Liebe Leserin, lieber Leser,
als junge Journalistin traf ich die Offenburger Malerin Gretel Haas-Gerber. Sie muss damals über 90 Jahre alt gewesen sein, jedenfalls waren in meiner Erinnerung ihre Glieder steinalt, ihr Kopf aber produzierte hellwache und erstaunlich fortschrittliche Gedanken, als sie mich durch ihr Atelier führte und mir ihre vielen Bilder zeigte, ihre Figuren, die ausdrucksstarken Frauen im Stil der Neuen Sachlichkeit. Sie sprach über die Kriegsjahre, über ihren Willen, Kunst zu machen trotz widriger Umstände, über ihr Studium, das sie noch mit über 60 Jahren startete.

Fünf Kinder und dann noch Künstlerin? „Windeln wechselte ich nicht“
Mich interessierte, wie sie all das schaffen konnte als Mutter von fünf Kindern. Sie wischte die Frage beiseite mit dem lapidar dahingeworfenen Satz: „Wir hatten Personal. Windeln wechselte ich keine“. Was ich daraus für mein Leben mitnahm: Du brauchst Leute, die dir den Rücken freihalten, wenn du Beruf und Familie vereinbaren willst.
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Als meine Kinder zu Welt kamen, gab es weder bezahlte Elternzeit noch Elterngeld und erst recht keine Kita-Betreuung für Kinder unter drei. Hinzu kamen meine ungünstigen Arbeitszeiten in den Abend hinein. Also bezahlten wir erst eine Nanny und ließen dann ein Au Pair bei uns wohnen. Dass mein Gehalt unser Haushaltseinkommen bereicherte, davon konnte kaum eine Rede sen. Für uns war es eine Investition in mein weiteres Berufsleben. Den Vorwurf, das sei privilegiert, wischte ich ebenso beiseite wie die Künstlerin Gretel Haas-Gerber meine Frage nach ihren Kindern.
Kaum zu glauben: Den Kitas gehen die Kinder aus
Heute ist die Kita der Schlüssel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Familienleben ohne Kita können sich heute junge Familien gar nicht vorstellen. Nannys sind zu teuer, für Au Pairs fehlt in den teuren Wohnungen in Städten wie Berlin, Hamburg oder Düsseldorf der Platz. So war in den vergangenen Jahren meist die erste Frage, sobald die Schwangerschaft bestätigt war: Hast du schon einen Kita-Platz? Mir berichteten Eltern von langen Wartelisten, Vorstellungsgesprächen und dem Druck, Zusatzgebühren für Kurse wie Kinder-Yoga oder Französisch zu bezahlen. Und einer Kita-Realität, die von Notbetreuung, Krankheitswellen, überfordertem Erziehungspersonal geprägt war. Ich dachte oft: Wie kann man als Mutter oder Vater unter diesem Druck überhaupt mit klarem Kopf arbeiten?
Im vergangenen Sommer aber sah ich bei uns im Viertel die ersten Zettel an Straßenlaternen und Spielplatz-Zäunen: Kita-Platz frei. Im Herbst kamen Anzeigen auf schwarzen Brettern in den Supermärkten hinzu. Ein Nachbar erzählte, er habe für seinen 12 Monate alten Sohn nun drei Plätze zur Auswahl: Montessori, deutsch-englisch bilingual und kirchlich, fußläufig sind sie alle drei.
Meine Kollegin Theresa Martus hat meine Beobachtung mit Fakten unterfüttert: Den Kitas gehen in den Metropolen wie Berlin und Hamburg und auch in Ostdeutschland die Kinder aus. Sie sprach mit Familienministerin Karin Prien (CDU), Vertretern von Trägern und Experten. Die einen sehen den Trend aus Angst vor fehlenden Einnahmen mit Sorge, die anderen freuen sich über die Chance, jetzt endlich die Gruppen zu verkleinern und die Qualität insgesamt zu verbessern. Damit Erzieherinnen und Erzieher – in diesem Job besteht großer Fachkräftemangel – endlich wieder Freude an ihrem Job haben, die Kinder weniger gestresst sind und besser gefördert werden und Eltern unbelasteter Familie und Beruf vereinbaren können. Klingt alles super, finde ich, vorausgesetzt, die Kommunen nutzen die Chance und streichen nicht einfach Gruppen zusammen oder schließen Einrichtungen ganz.
Mit Schnupfen ins Büro und schmerzendem Rücken hinter den Tresen?
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ja ein wichtiger Bestandteil der Work-Life-Balance. Und wenn die gestört ist, infzieren wir uns schneller zum Beispiel mit Grippe-Viren. Das führt mich zu einem Thema dieser Woche, das alle angeht: Wir sind zu oft krank. Zumindest sagt das der Kanzler. Und das belaste unser Gesundheitssystem zu sehr. Da gibt es natürlich viel Widerspruch: Sollen wir uns etwa mit Migräne, heftigem Schnupfen, stechender Bandscheibe in die Büros, Behörden, an die Verkaufstresen oder auf die Baustellen schleppen? Und stimmt das eigentlich, dass die Deutschen Europameister im Blaumachen sind? Ist etwa die bequeme wie niedrigschwellige telefonische Krankschreibung dran schuld?
Meine Kollegin Katharina Engeln stellt fest: Tatsächlich fehlen die Deutschen im Schnitt fast drei Wochen mit Krankenschein am Arbeitsplatz. Damit liegen wir international an der Spitze. Aber ganz so schwarz-weiß können die Zahlen nicht betrachtet werden. Für die CDU sind sie aber Grundlage genug, um die Regeln zur Krankschreibung auf den Prüfstand zu stellen. Wie auch immer: Jedenfalls hat Merz einen Nerv getroffen, wie Straßenumfragen und viele Meinungsbeiträge zeigen. „Nicht bei jedem Schnupfen blau machen“, ist da zu hören. „Wir haben früher bei Migräne eine Tablette genommen“, ist auch so ein Argument. Also Zähne zusammenbeißen, nicht so anstellen. Dieses Arbeitsethos mögen aber nicht alle. Nicht umsonst ist der „Mental Health Day“ ein Begriff, den ich von der Gen Z gelernt habe. Er wird eingesetzt für eine bessere „Awareness“ über das Stresslevel. Denn das ist in Schach zu halten, damit er nicht in den wirklich krank machenden Bereich ausschlägt.

