Es ist ein undankbarer Moment: Freitagabend, beim CDU-Parteitag in Stuttgart. Alle sind erschöpft, die Digitalpanne hat alles um Stunden verzögert. Friedrich Merz hat ein gutes Wahlergebnis als Parteichef bekommen, jetzt sollen schnell noch seine Stellvertreter gewählt werden. Seine Vize Karin Prien könnte es ganz kurz machen mit der Vorstellung, jeder kennt sie hier. Aber sie will den Moment nutzen. Sie braucht dafür nur eine Minute.
„Ich bin 60 Jahre alt, ich bin 30 Jahre verheiratet, mehr als 40 Jahre Mitglied der CDU und alle meine Kinder sind jetzt älter als 20.“ Sie kämpfe für bessere Chancen für Kinder und Jugendliche, sagt sie und bringt auch noch das CDU-Lieblingswortmonster „Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit“ unter. Ihr zentraler Satz: „Ich stehe für eine Gesellschaftspolitik aus der Mitte für die Mitte.“ Es ist ein Satz, der gut zur Familienministerin passt. Es ist ein Satz, der in den Tag passt, an dem die CDU die Rückkehr von Angela Merkel gefeiert hat, die Kanzlerin der Mitte. Und passt er nicht auch zu der Rolle, die ihr mancher gerade zuschreibt – als mögliche Kandidatin der Union für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier?

Prien bekommt beim Parteitag bei der Wahl zur Merz-Stellvertreterin 70,07 Prozent der Stimmen. Das ist vergleichsweise wenig – aber für Prien eine deutliche Steigerung: Zwei Jahre zuvor hatte sie mit rund 58 Prozent ein sehr schlechtes Ergebnis bekommen, es galt damals auch als Denkzettel für ihren liberalen Landesverband, für Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther. Ein Jahr später machte Merz die Frau, die früher als eine seiner schärfsten innerparteilichen Kritikerinnen zählte, zur Ministerin für Familie und Bildung. Ein beachtlicher Schritt, für beide. Beim Parteitag lobt Merz seine Ministerin: Sie setze sich „wie keine andere“ für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein.

Wer sich in der Union umhört, nach möglichen Kandidatinnen für das Amt der Bundespräsidentin, trifft auf zwei Reaktionen: Die einen deklinieren Namen durch – darunter auch den von Karin Prien. Die anderen betonen, dass die Suche noch derart am Anfang sei, dass die alte Regel gilt: Je öfter ein Name fällt, desto unwahrscheinlicher ist, dass derjenige es am Ende auch wird.
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Immerhin: Friedrich Merz hat offenbar angefangen, sich ernsthaft Gedanken über einen Vorschlag zu machen. Konkret dürfte es frühestens nach den Landtagswahlen im März werden, vermutlich lässt sich Merz Zeit bis zum Sommer. Dabei schaut er nicht nur auf aktive Politikerinnen und Politiker. Wichtig ist Merz, dass auf Steinmeier jemand folgt, der in stürmischen Zeiten steht und nicht wankt.

Merz sucht die Superfrau – als Nachfolgerin für Frank-Walter Steinmeier
Für Prien sprechen viele Gründe – aus Sicht ihrer Befürworter: Sie hat als Bundesministerin politisches Gewicht, gilt als integer und wählbar auch von Grünen und Sozialdemokraten. Ein starkes Signal könne es zudem sein, wenn Prien als erste Frau und als erste Kandidatin mit jüdischen Wurzeln ins Schloss Bellevue einziehen würde. Erst vor wenigen Monaten hatte Prien im Podcast dieser Redaktion erstmals ausführlich über die Entscheidung gesprochen, öffentlich über ihre jüdischen Wurzeln zu reden. Ihre Mutter hatte ihr als Tochter von Holocaustüberlebenden immer davon abgeraten.
Gegen Prien spricht aber auch einiges – aus Sicht der Skeptiker: Sie gilt nicht gerade als fulminante Rednerin, habe noch keinen echten politischen Paukenschlag hingelegt. Dahinter steht bei vielen die Sehnsucht nach einem zweiten Joachim Gauck. Überparteilich, wortgewaltig, mit geradezu zeithistorischem Gewicht. Viele in der Union lieben ihn bis heute für seinen legendären Satz in der Fluchtkrise von 2015: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Viele, die von Steinmeier enttäuscht sind, träumen jetzt von einem präsidialen Supermann oder einer Superfrau.
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Merkel hat schon abgesagt – aber gilt das für alle Zeiten?
Solange keine weiteren Namen auftauchen, steht Karin Prien unter besonderer Beobachtung. Und: Solange sie niemand öffentlich vorschlägt, muss sie sich auch nicht äußern. Anders als Angela Merkel, die Gedankenspiele zu einer Kandidatur klar zurückwies, sieht Prien aber im Moment auch keine Notwendigkeit, den Spekulationen ein Stoppschild hinzustellen.
Merkels Stoppschild allerdings könnte auch wieder eingesammelt werden: In der Union gibt es nach wie vor echte Fans und viele andere, die finden, dass Merkel doch genau das Profil mitbringt, das alle suchen: weiblich, politisches Schwergewicht, Strahlkraft über Deutschland hinaus, verbindend für Ost und West, vermittelbar bei SPD und Grünen. Vielleicht ist ja das letzte Wort noch nicht gesprochen? Vielleicht wird es am Ende doch Merkel? In der Union gibt es manchen, der das hofft.
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Ob Merz über seinen Schatten springen könnte und Merkel vorschlagen würde, ist offen. Nach den versöhnlichen Szenen vom Stuttgarter Parteitag ist es zumindest nicht mehr abwegig. Die Delegierten hatten die Altkanzlerin begeistert empfangen, Merkel war zum ersten Mal seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt wieder bei einem Parteitag.
In einem Punkt soll es immerhin jetzt Klarheit geben: An diesem Donnerstag soll nach Informationen dieser Redaktion der Ältestenrat über das Datum für die Bundespräsidentenwahl entscheiden. Union und SPD wollen die Wahl auf den 30. Januar 2027 legen. Drei Tage nach dem Holocaust-Gedenktag.








