Es war lange eine Maßnahme aus der Vergangenheit. Für manche ist es eine „lustige Anekdote von damals“, die man sich gelegentlich auf Geburtstagsfeiern erzählt. Doch nun kehrt mit der Wiedereinführung der Musterung für die Bundeswehr auch eine intime Kontrollmaßnahme zurück, über die nicht alle lachen können. Manche sehen ein großes Risiko für einen nicht zu vernachlässigenden Anteil der jungen Männer.
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Wehrdienst: Darum hält die Bundeswehr an Hodenuntersuchungen fest
Denn: Das Abtasten der Hoden, im Volksmund auch „Eierkontrollgriff“ genannt, ist medizinisch umstritten. Eine Untersuchung der Hoden und der Leistengegend auf etwaige Tumore oder Brüche als organisierte Reihenuntersuchung bei unter 20-Jährigen wird laut dem aktuellsten Leitlinienprogramm Onkologie nicht mehr empfohlen. Dennoch hält man bei der Bundeswehr daran fest. Ein Umstand, der im Parlament schon hitzig diskutiert wurde. „Sein praktischer Nutzen ist nicht belegt – seine entwürdigende Wirkung hingegen offenkundig“, sagte Max Lucks (Die Grünen) im Dezember 2025.

Wie eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums gegenüber dieser Redaktion erklärt, geschehe dies nicht aus Sturheit oder Ignoranz. Zwar würden die Prozesse rund um die Musterung im Zuge der Gesetzesänderung aktuell neu bewertet. Momentan verweist man aber auf die „wehrmedizinische Relevanz“ der Hodenuntersuchung. Es gehe darum, „ob billigend in Kauf genommen werden kann, dass potenziell nicht für bestimmte Tätigkeiten geeignete Menschen diese im Rahmen des Dienstes ausführen und dadurch geschädigt werden“, führt die Sprecherin aus.
Zudem ende die regelmäßige Kontrolle der Leistenregion bei Männern oft mit der letzten U-Untersuchung im siebten Lebensjahr beim Kinderarzt. Viele Männer würden erst mit Mitte 40 wieder beim Urologen für etwaige Vorsorgeuntersuchungen vorstellig – anders als Frauen. „Um es ganz deutlich zu sagen: Die palpatorische Untersuchung der Hoden ist kein Relikt aus alten Zeiten oder missachtet etwa anerkannte wissenschaftliche Konzepte“, sagt die Ministeriumssprecherin. Für die Untersuchung der Dienstfähigkeit von Soldatinnen und Soldaten werde eine „Risikobewertung“ zugrunde gelegt, um „Schäden für die Gesundheit“ zu vermeiden.
Bundeswehr-Musterung: Kritik an Eingriff in die Selbstbestimmung
Zu Beginn des Jahres wurde erst einmal nur eine Bereitschaft zum Wehrdienst abgefragt. Eine Musterung sollte nur bei Interesse an einer Bundeswehr-Karriere erfolgen. Davon ist das Verteidigungsministerium nun abgerückt. Nach und nach sollen immer mehr junge Männer zwangsgemustert werden. Vielen von ihnen dürfte nicht bewusst sein, was da auf sie zukommt.
Die Hodenuntersuchung wird in der Regel von einem Arzt der Bundeswehr durchgeführt. Dabei ist immer noch eine weitere Person im Raum. Laut Ministerium findet dieses Sechsaugenprinzip statt, um die Situation für den Untersuchten so sicher wie möglich zu gestalten. Jedoch kann die komplette Nacktheit vor mehreren Fremden bei Opfern von sexualisierter Gewalt alte Traumata wieder hochkommen lassen, argumentieren zumindest Sozialpädagogen.

Dass das Verteidigungsministerium an den Genitaluntersuchungen bei der Rückkehr zur Musterung festhält, kritisiert etwa der Sozialpädagoge Stefan O. scharf. Der Lehrbeauftragte im Sozialwesen mit Schwerpunkt Kindheitspädagogik und Entwicklungspsychologie möchte aufgrund seiner Tätigkeit im öffentlichen Dienst nicht seinen vollen Namen öffentlich machen. Im Gespräch mit dieser Redaktion nennt er die Hodenabtastung bei der Musterung „eine verpflichtende Intimuntersuchung, die die körperliche Selbstbestimmung“ von jungen Erwachsenen verletzt. Die Maßnahme belaste „junge Männer in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase – typischerweise 17 bis 20 Jahre – unnötig“.
