Eigentlich ist jetzt die Zeit, in der Mustafa in Tayr Deba seine Orangen ernten müsste. Aber anstatt in seinem Hain im Süden des Libanon zu sein, steht er verloren in einer heruntergekommenen Schule in Beirut, in der er und 22 andere Mitglieder seiner Familie Obdach gefunden haben. Er fuchtelt empört mit seinen furchigen Händen: „Die Früchte liegen jetzt alle auf dem Boden und verfaulen.“ Claudia Peppmüller nickt, seufzt und nimmt ihn in den Arm. Die Mädchen mit den Kopftüchern, die sich die Szenerie interessiert anschauen, machen große Augen und kichern aufgeregt. Eine fremde Frau umarmt einen alten Mann und tröstet ihn. So etwas kennen sie nicht.

Am Ort eines Bombeneinschlags: „Wahnsinn“

Mazraa im Norden der libanesischen Hauptstadt. Dichtbevölkert, alte Wohnhäuser, von denen der Putz abblättert, manche tragen noch die Narben des Bürgerkriegs in den Achtzigerjahren. Über den engen Straßen wuchert Kabelgewirr, Autos parken in zweiter Reihe. Die Luft ist abgasgeschwängert. Nahe der Corniche el Mazraa, der breiten Hauptverkehrsader, räumen Bauarbeiter Schutt aus einem rußgeschwärzten Wohnblock, dem es die Fassade weggerissen hat. Daneben klafft ein großer Krater. Auch hier stand einmal ein Haus. Am 8. April ist es von einer israelischen Bombe zerstört worden.

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Claudia Peppmüller und Josef Neumann stehen vor dem Ort des Einschlags und machen Fotos. „Wahnsinn“, entfährt es Peppmüller. Sie ist die Sprecherin des Friedensdorfes International in Oberhausen, Neumann SPD-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses. Die beiden sind in den Libanon gereist, um Binnenvertriebene und Geflüchtete zu unterstützen und um die Lage im Land zu sondieren. Es ist eine Reise in ein Land am Abgrund.

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Einschlagsort einer israelischen Rakete in Mazraa, Beirut. Wo der Krater klafft, stand einmal ein Haus.© Jan Jessen | Jan Jessen

Seit die schiitische Hisbollah Anfang März auf der Seite des Iran in den Konflikt mit den USA und Israel eingegriffen hat, herrscht wieder Krieg im Libanon. Trotz einer von US-Präsident Trump verkündeten Waffenruhe toben im Süden des Landes weiter Kämpfe. Dörfer versinken dort in Schutt und Asche, israelische Bodentruppen sind einmarschiert.

Etwa 800.000 Menschen sollen aus dem Süden in die Hauptstadt und in den Norden geflohen sein. Die libanesische Regierung ist mit der Situation völlig überfordert. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat jüngst 100.000 Euro für humanitäre Hilfe bereitgestellt. Eine lokale Partnerorganisation des Friedensdorfes kauft damit Lebensmittel ein und verteilt sie.

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Zweihundert Meter von dem Einschlagsort liegt einer der Zufluchtsorte in Mazraa. Eine öffentliche Schule, die seit dem 2. März als Flüchtlingsunterkunft dient. Hussein Dib, 55, eigentlich ein Futsal-Trainer, ist hier ehrenamtlich für die Organisation zuständig. Er berichtet Peppmüller und Neumann von den täglichen Herausforderungen, vom Mangel an Essen, von hygienischen Problemen. Aber auch davon, dass sie hier versuchen, zumindest den Kindern Abwechslung zu bieten: „Morgen gehen wir zu einem Fußballspiel. Am Montag kommt ein Zauberer.“

Christen helfen Muslimen: „Ein wichtiges Pflänzchen“

Alle Binnenvertriebenen hier sind schiitische Muslime. Thimar, die Partnerorganisation des Friedensdorfes, die heute Mahlzeiten vorbeibringt, ist christlich. In einem religiös und politisch so zerrissenen Land wie dem Libanon ist das bemerkenswert. „Da wird nicht gefragt: Welche Religion hast du, um eine Unterstützung zu erhalten? Und das ist, glaube ich, ein wichtiges Pflänzchen in einem Land wie dem Libanon“, wird Neumann später sagen.

