Nervöse Spannung vor dem Nato-Gipfel in Ankara. US-Präsident Donald Trump dürfte das am Dienstag beginnende Treffen nutzen, um mit den europäischen Regierungschefs der Nato-Staaten abzurechnen. Dass die ihm im Iran-Krieg nicht geholfen hätten, ist nur einer der Vorwürfe. Droht ein Eklat? So muss es nicht kommen, aber es gibt gute Gründe zur Sorge: Trump war schon einmal bei einem Gipfel kurz davor, aus dem Bündnis auszusteigen, die Koffer waren bereits gepackt. „Dies könnte der Gipfel sein, bei dem die Nato zugrunde geht“ – so beschreibt der damalige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg die dramatischen Stunden im Brüsseler Hauptquartier der Allianz am 12. Juli 2018. In seinen Erinnerungen „Auf meinem Posten“ schildert Stoltenberg ungewöhnlich detailliert, wie die geheime Sitzung ablief, in der die Allianz am Abgrund stand – ein einmaliger Einblick ins Innerste der Nato-Gipfel, der erklärt, warum die Regierungschefs jetzt so nervös sind.   

Trump hatte schon am ersten Gipfeltag bei einem Frühstück mit Stoltenberg vor laufenden Kameras über die Verbündeten geschimpft, vor allem über Kanzlerin Angela Merkel: Deutschland gebe viel zu wenig für Verteidigung aus, lasse sich lieber von den USA beschützen und beziehe zugleich Erdgas aus Russland. Der erste Gipfeltag verlief dennoch einigermaßen harmonisch, Trump war in Maßen kritisch, aber erzählte beim Dinner enthusiastisch von seinem Treffen mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un: 3000 Fotografen, mehr als bei der Oscar-Verleihung! „Und der breiteste Teppich, den ich je gesehen habe.“ Sogar die Abschlusserklärung war schon beschlossen. Zum Showdown kam es erst am nächsten Morgen hinter verschlossenen Türen. Stoltenberg berichtet, Trump sei in seiner internen Rede schnell zum Punkt gekommen: „Ich muss mich offiziell beschweren. Denn ich bin nicht zufrieden.“ Die USA bezahlten neunzig Prozent der Nato-Ausgaben – eine viel zu hoch gegriffene Zahl –, so könne es nicht weitergehen.

Dann folgte eine Warnung: „Die USA brauchen die Nato nicht. Warum soll ich weiterhin für diese Organisation bezahlen, wenn ich sie nicht brauche?“ Stille rund um den Tisch, erinnert sich Stoltenberg. Nun verlangte Trump eine neue Vereinbarung über die Verteidigungsausgaben – das Ziel von zwei Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung, die die Nato vier Jahre zuvor als Ziel für 2024 beschlossen hatte, müsse sofort umgesetzt werden. „Sie müssen bezahlen. Zwei Prozent sind so wenig. It’s a joke. Sie müssen vier Prozent anpeilen, wenn sie ordentlichen Schutz wollen.“

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Trumps Ultimatum zitiert Stoltenberg so: „Entweder bezahlen Sie zwei Prozent sofort, also innerhalb weniger Monate, oder bis zum 1. Januar. Oder wir werden … unser eigenes Ding machen. Wir haben keine andere Wahl.“ Als Trump seine Wutrede beendet hatte, sei die damalige Kanzlerin Angela Merkel zu ihm gekommen, berichtet Stoltenberg. Sie habe gesagt: „Wir müssen darauf reagieren. Wir können das nicht so stehen lassen.“ Beide befürchteten, das Gipfeltreffen könne völlig außer Kontrolle geraten.

Trump drohte beim Nato-Gipfel: „Ich verlasse dieses Treffen jetzt!“

Der Generalsekretär unterbrach die laufende Sitzung, schickte die Mitarbeiter aus dem Saal und setzte für die Regierungschefs eine neue, außerordentliche Sitzung an. Während er sich in einer Ecke mit Merkel, Emmanuel Macron und Mark Rutte beriet, saß Trump nach Stoltenbergs Schilderung mit verschränkten Armen da. Danach schlug Stoltenberg vor, beim nächsten Nato-Gipfel sollten die Mitgliedstaaten Erhöhungen ihrer Verteidigungsetats vorweisen. Doch nächstes Jahr sei viel zu spät, monierte Trump. „Wir brauchen eine Erhöhung jetzt.“ An Merkel gerichtet: „Angela, Sie können zwei Prozent bezahlen. Sie haben einen Überschuss.“ Zu Stoltenberg: „Wir können niemanden verteidigen, der seine Rechnungen nicht bezahlt. So einfach ist das.“

NATO Summit - Brussels
Da schien die Bündnis-Welt noch in Ordnung: US-Präsident Donald Trump (zweiter von rechts) und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (Mitte) verfolgten am ersten Gipfeltag 2018 zusammen mit den Regierungschefs der anderen Nato-Staaten die Eröffnungszeremonie in Brüssel. Am Tag darauf kam es zum Eklat. © picture alliance / abaca | ABACA

Dann schimpfte Trump weiter: „Wir müssen jetzt darüber reden. Sonst – Sie wissen, sonst werden wir keine Freunde mehr sein.“ Schließlich: „Ich verlasse dieses Treffen jetzt. Es gibt keinen Grund, warum ich länger hierbleiben sollte.“ Stoltenberg erinnert sich, er habe gedacht, „jetzt fliegt uns alles um die Ohren“. Wenn ein US-Präsident sage, er wolle andere Alliierte nicht mehr verteidigen, und aus Protest ein Nato-Gipfeltreffen verlasse, dann seien der Nato-Vertrag und die Sicherheitsgarantie nichts mehr wert. Trumps Delegation hatte die Koffer bereits gepackt, zur Abreise bereit.