In diesem Alter seien die Identitätsbildung, die Selbstwirksamkeit, das Körperbewusstsein und die Fähigkeit zur Grenzsetzung zentrale Entwicklungsaufgaben, sagt der Pädagoge weiter. Und betont: „Eingriffe in die körperliche Integrität in dieser Phase können das Vertrauen in Institutionen untergraben, das Selbstbild nachhaltig stören und das Körperempfinden langfristig beeinträchtigen.“
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Kann die Musterung bei jungen Männern traumatische Erlebnisse reaktivieren?
Zudem warnt der Sozialpädagoge vor einem unterschätzten Problem: „Unter den Wehrpflichtigen befinden sich auch Betroffene sexualisierter Gewalt, ohne dass dies jeweils bekannt ist. Für sie kann eine verpflichtende Intimuntersuchung traumareaktive Symptome auslösen oder verstärken.“ Darauf weist auch die Statistik hin. Laut aktuellen Daten des Bundeskriminalamtes (BKA) wurden im Jahr 2024 bundesweit 18.085 Kinder sowie 1259 Jugendliche Opfer von sexualisierter Gewalt, mehr als ein Viertel davon ist männlich. Dunkelfeldstudien des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung Mannheim aus dem vergangenen Jahr ergaben zudem, dass 4,8 Prozent der Männer in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben. Unter den Betroffenen insgesamt hatte mehr als ein Drittel bislang mit niemandem darüber gesprochen.
Stefan O. fordert daher eine Reform der Musterung, damit diese Maßnahme künftig evidenzbasiert gestaltet wird. Zudem möchte er, dass bei der Musterung die körperliche Selbstbestimmung sowie die psychische Gesundheit in den Fokus rücken. Bisher stelle das Prozedere aus seiner Sicht nur die Fortsetzung eines überholten und potenziell traumatisierenden Rituals dar.
Debatte um die Musterung: Transparente Untersuchungen können Retraumatisierungen vermeiden
Beim Aspekt der Retraumatisierung ist Stefan Schröder von der MUT-Traumahilfe für Männer skeptisch. Die Organisation bietet Beratungs- und Unterstützungsangebote für männliche Opfer von sexualisierter Gewalt an und befasst sich tagtäglich mit den Auswirkungen von Traumata. Es gebe so viele Formen von sexualisierter Gewalt, dass es schwierig abzuschätzen sei, ob nun die Musterung etwas „triggern“ könne, meint Schröder. „Zur Vermeidung von Retraumatisierung kann sicherlich beitragen, dass schon vorher transparent ist, welche Untersuchungen durchgeführt werden, und während der Untersuchung dann jede Berührung vor der Durchführung dieser angekündigt sowie das aktive Einverständnis der betroffenen Person eingeholt wird“, sagte er dieser Redaktion.
Zudem unterstreicht Schröder, dass das Sechsaugenprinzip der Bundeswehr seine Berechtigung hat. „Wichtig ist, dass bei der Untersuchung eine weitere Person mit im Raum ist, damit sich die zu untersuchende Person sicherer fühlen kann“, erklärt er. Es sei jedoch ebenfalls von großer Bedeutung, dass Untersuchte vorab über alle Maßnahmen Bescheid wüssten und diese im Zweifelsfall auch ablehnen können. Und wenn Fachleute berurteilten, dass eine Hodenuntersuchung eine notwendige Maßnahme ist, sehe er dies nicht als „erzwungenen Eingriff“ an. Gleichwohl betont er, dass die Frage der Notwendigkeit nicht nur von Bundeswehr-Fachkräften eingeschätzt werden sollte.
Der Forderung von Stefan O. schließt sich auch Raphael Schulmeister-Dick, Lehrkraft aus Oberbayern, an. Unter seinen Schülern nimmt er derzeit „Sorge und Wut“ wahr, wie er sie bereits zur Zeit seiner Musterung kurz vor der Aussetzung der Wehrpflicht erlebt hat.