Zuschauen wird nicht ausreichen, um diesen Krieg zu beenden.

Solingen - Interview mit dem Landtagsabgeordneten Josef Neumann
Josef Neumann, SPD-Landtagsabgeordneter

In der Flüchtlingsunterkunft sind religiöse und politische Fahnen und Symbole verboten, betont Dib. Er sagt auch, dass nach der von Trump am 16. April verkündeten Waffenruhe für den Libanon rund ein Drittel der Binnenvertriebenen in den Süden zurückgekehrt sei. „Sie sind aber wieder sofort zurückgekommen, weil die Kämpfe weitergehen.“ Jetzt klingelt sein Telefon ständig. „Das sind Menschen, die verzweifelt eine Unterkunft suchen.“ Hier gibt es keinen Platz mehr.

„Seht Ihr diese Kinder? Sie haben nichts getan“

Mustafa hat so gesehen Glück im Unglück gehabt. Der greise Bauer und seine Familie teilen sich zwei Klassenzimmer. Er ist 75 Jahre alt und erzählt, dass er bereits das zehnte Mal geflohen sei, das erste Mal 1978, als palästinensische Flüchtlinge im Süden einen Krieg mit Israel provozierten. Er appelliert eindringlich an die beiden Deutschen: „Ihr müsst die EU dazu bringen, dass Israel aufhört, zu bombardieren.“ Aufgeregt zeigt er auf die Kinder, die sich um die Helfer geschart haben: „Seht Ihr diese Kinder? Sie haben nichts getan. Trotzdem werden sie vertrieben und getötet.“

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Mustafa, 75, ist ein Landwirt aus dem Süden des Libanon. Er musste bereits zum zehnten Mal in seinem Leben fliehen. © Jan Jessen | Jan Jessen

Für die Mädchen ist besonders Peppmüller, blond und ohne Kopftuch, eine Sensation. „Für mich war es berührend, mit den Kindern zu sprechen. Sie kamen direkt, waren neugierig und haben mich ausgefragt, woher ich komme und warum ich da bin“, sagt die Friedensdorf-Sprecherin. Für sie ist klar: „Das Wichtigste ist, dass sie vernünftig ernährt werden.“

Im Norden des Libanon sind alawitische Flüchtlinge aus Syrien gestrandet

Zwei Tage vor dem Besuch in Mazraa reisen Peppmüller und Neumann in den Norden des Libanon, nach Rahbeh, zweieinhalb Stunden entfernt von der Hauptstadt. Auch dort treffen sie Binnenvertriebene aus dem Süden – und alawitische Flüchtlinge aus Syrien. Menschen, die im März vergangenen Jahres geflohen waren, als islamistische Truppen der syrischen Übergangsregierung an der Küste ein Massaker an Alawiten verübten. An einer Kirche verteilt Thimar Lebensmittel aus Food-Trucks, die ebenfalls von der NRW-Landesregierung finanziert wurden.

Claudia Peppmüller (links), Sprecherin des Friedensdorfes, im Gespräch mit Binnenvertriebenen aus dem Südlibanon.
Claudia Peppmüller (links), Sprecherin des Friedensdorfes, im Gespräch mit Binnenvertriebenen aus dem Südlibanon.© Jan Jessen | Jan Jessen

Die alawitischen Familien berichten von dem Grauen, das sie erlebt haben. „Wir haben unserer Schwester gesagt, dass sie die Augen zuhalten soll, damit sie die Toten nicht sieht“, erzählt Hamsa, 16. Das kleine Mädchen neben Peppmüller fängt an zu weinen. „Ich habe die Toten trotzdem gesehen.“ Die Helferin schluckt. Sie umarmt die Kleine. Manchmal fehlen auch ihr die Worte.

„Wenn man sich die Kinder anschaut und in ihre Gesichter blickt, dann weiß man, dass sie nur eine nachhaltige Perspektive haben werden, wenn es Frieden gibt“, bilanziert Neumann am Ende der Reise. Dem Landtagsabgeordneten ist klar, wie schwierig das ist. „Aber Zuschauen wird nicht ausreichen, um diesen Konflikt und diesen Krieg nur ansatzweise zu beenden.“