Ein Mann im weißen T-Shirt kauert hinter einem grauen Auto. Er ballt die Hände zu Fäusten. Dann rennt er auf einmal los und springt von hinten auf einen anderen Mann, der schwarzgekleidet ist und ein Sturmgewehr in den Händen hält. Der Mann im weißen T-Shirt überwältigt in wenigen Sekunden den Schützen, reißt ihn zu Boden und entreißt ihm das große Gewehr aus den Händen. Der Passant, der in australischen Medien bereits als „Held“ gefeiert wird, zielt auf den Schützen, drückt jedoch nicht ab. Der Schütze flieht.
Auch interessant
Diese dramatischen Szenen hat ein Augenzeuge im australischen Sydney am Sonntagabend (Ortszeit) aufgenommen. Wenige Minuten vorher schoss der Schütze auf Menschen, die friedlich am weltberühmten Bondi Beach zusammengekommen waren, um das jüdische Fest Chanukka zu feiern. Wie die australische Polizei am Sonntag bekannt gab, haben zwei Schützen gegen 18.40 Uhr das Feuer am Strand eröffnet. In der Nacht zu Montag stieg die Zahl der Toten auf 16. 40 weitere Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer. Einer der mutmaßlichen Täter wurde bei dem Schusswechsel mit der Polizei getötet. Ein zweiter mutmaßlicher Schütze befindet sich in Polizeigewahrsam – er ist selbst schwer verletzt – sein Zustand ist kritisch.
This brave old man attacked one of the shooters & snatched the gun from him at Bondi beach, Australia! pic.twitter.com/KOzPPEC1by
— Notorious kendrix 🚀 (@AbasienoSam) 14. Dezember 2025
Anschlag in Sidney: Viele Eltern waren mit ihren Kindern da, um Chanukka zu feiern
Was sich in diesen nüchternen Zahlen zusammenfasst, begann an einem Sommerabend (in Australien ist gerade Sommer), der kaum australischer hätte sein können. Bondi Beach, einer der beliebtesten Strände Sydneys war an diesem Sonntag – bei rund 30 Grad und schon tiefstehender Sonne – eigentlich ein Bild der Idylle. Familien saßen im Sand, Kinder spielten am Wasser, Touristen schlenderten entlang der Promenade, als Schüsse die Strandidylle zerrissen.
In sozialen Netzwerken verbreiten sich schnell Videos vom Tatort: Menschen fliehen panisch vom Strand, Verletzte liegen am Boden, Sanitäter knien neben ihnen und leisten Erste Hilfe. Szenen, die man eher aus den USA kennt, wirken hier in Australien umso erschütternder – einem Land mit strengen Waffengesetzen und vergleichsweise wenig Schusswaffengewalt.
Auch interessant
Der NSW-Rettungsdienst (NSW Ambulance) wurde nach eigenen Angaben um 18.45 Uhr alarmiert. Zunächst bestätigte der Dienst, dass sechs Menschen mit Schussverletzungen in umliegende Krankenhäuser gebracht worden seien. Später folgte die Korrektur und die Zahlen der Toten und Verletzten stiegen dramatisch an. 25 Rettungseinheiten waren im Einsatz, darunter Hubschrauber.
Chris Minns, Regierungschef des australischen Bundesstaats New South Wales, erklärte noch am Sonntagabend, dass es sich beim Angriff um einen antisemitischer Anschlag gehandelt hat: „Dieser Angriff zielte darauf ab, die jüdische Gemeinde Sydneys am ersten Tag von Chanukka anzugreifen.“ Der Polizeichef von New South Wales, Mal Lanyon, bezeichnete die Attacke vor Journalisten als „terroristischen Vorfall“.