Kritik an Bundeswehr-Musterung: Pädagoge fordert Änderung der Untersuchungspraxis
Dass weiterhin an der routinemäßigen Untersuchung der Genitalregion festgehalten wird, erschüttert den Pädagogen. „Die Musterung ist kein normaler Arztbesuch. Sie ist ein staatlich angeordnetes Beurteilungsverfahren mit starkem Machtgefälle. Dabei standardmäßig eine Untersuchung am zeitweise vollständig entkleideten Körper einzufordern, ohne freie Arztwahl und unter Anwesenheit einer Assistenzkraft, halte ich nicht nur für unsensibel, sondern – besonders bei jenen, die ihr Interesse am Wehrdienst vorab verneint haben – für übergriffig“, sagt er.
Er verweist auf urologische Leitlinien, die sich ausdrücklich gegen anlasslose Screenings aussprechen, sowie auf die Auskunft einer Sprecherin der Bundeswehr in Köln, wonach 99,5 Prozent aller Untersuchungen im Genitalbereich unauffällig wären. Daher setzt er sich für eine „Untersuchungspraxis ein, die die Intimsphäre wahrt“. Ein entsprechendes Schreiben hat er in den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingebracht.
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Auf einen Aspekt verweist das Verteidigungsministerium jedoch: Junge Männer, die auf ihre Wehrdiensttauglichkeit geprüft werden, können die Untersuchung vorab von einem zivilen Facharzt durchführen lassen. Sollten sie sich im Verlauf der Musterung dafür entscheiden, das Hodenabtasten zu verweigern, wird nachträglich ein Befund durch einen Urologen eingefordert. Ein Silberstreif am Horizont also.
Der Berufsschullehrer kritisiert hierbei dennoch den indirekten Zwang: Die zuletzt 2024 überarbeitete Dienstvorschrift sieht immer noch vor, dass bei Verweigerung der Genitaluntersuchung eine fachärztliche Begutachtung veranlasst werden soll. „Man wird trotz mangelnder medizinischer Evidenz buchstäblich zu dieser Untersuchung gedrängt. Diese unverhältnismäßige und schamverletzende Praxis verletzt das Recht auf körperliche Selbstbestimmung massiv“, kritisiert Schulmeister-Dick.
Sexuelle Gewalt: Missbrauchsbeauftragte warnt vor Risiken bei Bundeswehr
Auch die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM), Kerstin Claus, widmet sich schon seit Längerem diesem Thema. Denn strenge Hierarchien und ein unbedingter Gehorsam in einem abgeschlossenen System wie dem der Bundeswehr seien ein „gefährlicher Nährboden“, sagte sie dieser Redaktion. Das machten bekannt gewordene Übergriffe – wie kürzlich bei den Fallschirmjägern – immer wieder deutlich, betont Claus.
Unter den Musterungswilligen gebe es schließlich einen nicht unerheblichen Anteil, der von sexueller Gewalt betroffen war oder ist. „Vor diesem Hintergrund ist es zentral, dass diejenigen Fachkräfte, die eine Genitaluntersuchung vornehmen, sich der potenziellen Belastungen eines solchen Eingriffs in die Intimsphäre bewusst sind“, so Claus. Im Zuge des neuen Wehrdienstes ist die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung daher im Austausch mit dem Wehrbeauftragten Henning Otte, so wie es bereits mit dessen Vorgängern üblich war. Ein Treffen der beiden ist in Kürze vorgesehen.

Letztlich geht es Claus, so wie vielen anderen, um einen zentralen Punkt: „Dort, wo der Staat in dieser Weise in die Intimsphäre junger Menschen eingreift, braucht es transparente Aufklärung, geschützte Rahmenbedingungen und funktionierende Beschwerdestrukturen.“ Daher begrüße sie die ermöglichten Untersuchungen durch zivile Mediziner. Eines zeigen also sowohl die Aussagen aller Beteiligten als auch die Debatte selbst: Die Bemühungen um Reformen im besten Sinne der Wehrpflichtigen sind groß – das endgültige Ergebnis ist aber noch offen.
Dieser Artikel erschien erstmalig im März dieses Jahres.





