Zusammenfassung

  • Boris Palmer unterstützt seinen langjährigen Freund Cem Özdemir im Wahlkampf in Baden-Württemberg.
  • Vor wenigen Tagen traten der Grüne-Spitzenkandidat und der ehemalige Grünen-Politiker und jetzige unabhängige Oberbürgermeister von Tübingen gemeinsam bei einer Veranstaltung auf.
  • Palmer zeigt sich offen für eine Rückkehr zu den Grünen, lässt seine politische Zukunft aber noch offen.

Schon mutig, dass die grüne Landtagskandidatin Hanna Stauß aus Sigmaringen die „drei populärsten Politiker von Baden-Württemberg“ ins 7000-Einwohner-Dorf Ostrach auf die Schwäbische Alb einlädt. Mit 6,6 Prozent Grünen-Wählern bei der Bundestagswahl, 38,8 Prozent für die CDU und 28,6 Prozent für die AfD dürfte das kein Heimspiel sein. Ist es aber. Der örtliche Spielmannszug marschiert ein in die überfüllte Buchbühlhalle mit ihren 600 Plätzen, Applaus brandet auf, als Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Spitzenkandidatin Cem Özdemir (Grüne) und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) zur Bühne schreiten. „Unsere drei Musketiere“, schwärmt Stauß bei der Begrüßung.

Bei der Vorstellung von Palmer erinnert sie daran, dass der in Tübingen dreimal absolute Mehrheiten geholt habe. Hört man sich im Publikum um, sagen viele, dass sie wegen einem da seien: Boris Palmer, dem Mann, der 27 Jahre lang Mitglied der Grünen war, aber wegen eigenwilliger Bemerkungen zu Migration und Wokeness schon öfter mit der Bundespartei im Clinch lag. Nach der Verwendung des N-Wortes bei einem hitzigen Wortgefecht an der Frankfurter Uni kam Palmer einer Ausschlussdebatte zuvor und erklärte im Mai 2023 seinen Austritt aus der Partei. Seitdem ist er noch gefragter Gast in TV-Talk-Runden.

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Einfach sei es mit dem Palmer „nicht immer“, sagt Winfried Kretschmann

Jetzt ist er zurück auf der grünen Bühne. Er unterstütze Özdemir, wo er nur könne, sagt Palmer, schließlich sei man seit 25 Jahren befreundet. Drei Wahlkampfauftritte hat er für ihn. Als „Palmer-Booster“ könnte der OB für Özdemir den letzten Schub bringen. Özdemir hat in jüngsten Umfragen stark aufgeholt. Wahlkampfhilfe von grüner Bundesprominenz wie Parteichef Felix Banaszak oder den Fraktionschefinnen Katharina Dröge und Britta Haßelmann hat und braucht Özdemir gar nicht.

„Danke für die Bemühungen um eine Resozialisierung“, sagt Palmer in Ostrach. Er erinnert daran, dass ja auch Kretschmann und Özdemir schon „ihre Geschichten mit der Partei“ gehabt hätten. So habe Kretschmann 1989 vor einem Parteiausschlussverfahren gestanden, nachdem er sich für Müllverbrennungsanlagen ausgesprochen hatte. Und 2009 hatte ein Grünen-Landesparteitag dem damals designierten Grünen-Bundesvorsitzenden Özdemir einen erfolgreichen Listenplatz versagt – eine schwere Demütigung. Kretschmann, Özdemir und Palmer gehörten immer zum Realo-Flügel der Grünen, das eint sie bis heute. Der noch amtierende Ministerpräsident lobt die Intelligenz von Palmer: „Der ist gescheiter als ich“, sagt Kretschmann. Aber „einfach“ sei es mit ihm „nicht immer“.

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Boris Palmer organisierte Brautstrauß für Özdemirs Hochzeit

Özdemir hat sich von Palmer am Valentinstag im Rathaus von Tübingen zu mitternächtlicher Stunde standesamtlich mit seiner Partnerin Flavia Zaka trauen lassen. Kreditwürdig ist seine Freundschaft zu dem populären Bürgermeister auch. So schilderte Palmer, wie er dem Bräutigam kurz vor der Trauung noch 40 Rosen als Brautstrauß besorgen ließ: Bis heute habe er das Geld dafür „noch nicht gekriegt“, verriet er unter dem Gelächter des Publikums in Ostrach.

