Die Backstreet Boys sind zurück in Deutschland – und mit ihnen für viele Fans ein Stück Jugend. Bei den Konzerten in Düsseldorf feiern vor allem diejenigen mit, die mit den Songs in den 1990er-Jahren groß geworden sind. Die Psychologin Elke Ahlsdorf erklärt, warum uns diese Musik Jahrzehnte später noch immer bewegt und was das mit dem eigenen Älterwerden zu tun hat.

Frau Ahlsdorf, die Backstreet Boys stehen gerade zehnmal in Folge in Düsseldorf auf der Bühne. Viele ihrer Fans sind inzwischen 40 oder 50 Jahre alt. Warum gehen Menschen Jahrzehnte später noch zu der Band, die sie als Teenager geliebt haben?

Elke Ahlsdorf: Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen gibt es das Phänomen des autobiografischen Gedächtnisses, das uns eine Art mentale Zeitreise ermöglicht. Wenn wir eine solche Veranstaltung wieder aufsuchen, besuchen wir nicht einfach nur ein Konzert im Hier und Jetzt.

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Backstreet Boys: Alte Songs können „mentale Zeitreise auslösen“

Wir können durch die Aktivierung verschiedener neurobiologischer und psychologischer Prozesse quasi wieder dort sein, wo wir vielleicht zum ersten Mal dieses Konzert besucht haben. Aber auch ein bestimmtes Lied kann eine solche Erinnerung auslösen. Plötzlich sind alte Gefühle, Sinneswahrnehmungen und Bilder wieder da – und für einen Moment fühlt es sich an, als wäre man wieder dort.

Was passiert in unserem Kopf, wenn bei einem Konzert plötzlich ein Song aus unserer Jugend läuft und wir uns für einen Moment wieder wie 15 fühlen?

Die Wirkung von Musik auf unser Gehirn ist wirklich faszinierend. Es werden verschiedene Bereiche aktiviert: der Hörkortex, der motorische Kortex und vor allem auch das limbische System, das eine wichtige Rolle für das emotionale Gedächtnis spielt. Musik kann das Belohnungssystem aktivieren und zur Ausschüttung von Dopamin führen. Bei starken Emotionen können auch Endorphine ausgeschüttet werden, die Euphorie ermöglichen. Gleichzeitig kann Musik den Cortisolspiegel senken und damit Stress und Anspannung reduzieren. Auch Oxytocin, das sogenannte Kuschelhormon, kann in der Gemeinschaft ausgeschüttet werden und die Bindung stärken.

Wenn ein ganzes Stadion „I Want It That Way“ singt: Ist das tatsächlich eine mentale Zeitreise zurück in die Jugend?

Ja, das kann eine solche mentale Zeitreise auslösen. Man erinnert sich nicht einfach nur an eine frühere Zeit, sondern fühlt sich durch das Wiedererleben für einen Moment wieder dorthin versetzt. Dabei können alte Gefühle und Bilder erneut sehr lebendig werden.

Backstreet Boys in Düsseldorf
Die Backstreet Boys während eines Konzerts in Düsseldorf: eine mentale Zeitreise.© FUNKE Foto Services | Sebastian Konopka

Nostalgie: „Wir denken daran, welche Möglichkeiten wir hatten“

Warum sind es so häufig Songs aus Jugend und frühem Erwachsenenalter, die Jahrzehnte später besonders starke Erinnerungen auslösen?

Weil in dieser Lebensphase besonders viel passiert. Dafür gibt es einen Fachbegriff: den sogenannten „Reminiscence Bump“, eine Erinnerungsspitze in diesem Lebensabschnitt. Zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr erleben wir viele erste Male und wichtige Meilensteine. Diese Zeit ist von Umbrüchen und starken Emotionen geprägt. Emotional besonders aktivierte und wiederholt erinnerte Erlebnisse werden stärker verankert. Gerade in der Jugend ist zudem das limbische System besonders aktiv. Deshalb können Songs aus dieser Zeit Jahrzehnte später besonders starke Erinnerungen und Gefühle auslösen. Das ist kein rein subjektiver Eindruck, sondern ein gut untersuchtes Phänomen.

Wenn wir über solche Erinnerungen sprechen, landen wir schnell bei einem Begriff: Nostalgie. Was genau passiert eigentlich, wenn wir nostalgisch werden?