Terror am Bondi Beach: Ein Attentäter war den Behörden bekannt
Zum Zeitpunkt der Schüsse fand am Strand eine Veranstaltung der jüdischen Gemeinde statt. Hunderte Menschen waren zusammengekommen, viele Familien mit Kindern. Alex Ryvchin, Co-Geschäftsführer des Executive Council of Australian Jewry (ECAJ), sagte im Radiosender 2GB, die Schießerei habe sich während dieser Veranstaltung ereignet. Der Mediendirektor der Organisation sei verletzt worden. „Hunderte von Menschen waren versammelt. Es ist eine Familienveranstaltung“, sagte Ryvchin. „Sie hörten dutzende knallende Geräusche. Und die Leute fingen einfach an zu rennen, ihre Kinder zu schnappen. Es war Chaos.“

Augenzeugenberichte zeichnen ein Bild von Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Ein Zeuge sagte dem öffentlich-rechtlichen Sender ABC, die Schüsse hätten etwa zehn Minuten lang angedauert – „absolute Hölle auf Erden“. Er habe Menschen in Blutlachen liegen sehen. Ein anderer Mann berichtete gegenüber ABC, er habe zwei schwarz gekleidete Schützen auf einer Fußgängerbrücke nahe eines Parkplatzes gesehen, die auf die im Park versammelten Menschen gefeuert hätten.
Einer der Täter des Terroranschlags am Bondi Beach war den Ermittlungsbehörden bekannt. Das meldet der „Spiegel“ unter Berufung auf den australischen Inlandsnachrichtendienstes Asio. Dessen Chef Mike Burgess sagte: „Wie der Polizei von New South Wales war auch uns eine dieser Personen bekannt, allerdings nicht als unmittelbare Bedrohung, daher müssen wir untersuchen, was hier passiert ist.“ Weitere Details zur Identität der Verdächtigen hat die Polizei bislang nicht veröffentlicht. Die Wohnung des Mannes in Bonnyrigg, einem Vorort von Sydney, wurde laut „ABC Australia“ noch am Sonntagabend durchsucht
Israels Staatspräsident Herzog: „Grausamer Angriff auf Juden“
Auch international löste der Anschlag Entsetzen und Anteilnahme aus. Der israelische Staatspräsident Isaac Herzog sprach von einem Anschlag auf die jüdische Gemeinde. „In genau diesen Momenten sind unsere Schwestern und Brüder in Sydney, Australien, von abscheulichen Terroristen angegriffen worden – bei einem äußerst grausamen Angriff auf Juden, die sich versammelt hatten, um am Bondi Beach die erste Chanukka-Kerze zu entzünden“, sagte Herzog nach Angaben seines Büros in Jerusalem.
- Geschichte: Israel als Heimat für alle Juden – Was ist Zionismus?
- Israels Armee: Was ist die IDF? Wie funktioniert sie?
- Vorteile im Gefecht: Darum tragen Israels Soldaten eine einzigartige Tarnhaube
- Raketen-Abwehr: Wie effektiv ist Israels Schutzschild „Iron Dome“?
- Nukleare Abschreckung: Atommacht Israel im Krieg: Droht jetzt die Eskalation?
Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich entsetzt nach dem Angriff am Bondi Beach. „Dies ist ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte. Diesem Antisemitismus müssen wir Einhalt gebieten – hier in Deutschland und weltweit“, schrieb Merz auf der Social-Media-Netzwerk X.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb in sozialen Netzwerken, sie sei schockiert über den Angriff. Europa stehe an der Seite Australiens und der jüdischen Gemeinschaften überall. „Wir sind vereint gegen Gewalt, Antisemitismus und Hass“, betonte sie.
Ähnlich äußerte sich auch EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas. Kallas erklärte: „Dieser abscheuliche Akt der Gewalt gegen die jüdische Gemeinschaft muss aufs Schärfste verurteilt werden.“ Metsola schrieb zu einem Bild von einem Leuchter für das jüdische Lichterfest Chanukka: „Dieses Licht wird nicht erlöschen.“
Auch in Deutschland bestehe weiterhin eine abstrakt erhebliche Gefährdungslage für jüdische Einrichtungen. Die Sicherheitsbehörden seien aber gut aufgestellt: „Wichtig ist, dass wir uns von Terror und Hass nicht einschüchtern lassen – weder an Chanukka noch auf Weihnachtsmärkten“, sagte Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.



