Die Bundesregierung bemüht sich händeringend um eine Ersatzlösung für die abgesagte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland. Doch die Hürden sind hoch. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sucht jetzt die Zusammenarbeit mit der Ukraine, um entsprechende Systeme zu entwickeln – aber die Umsetzung dürfte Jahre dauern. Kurzfristig setzt Berlin auf andere Wege.
Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die US-Regierung die Pläne zur Stationierung eines mit Mittelstreckenwaffen ausgerüsteten US-Bataillons in Mainz-Kastel verworfen hat. Die Bundesregierung macht nun klar, dass sie weiter auf den Tomahawk setzt – nicht unter US-Regie, sondern im Bestand der Bundeswehr, die die Marschflugkörper in den USA kaufen soll. Die Pläne gibt es schon länger: In internen Projektlisten hat das Verteidigungsministerium den Kauf von 400 Marschflugkörpern vom Typ Tomahawk aus US-Produktion in den nächsten Jahren vorgesehen.
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Minister Pistorius hat voriges Jahr in Washington schon das Interesse am passenden Startsystem vom Typ Typhon angemeldet. Jetzt plant er einen erneuten Besuch in Washington, um dem Kaufwunsch Nachdruck zu verleihen. Doch ist fraglich, ob die USA jetzt noch liefern können: Sie haben während des Iran-Kriegs einen erheblichen Teil ihres Arsenals verbraucht. Schon in den ersten Kriegstagen haben die US-Streitkräfte über 850 Tomahawk-Marschflugkörper abgefeuert, bei einer aktuellen Produktionsrate von rund 85 Einheiten pro Jahr würde der Ersatz etwa zehn Jahre dauern.
Warum eine türkische Langstreckenrakete keine Option ist
Das dürfte ein Grund für die US-Absage an die Stationierungspläne sein. In diesem Jahr sollten nach einer 2024 getroffenen Absprache vor allem Marschflugkörper vom Typ Tomahawk in Deutschland stationiert werden – vorübergehend, bis die Bundeswehr mit anderen europäischen Staaten in den 2030er-Jahren selbst über solche Waffen aus eigener Entwicklung verfügt. Die Cruise-Missiles mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern könnten im Ernstfall strategische Ziele wie Kommandozentralen und Raketenabschussbasen tief im russischen Hinterland sehr präzise treffen und zerstören – das soll Russland abschrecken, das selbst massiv mit Mittelstreckenraketen aufgerüstet hat, die Westeuropa bedrohen.
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Eine denkbare Lösung wäre, in einigen Jahren die Tomahawks in einem Joint Venture in Deutschland zu produzieren. Ähnliches gibt es bereits für das begehrte Patriot-Luftabwehrsystem aus US-Produktion: Derzeit entsteht im bayerischen Schrobenhausen die erste europäische Fabrik für Patriot-Raketen, eine Kooperation des deutschen Herstellers MBDA mit dem US-Rüstungskonzern Raytheon. Doch selbst wenn sich die Pläne für eine Tomahawk-Herstellung konkretisieren sollten, die Abschreckungslücke wäre damit nicht so schnell zu schließen: An eine Produktion in Deutschland wäre selbst unter besten Bedingungen erst zum Ende des Jahrzehnts zu denken.

Spekulationen gibt es, dass die Türkei Deutschland und anderen Nato-Partnern aus der Bredouille helfen könnte: Doch Meldungen, die Bundesregierung wolle zum Schutz der europäischen Nato-Staaten die türkische Interkontinentalrakete Yildirimhan mit einer Reichweite von bis zu 6000 Kilometern erwerben, wurden in Berlin nicht bestätigt. Eine solche Langstreckenrakete würde auch deutlich vom Fähigkeitsprofil abweichen, das die Bundeswehr jetzt für präzise Angriffe im Mittelstreckenbereich abdecken will. Zudem bezweifeln Experten, dass die Rakete in absehbarer Zeit überhaupt lieferbar wäre. Einen Prototyp hat die Türkei zwar vorige Woche vorgestellt, doch bislang gibt es keine bestätigten Flugtests und nicht einmal eine Flugtestanlage. Der türkische Militäranalyst Burak Yildirim sagt, es handele sich bislang mehr um ein Konzept als um eine einsatzbereite Fähigkeit.







