Russlands Dörfer sterben. Beispiel: Vjazhi, 350 Kilometer südwestlich von Moskau. Einige Holzhäuser, viele Ruinen. Nur noch 200 Menschen wohnen hier, überwiegend Rentner. Die Jungen sind längst weggezogen, dorthin, wo es Arbeit gibt. Früher war Vjazhi ein blühendes Dorf. Im russischen Zarenreich lebten rund 2000 Bauern hier. Später, zu Sowjetzeiten, wurde alles verstaatlicht. Eine große Landwirtschaft gab es, viel Arbeit für die Dorfbewohner. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfiel alles.
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Ein ruhiges, beschauliches Leben haben die wenigen Menschen, die noch hier sind. Nur eines durfte man bislang nicht: krank werden. Kein Arzt im Dorf, das nächste Krankenhaus ist weit, der Rettungswagen kommt – oder vielleicht auch nicht. Lange Zeit fühlten sich die Bewohner von Vjazhi allein gelassen, vergessen. Sergej Bondarenko zum Beispiel. Er ist schwer zuckerkrank, wie viele der älteren Menschen im Dorf. Ständig quälen ihn Kopfschmerzen, er kann kaum noch laufen. Sein Zucker muss mehrfach in der Woche kontrolliert werden. „Früher gab es ein medizinisches Zentrum“, erzählt er. „Das wurde geschlossen. Also muss man ins Bezirkskrankenhaus gehen. Autofahren kann ich nicht mehr. Und der Bus fährt schon seit Jahren nicht mehr. Aber wie kommt man dann dahin? Nur mit dem Taxi.“ Rund zehn Euro kostet das pro Taxifahrt, unerschwinglich bei 160 Euro Rente.
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Doch jetzt gibt es Hoffnung für Bondarenko und die anderen. Seit ein paar Wochen arbeitet Julia Ljutikowa hier, die neue Dorfärztin. „Diese Praxis ist für uns die Rettung“, meint Galina, Bondarenkos Frau. Viel Geld verdient die neue Ärztin nicht, sie kommt frisch von der Uni, die Praxis hier ist ihre erste Arbeitsstelle. Flexible Arbeitszeiten statt starrer Schichten im Krankenhaus, das sei der Vorteil, meint Ljutikowa. Und: Der Staat unterstützt junge Ärztinnen und Ärzte wie sie, die aufs Land gehen. Rund 8000 Euro Startprämie hat sie erhalten, dafür muss sie für mindestens fünf Jahre hierbleiben. Viele ihrer neuen Patienten hat sie bereits kennengelernt. „Alle kommen lächelnd und freundlich“, erzählt Ljutikowa unserer Redaktion. „Sie sind glücklich, sagen: Endlich haben wir unseren eigenen Arzt, zu dem wir gehen können.“ Dass sie jetzt hier ist, ist für Vjazhi ein erster Schritt in Richtung Zukunft.

Sterbende Dörfer: Alltag zwischen Job, Familie und Hoffnung
Zwei Dörfer weiter, in Odinok, arbeitet Anastasia Sveshnikowa seit zwei Jahren als Dorfärztin. Sie ist hier geboren, kam nach dem Studium zurück in ihr Dorf. Heute hat Sveshnikowa ihren vierjährigen Sohn Ilja mit in die Praxis gebracht. Einen Kindergarten gibt es schon lange nicht mehr. Trotzdem schafft sie den Spagat: Arbeiten und sich um die Familie kümmern. Ihr Mann arbeitet 14 Tage rund um die Uhr im fernen Moskau, dann ist er 14 Tage zu Hause. In der russischen Provinz inzwischen ein gängiges Arbeitsmodell. „Es ist ein bisschen schwierig“, erzählt Sveshnikowa. „Du kommst von der Arbeit nach Hause, während die Kinder die Hausaufgaben machen, wird geputzt.“
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Auch Odinok ist eines dieser sterbenden Dörfer. Einen Dorfladen gibt es nicht mehr, nur einen kleinen Verkaufscontainer. Die Schule steht noch, früher gab es hier 150 Schüler, heute sind es nur noch zehn. „Du sitzt hier und schaust aus dem Fenster. Wer geht da vorbei? Wer fährt vorbei?“, sagt Lidia Vanjuschina, die ehemalige Dorfschullehrerin. „Niemand. Hier ist keiner mehr.“ Immerhin gibt es noch das Postamt, mit Kohleheizung, wie zu Sowjetzeiten. Jeden Samstag sperrt Oksana Buryshchenko auf. 1991 kam sie aus dem nahen Donbas hierher, der heute umkämpften Region in der Ostukraine. Das Postamt sei der einzige Treffpunkt im Dorf, erzählt Oksana. „Wenigstens das Postamt vereint alle. Deshalb denke ich, dass das Postamt viel bedeutet.“

Ihr Bruder hat sich verändert, seit er an der Front ist
Wie in vielen russischen Dörfern scheint auch in Odinok die Zeit stehen geblieben. Vieles sieht nach Sowjetunion aus. Das verwitterte Schild am Dorfeingang, Hammer und Sichel am Kriegerdenkmal, ein Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg, den sie hierzulande den „Großen Vaterländischen Krieg“ nennen. Doch gleichzeitig ist die Gegenwart ganz nah. Die Region liegt im Grenzgebiet zur Ukraine. Fast täglich gibt es ukrainische Drohnenangriffe. Das sei beängstigend, erzählt Anastasia Sveshnikowa. „Natürlich haben wir Angst. Auch die Kinder haben Angst, wenn die Sirene auf dem Dach des Postamts losgeht. Manchmal kommen sie nachts aus ihren Zimmern zu uns. Wer weiß, ob die Drohne vorbeifliegen wird oder hier irgendwo einschlägt. Das ist schrecklich.“

Auch Julia Ljutikowa belastet der Krieg im Nachbarland. Ihr Bruder ist Soldat, kämpft in der Ukraine. 2022 wurde er zwangsmobilisiert. „Er steht mir sehr nahe, und ich mache mir große Sorgen um ihn“, sagt die neue Dorfärztin von Vjazhi. Ihr Bruder habe sich verändert, seit er an der Front ist. „Man kann an seinen Augen sehen, dass er gealtert ist. Er ist nicht alt, aber er schaut ein bisschen älter aus.“ Sie hoffe, „dass all dies so schnell wie möglich endet und unsere Welt in Frieden leben wird“.
Hinweis: Die TV-Reportage „Dorfärztin in Russland“ von unserem Korrespondenten Jo Angerer und Erika Haas ist seit 28.4. in der ARTE-Mediathek zu sehen.






