Mit 25 Jahren plötzlich nicht mehr aufstehen können. Nicht, weil die Nacht zu kurz war, sondern weil einfach nichts mehr geht. Was wie eine Momentaufnahme klingt, ist für viele junge Menschen laut DAK Gesundheitsreport ein Dauerzustand. Denn Burnout trifft heute längst nicht mehr nur gestresste Manager in der Lebensmitte. Identitätsdruck, Zukunftsängste, der permanente Vergleich in den sozialen Netzwerken: Für viele 18- bis 30-Jährige ist der Alltag ein Dauerlauf ohne Ziel – bis der Körper und die Psyche die Reißleine ziehen.

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Marcus Neuzerling, Arbeitspsychologe mit eigener Praxis in Berlin, beobachtet diesen Wandel seit Jahren aus nächster Nähe. In den vergangenen zehn Jahren kommen immer mehr junge, erschöpfte Menschen zu ihm. Im Interview spricht er darüber, wo normaler Stress aufhört und ein Burnout beginnt, welche Rolle Social Media und Führungskräfte spielen – und was junge Menschen tun können, bevor es zu spät ist.
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Burnout: Immer mehr junge Menschen sind betroffen
Herr Neuzerling, woran liegt es, dass es immer mehr junge Menschen gibt, die bereits an Burnout erkranken?
Marcus Neuzerling: Die heutige Welt ist sehr anstrengend. Junge Burnout-Erkrankte leiden häufig unter einem hohen Identitätsdruck und ausgeprägten Zukunftsängsten. Gleichzeitig begleitet sie im Berufsalltag eine tiefe Unsicherheit – trotz hoher Leistung. Junge Menschen bis 30 saugen in meiner Erfahrung alles auf: Aussagen von Vorgesetzten, Blicke von Kolleginnen und Kollegen, Reaktionen auf ihre Arbeit – all das wird permanent bewertet und verinnerlicht.
Es lässt sich beobachten, dass viele Betroffene sehr viel Anerkennung und Wertschätzung brauchen. Die ständige Angst, zu versagen, kombiniert mit dem Gefühl, nie wirklich gut genug zu sein, ist ein klassisches Muster, das ich bei jungen Burnout-Erkrankten immer wieder sehe.
Wo hört „normaler Alltagsstress“ auf und wo fängt ein Burnout an?
Normaler Stress ist zeitlich begrenzt, situationsabhängig und bewältigbar. Beispielsweise vor einer Prüfung oder einem wichtigen Termin. Das bedeutet, dass wir trotz der Belastung konzentriert, wach und leistungsfähig sind. Besorgniserregend wird es immer dann, wenn man 24 Stunden am Tag, ohne einen konkreten Anlass, gestresst ist.
Dieses Gefühl verstrickt sich über Wochen und Monate, bis selbst das Müllrausbringen zu einem Stressfaktor wird. Viele Betroffene schaffen es nicht mal, im Urlaub abzuschalten, da sie die Arbeit ständig im Kopf haben. Die eigenen Bedürfnisse werden dauerhaft übergangen, was zu chronischem Stress führt, der sich dann bei Betroffenen schließlich in körperlichen Beschwerden äußert.

Welche körperlichen Beschwerden meinen Sie da konkret?
Typische Anzeichen für einen Burnout sind dauerhafte Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und emotionale Erschöpfung. Viele Betroffene beschreiben in ihrer ersten Sitzung ein Nebelgefühl im Kopf, einen Zustand, als wären sie betrunken.
Dabei funktionieren sie meist nach außen, sind aber innerlich längst in Alarmbereitschaft. Man kann sich das vorstellen wie ein Smartphone, bei dem konstant 40 Apps geöffnet sind: Nach einiger Zeit wird es langsamer und instabil, bis es dann letztlich kaputtgeht. Genauso passiert es auch mit dem Nervensystem.
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Hoher Leistungsdruck: „Pausen sind auch für junge Menschen wichtig“
Junge Menschen stehen häufig erst am Beginn ihrer Karriere. Warum stehen sie trotzdem schon unter einem so großen Druck?
Ich bin überzeugt, dass die Leistung und das Wohlergehen von Arbeitnehmern von ihrer Führung abhängen. Gerade junge Arbeitnehmer brauchen Sicherheit, Verständnis und Regeneration statt Druck. Ich würde mir wünschen, dass Arbeitgeber mit mehr Charme und Interesse an ihre Mitarbeitenden herantreten und bei ersten Verhaltensänderungen aufmerksam reagieren. Arbeitnehmer wollen anerkannt und wertgeschätzt werden. Das ist wichtig für das Wohlergehen in einem Unternehmen.
Gleichzeitig ist es aber auch so, dass Arbeitnehmer verstehen müssen, dass sie das Unternehmen nicht therapieren können. Es liegt an jedem selbst, Dinge zu verändern, neue Sichtweisen zu entwickeln und klare Grenzen zu ziehen. Die Energie ist kein unendlicher Akku, der sich immer wieder auflädt. Pausen sind daher auch für junge Menschen wichtig.

Welche Rolle spielt dabei der Einfluss von Social Media?
Das ist auch ein zentraler Faktor. Durch Social Media wächst der gesellschaftliche Druck. Wir sind ständig erreichbar und vergleichen unser Leben mit anderen im Netz. Dort präsentieren viele Menschen nur die Highlights aus ihrem Leben, wodurch eine falsche Wahrnehmung der Realität entstehen kann. Innere Unruhe und ein sinkendes Selbstwertgefühl sind typische Folgen bei Betroffenen. So kommen Burnout-Erkrankte in eine permanente Überforderung, bei der ständig neue Reize gesetzt werden und kaum mentale Ruhephasen stattfinden.
Erste Warnsignale ernst nehmen: „Kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge“
Wie können Freunde und Familienangehörige mit Burnout-Erkrankten umgehen?
Für das Umfeld ist es wichtig, zu verstehen, dass Betroffene häufig über eine lange Zeit viel zu viel Last getragen haben. Ein Burnout ist nämlich kein Zeichen von Schwäche oder fehlender Motivation. Ratschläge wie „Mach doch mal Urlaub“ können Betroffene nur noch weiter belasten. Statt aufgezwungener Lösungen und Bewertungen brauchen sie Verständnis.
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Wie schafft man es, aus einem Burnout wieder herauszukommen?
Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass man einen Burnout hat und man etwas an seinem Leben verändern muss. Therapie kann helfen, aber hier muss man jeden Fall für sich betrachten: Auf zehn Klienten kommen neun verschiedene Therapieansätze. Manchmal müssen Betroffene beruflich ganz aus dem Verkehr genommen werden, bis sie nach und nach wieder eingegliedert werden. Viele treffen auch die Entscheidung, sich beruflich umzuorientieren.
Was raten Sie jungen Menschen, die erste Warnsignale an sich selbst wahrnehmen?
Bewusst Pausen machen, neue Routinen entwickeln, Schlaf priorisieren. Dazu gehört auch, Offline-Zeiten einzuplanen. Wer dauerhaft gegen seine eigenen Grenzen arbeitet, verliert früher oder später den Kontakt zu sich selbst. Daher ist es wichtig, zu lernen, klare Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Das ist kein Egoismus, sondern psychologische Selbstfürsorge.