In der nun folgenden Diskussion stellte Merkel klar, dass die nationalen Parlamente über solche Ausgabenerhöhungen entscheiden müssten, nicht die Regierungschefs beim Gipfel. Macron pflichtete bei. Alle waren einverstanden, die Ausgaben auf zwei Prozent zu erhöhen – aber nicht, wie Trump forderte, im selben Jahr. Trump ließ nicht locker, er trug mit höhnischen Bemerkungen vor, wie viel – oder wenig – die Mitgliedstaaten ausgeben. Dann meldete sich Mark Rutte, der damalige niederländische Premier und heutige Nato-Generalsekretär. Rutte hatte schon damals einen guten Draht zu Trump, er hatte ihn nur eine Woche vorher im Weißen Haus besucht. Rutte fand die richtigen Worte, schmeichelte dem Präsidenten, zollte Respekt: „Aufgrund Ihrer Führungsrolle haben wir im vergangenen Jahr 33 Milliarden Dollar mehr ausgegeben. Das ist eine gute Nachricht für Sie“, so zitiert Stoltenberg den Niederländer. Das habe Trump gefallen.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte und US-Präsident Donald Trump
Nato-Generalsekretär Mark Rutte (links) und US-Präsident Donald Trump. Rutte gilt als „Trump-Flüsterer“. Schon beim Gipfel 2018 brachte er den zur Abreise entschlossenen US-Präsidenten zum Einlenken. © Evan Vucci/AP/dpa | Evan Vucci

Wenig später habe Trump ihm einen Zettel zugeschoben, so Stoltenberg. Darauf stand in ordentlicher Schrift: „Generalsekretär, wenn Sie sagen können, dass die Nato‑Alliierten ihre Verteidigungsausgaben wegen mir beträchtlich erhöht haben, dann können wir uns einigen, glaube ich.“ Stoltenberg ergriff die Chance: Genau das werde er in der geplanten Pressekonferenz sagen, sicherte er zu, ergänzt um den Satz, der den Nato-Staaten wichtig war: „Gleichzeitig verpflichten sich alle Mitgliedsländer zur Nato und zu Artikel 5 des Vertrags.“ Wenig später ließ Stoltenberg diese Erklärung absegnen – und das Treffen war zu Ende.

Bis heute gilt das Gipfel-Drama in der Nato als Warnung

Trump lobte anschließend in seiner Pressekonferenz die starken Verpflichtungen der USA gegenüber der Nato. Und: „Die Mitgliedsländer werden viel mehr Geld für Verteidigung ausgeben als vorher.“ Mindestens 33 Milliarden Dollar würden sie mehr aufbringen, zusätzlich zu früheren Beschlüssen, behauptete Trump. Einen neuen Beschluss über zusätzliche Ausgaben hatte der Nato-Gipfel aber gar nicht gefasst, Stoltenberg war auch nicht bereit, vor Journalisten diese Darstellung zu bestätigen. Doch Trump war zufrieden: „Wir sind so geeint wie nie zuvor“, behauptete er auf der Pressekonferenz.

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War das ein Beispiel für seine Verhandlungstaktik? „Geh hart raus und verlange das Maximale, um eine Zwischenlösung zu erreichen“, wie Stoltenberg die mögliche Taktik umschreibt. Sechs Jahre später hatte Trump mehr Erfolg: Kaum wiedergewählt als US-Präsident, verlangte er im Januar 2025 von den Nato-Partnern ultimativ, sie müssten ihre Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöhen. Der neue Generalsekretär Rutte lieferte, unterstützt von Kanzler Friedrich Merz (CDU), umgehend: Fünf Monate später beschloss der Nato-Gipfel im Juni 2025 ein Fünf-Prozent-Ziel – allerdings mit einem Rechentrick, an dem sich Trump aber nicht störte. Die Lage hatte sich für die Nato geändert, der Ukraine-Krieg und die russische Bedrohung erzwangen auch ohne Trump höhere Verteidigungsausgaben.

Rutte wusste aber auch, was auf dem Spiel stand: Im Hauptquartier der Allianz gelten die dramatischen Stunden von 2018 bis heute als beispielloser Albtraum, noch immer dienen sie als Warnung, auch jetzt vor dem Treffen in Ankara. Der Gipfel habe damals einen tiefen Riss zwischen den USA und großen Ländern Europas ans Licht gebracht, erinnert sich Stoltenberg. „Was ich an diesem Tag vor mir sah, war das Ende der Nato“, schreibt der Ex-Generalsekretär. „Sie funktionierte nicht mehr. Nicht notwendigerweise, weil die Allianz sich formal auflöste, sondern weil sie keine Bedeutung mehr hatte.“