Mein Vokabular ist das nicht, auch wenn mir die Wörter gefallen. Sie klingen wie Meditation, und die tut ja auch oft gut. Mir hilft eher eine Laufrunde im Park. Und bei Kopfschmerzen eine Tablette. Gleichzeitig bin ich aber auch froh, dass wir keine Karenztage haben und uns im Zweifelsfall so unkompliziert krankschreiben lassen können. Mir nimmt das jedenfalls den ungesunden Druck.
Zurück zu Merz: Was man auch immer hält von seiner Kritik an den vielen Krankentagen der Deutschen – er hat es geschafft, eine ordentliche Debatte anzustoßen, obwohl die geopolitische Lage rund um Grönland, Ukraine, Iran und Nordsyrien innenpolitische Themen zu Marginalien verkommen lässt.
Kanzler Knallhart: Friedrich Merz setzt auf Klartet
Der Kanzler haut eben auch mal Sachen raus. Das lässt er sich trotz der Stadtbild-Debatte aus dem vergangenen Herbst nicht nehmen. Beim Iran klingt das so: Das Mullah-Regime der Islamischen Republik sei „faktisch“ am Ende. Das ist mindestens eine mutige Aussage.

Klartext ist inzwischen auch sein Prinzip im Umgang mit Donald Trump, dabei hat er lange vermieden, den US-Präsidenten öffentlich zu kritisieren. Mein Kollege Jan Dörner hat sich die jüngsten Aussagen von Merz in dieser „Grönland-Horrorwoche“ genauer angesehen. Der Kanzler lässt keinen Zweifel daran, womit die USA rechnen müssten, wenn sie neue Zölle verhängen. Nach dem Motto: Trump droht – dann droht Deutschland, dann droht die EU zurück, und zwar geschlossen. Mit Bazooka gegen Trumps Wankelmütigkeit. Für Thorsten Knuf ist das genau der richtige Weg, kommentiert er angesichts der aktuellen Entwicklungen rund um das Verhältnis zwischen den USA und der Europäischen Union: „Jetzt hilft nur noch die Blutgrätsche.“
Das war vor 20 Jahren auch nicht anders
Was mich in dieser Woche überrascht: In Russland grassiert nach wie vor Aids. Das wirft ein Schlaglicht auf eine völlig rückwärtsgewandte Gesundheitspolitik unter Machthaber Putin. Ich war vor 20 Jahren in St. Petersburg, um über die Aidshilfe dort zu schreiben. Schon damals wurden Kranke und Infizierte wider jegliche Erkenntnis über die Ansteckungsgefahr massiv stigmatisiert, vor allem Kinder hatten kaum eine Chance auf Teilhabe und eine gute Versorgung. Nun lese ich im Report von unserem Korrespondenten Jo Angerer, dass die Zahl der HIV-Infizierten immer noch steigt. Unter Soldaten. Unter Heterosexuellen. Infizierte werden verhört wie Verbrecher, die Ächtung gibt es nach wie vor, und die NGOs, die in den Nuller-Jahren noch halfen, mussten ihre Hilfsangebote einstellen.
Auch das noch: Die Kaulitz-Brüder sollen „Wetten, dass“ moderieren
In den vergangenen Wochen habe ich ja schon den ein oder anderen Quatsch der öffentlich-rechtlichen Unterhaltung unter die Lupe genommen, darunter die misslungene Ausgabe der Sendung „Die 100“, die bei mir heftige Fremdscham auslöste. Und jetzt ersetzen sie die Entertainer-Legende Thomas Gottschalk durch die Kaulitz-Brüder.

Ich halte mich da jetzt mal zurück mit meiner Meinung. Wobei – ein kleiner Hinweis sei erlaubt: Ich bin froh über meine Streaming-Dienste, die mich vom linearen Fernsehen unabhängig machen. So muss ich mir nicht vorsetzen lassen, was mir das Programm vorschreibt, sondern kann auswählen, was meine Höhepunkte werden. Dafür zahle ich gerne, ob öffentlich-rechtlich oder Netflix und Co. Wenn Sie aber gespannt sind, was sie demnächst mit Kaulitz und Kaulitz bei „Wetten, dass“ erwartet: Hier lesen Sie mehr. Und ein Pro & Contra dazu kann ich Ihnen auch bieten.
Wie immer wünsche ich Ihnen eine entspannten Sonntag. Kommen Sie gut durch die nächste Woche, Ihre
Ihre Birgitta Stauber



