. Ärztinnen dürfen nicht arbeiten, Ärzte behandelt nur Männer. Mädchenschulen sind geschlossen, Universitäten auch. Jobs verboten. Vieles läuft im Untergrund – auch bei einer Naturkatastrophe, wie die Reportage zeigt.

Mit Geld und Attacke: Gavin Newsom lässt Trump schäumen

Auch in dieser Woche hat es sich gelohnt, nach Amerika zu blicken, genauer: den USA. Trump hat einen Konkurrenten, habe ich gelernt. Es ist Gavin Newsom, der unerschrockene Gouverneur von Kalifornien, ein Demokrat, der sich vorgenommen hat, Trump mit den Mitteln von Trump zu schlagen: Und zwar mit persönlichen Angriffen, massiver Social-Media-Attacke und viel Geld. Immerhin bringt er Trump zum Schäumen vor Wut, schreibt unser USA-Korrespondent Peter de Thier.

Keine Freunde: Gavin Newsom und Donald Trump.
Keine Freunde: Gavin Newsom und Donald Trump. © AFP | MANDEL NGAN

Ein Beispiel will ich hier nicht vorenthalten: Newsom postete einen Srceenshot eines Dialogs mit Grok, der KI-Chat-Box von X, als Antwort auf eine offenkundige Lüge von Trump: „Stimmt es, dass Menschen, die Demenz haben, dieselben Unwahrheiten oft wiederholen?“, fragt der Gouverneur in dem Dialog. Groks Antwort: „Menschen mit Demenz wiederholen oft dieselben Unwahrheiten aufgrund von Gedächtnisschwäche und kognitiven Problemen“. Trump soll Rache geschworen haben. Offenbar will Newsom der nächste Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden. Wir dürfen gespannt sein, welche Chance er hat.

Neonazi. Volksverhetzerin. Auf der Flucht vor der Haft: Das ist „Frau Liebich“

Kennen Sie Marla-Svenja Liebich? Die Frau ist ein gefährlicher Neonazi, verurteilt wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Hausfriedensbruch zu anderthalb Jahren Haft ohne Bewährung. Sie war auch mal ein transfeindlicher Mann. Um das Selbstbestimmungsgesetz vorzuführen, das trans Menschen ermöglicht, ohne erniedrigende Gutachten das Geschlecht zu wechseln, hat sie sich zur Frau erklärt. Als solche gehört sie nun ins Frauengefängnis.

Liebig in JVA
Auf dem Plakat: Neonazi Marla-Svenja Liebich. Sie ist auf der Flucht. © imago/HärtelPRESS | IMAGO/Harry Haertel

In der vergangenen Woche sollte sie zur Haft antreten, sie ließ aber die Frist verstreichen und ist seitdem auf der Flucht. Mein Kollege Christian Unger hat recherchiert, wie die Person ihr Weglaufen als Thriller inszeniert, wie sie in der Szene um Spenden bittet, Merchandising betreibt und mit Spekulationen spielt, sie habe sich ins Ausland (Russland?) abgesetzt. Eine alles in allem unangenehme wie gefährliche Person, die alles daransetzt, den Staat zum Narren zu halten.

Christian Unger erklärt, warum es Ermittler so schwer haben, Personen wie Liebich zu fassen. Und warum es einfacher ist, einen verurteilten Mörder zu jagen als einen rechten Hetzer. So skurril die Geschichte um den Neonazi ist, so schwer verdaulich ist sie auch. Ich hoffe sehr, dass sie bald im Frauenknast landet – und dort noch sehr bereut, das Selbstbestimmungsgesetz mit einem Selbstversuch vorgeführt zu haben.

Energiewende auch für Mieter? So geht‘s

Was uns in der kommenden Woche erwartet: Wir wissen es nicht. Hoffentlich kann ich Ihnen Recherchen, Reportagen und Kommentare empfehlen, die am Ende des Sommers Lust auf den Herbst machen.

Bei der Gelegenheit vielleicht doch noch ein Tipp: Meine Kollegin Theresa Martus erklärt, dass sich nicht nur Immobilienbesitzer an der Energiewende beteiligen können. Etwa mit Fassadendämmung oder Solaranlage. Auch Mieter können mitmachen, ein Stichwort lautet: Balkonkraftwerk. Lesen Sie hier, welche Möglichkeiten es gibt, aber auch, welche Hürden.

Weihnachten: Ein Gartencenter rüstet auf

Und wenn Sie sich wundern, warum Anfang September in den Geschäften schon wieder Lebkuchen verkauft wird: In Italien habe ich mitten im August in einem Gartencenter beim Aufbau des Weihnachtsmarktes zugeschaut. Mit Plüscheisbär in Echtgröße und so viel Glitzerkram, dass ich froh um meine Sonnenbrille war. Die Aufrüstung vor Weihnachten kann offenbar nicht früh genug beginnen. Mir tut es jedenfalls gut, auch mal über solche Banalitäten nachzudenken.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sonntag und eine sonnige Spätsommerwoche.

Herzliche Grüße,
Ihre Birgitta Stauber

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