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Für Özdemir ist und bleibt Boris Palmer ein überaus starkes politisches Talent. Wie der vehement in den Schlichtungsverhandlungen zum Bahnprojekt Stuttgart 21 aufgetreten sei, das erinnere ihn an Strafverteidiger in US-Filmen, die in einem fast aussichtslosen Fall einen Angeklagten vor dem Todesurteil bewahren. „Boris Palmer hat die Bahn so was von auseinandergenommen“, sagt Özdemir. Hätte man auf ihn gehört, hätte man jetzt einen besseren Bahnhof. Nur bei manchen umstrittenen Facebook-Einträgen von Palmer habe er sich gefragt, so Özdemir: „Braucht die Menschheit das jetzt wirklich?“

Einige wünschen sich Palmers Rückkehr zu den Grünen

Gemeinsam attackieren die drei Musketiere dann die Klimapolitik der Bundesregierung, vor allem die Erneuerung des Heizungsgesetzes, bei der sich Bürgermeister Palmer mit den Investitionen seiner Stadtwerke in Fernwärme und Wärmepumpen im Regen stehen gelassen fühlt. Diese Pläne der Koalition seien „keine Rache“ am Grünen Robert Habeck, sie seien „schlicht Dummheit“. Die Südwest-Grünen waren beim Verbrennerverbot für Autos die flexibelsten, auf Distanz zur Bundespartei. Doch beim Klimaschutz sind sie noch sprechfähig.

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#31 Vorschau: Boris Palmer über sein Ende bei den Grünen und den Rat seines Therapeuten
Meine schwerste Entscheidung
 

Aber was bedeutet das kleine Comeback von Palmer jetzt? Wenn es die Chance für eine Rückkehr zu den Grünen gebe, „dann fände ich das gut, darüber würde ich mich freuen“, hatte Palmer im Januar im Gespräch mit dieser Redaktion gesagt. Er vermisse seine alte Partei. Gut möglich, dass die Karten in der Bundespartei neu gemischt werden, wenn Özdemir es schafft, das Amt des Ministerpräsidenten in Stuttgart in grüner Hand zu halten.

Polizei beanstandet das Pedelec des Bürgermeisters

Fragt man Palmer, ob er bereit wäre, in einem Kabinett von Özdemir Minister zu werden, bringt der ein verklausuliertes Warum-nicht: „Ich bin ein Mensch, dessen Fantasie ausreicht, um sich sehr viel vorzustellen. Die Annahme, dass mein Vorstellungsvermögen damit überfordert wäre, scheint mir nicht schlüssig belegt.“ Auf die Frage, wie eine Rückkehr zu den Grünen möglich sei, sagt er jetzt: Das sei eine Frage inhaltlicher Diskussionen, für die es keine Eile gäbe. Andere wollen ihn sofort zurück. „Ich würde ihn willkommen heißen“, sagt die Wahlkämpferin Stauß.

Ich bin ein Mensch, dessen Fantasie ausreicht, um sich sehr viel vorzustellen.

Boris Palmer,, Oberbürgermeister von Tübingen

Der ordnungsliebende Palmer hatte am Sonntag in Ostrach übrigens Probleme, wieder nach Hause zu kommen. Er war mit dem Dienst-Pedelec da, aber ein aufmerksamer Bürger wies die bei Wahlkampfauftritten zahlreich anwesende Polizei darauf hin, dass beim Pedelec die Versicherungsplakette abgelaufen sei. Palmer berichtete auf Facebook, dass er zum Einsatzleiter gebeten worden sei und sein Rad im Ort bleiben musste. Die neue Plakette liege schon im Rathaus bereit. Er habe Pech gehabt, dass es kein Schaltjahr war: „Am 29. Februar wäre meine Plakette noch gültig gewesen.“ Das ist ja bei Palmer oft so: Schuld sind meist die anderen. In diesem Fall der Kalender.