Wenn wir nostalgisch werden, ist das eigentlich etwas sehr Schönes. Wir schauen noch einmal zurück und betrachten Erinnerungen mit dem Blick von heute. Wir denken daran, in welchem Zustand wir damals waren, welche Möglichkeiten wir hatten und wie wir in die Zukunft geschaut haben. Es ist eine emotionale Färbung der Erinnerung und kann auch eine Sehnsucht nach früher oder nach all den Möglichkeiten sein, die damals noch offen waren. Eigentlich ist das etwas sehr Positives, weil es das Frühere mit dem Heutigen verbindet. Es entsteht eine kohärente Geschichte.

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Altern: Verluste konfrontieren uns mit der eigenen Endlichkeit

Warum erscheint die Jugend im Rückblick häufig schöner, als sie sich damals vielleicht angefühlt hat?

Auch das ist tatsächlich nicht nur eine subjektive Wahrnehmung. Dafür gibt es eine Theorie, die sogenannte sozioemotionale Selektivitätstheorie des Alterns. Mit dem Älterwerden verschieben sich unter Umständen Werte und Ziele. Der Fokus des Gedächtnisses liegt dann stärker auf emotionaler Zufriedenheit und positiver Bedeutung. Dadurch werden positive Ereignisse vermehrt erinnert.

Dazu passt auch das sogenannte Zufriedenheitsparadox des Alterns. Man denkt oft: Man wird älter, erlebt mehr Verluste und körperliche Beschwerden. Aber viele Studien zeigen, dass ältere Menschen selbst unter schwierigen Bedingungen oft sehr positiv auf ihr Leben zurückblicken und eine hohe Zufriedenheit haben.

Kann Nostalgie uns dabei helfen, mit dem eigenen Älterwerden umzugehen?

Ja, ich denke, dass sie sehr wertvoll sein kann, um das eigene Leben einzuordnen. Wir schauen auf eine frühere Zeit zurück, aber mit dem Wissen und der Perspektive von heute. Problematisch wird es, wenn wir nur noch zurückschauen und sagen: Damals war alles gut, heute ist es nicht mehr gut und kann auch nicht mehr gut werden. Dann verlieren wir die Verbindung zur Gegenwart und vielleicht auch den Blick dafür, was sich in Zukunft noch entwickeln kann. Dann ist es eigentlich keine Nostalgie mehr, sondern ein Leben in der Vergangenheit.

Viele Menschen erleben mit zunehmendem Alter noch etwas anderes: Die Künstler, Bands oder Schauspieler, die ihre Jugend geprägt haben, sterben nach und nach. Verändert sich der Blick auf die eigene Vergangenheit, wenn die Menschen, die für diese Zeit stehen, plötzlich nicht mehr da sind?

Ob sich der Blick auf die Vergangenheit verändert, weiß ich nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass beim nostalgischen Blick auch etwas mehr das Traurig-Melancholische hineinkommt. Nostalgie hat ja auch eine Traurigkeit, wenn Dinge wirklich endgültig vergangen sind. Wenn Verluste entstehen, kann das stärker werden. Ich glaube, dass einem dadurch im Hier und Jetzt auch die eigene Endlichkeit bewusster wird. Wenn Menschen, die für einen in der Vergangenheit wichtig waren, allmählich wegsterben, rückt man selbst vielleicht weiter nach vorne in Richtung der eigenen Endlichkeit.

Elke Ahlsdorf
Elke Ahlsdorf, 51, studierte in Heidelberg Psychologie und forschte zum autobiografischen Gedächtnis und Älterwerden. Heute arbeitet sie als Psychotherapeutin in einer psychosomatischen Klinik im Allgäu. Sie lebt in Oberstdorf, singt im Chor und begann mit über 40 Jahren, Klavier zu lernen.© Privat | privat ,

Psychologin: „Bei einem Konzert sind alle gleich“

Bei den Backstreet Boys ist interessant: Nicht nur die Band ist älter geworden, auch ihr Publikum. Was sagt es über eine Generation aus, wenn sie 25 oder 30 Jahre später gemeinsam zu denselben Liedern zurückkehrt?

Ich weiß nicht, ob das speziell über diese Generation etwas aussagt. Aber es sagt vielleicht insgesamt etwas über Zusammengehörigkeit aus. Man hat solche Konzerte damals gemeinsam erlebt – zu einer Zeit, in der noch sehr viel offen war. Man war jung, und die Menschen haben sich ganz unterschiedlich entwickelt. Der eine ist vielleicht Arzt geworden, der nächste hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen, manche haben Familie, andere sind geschieden. Und dann sind bei einem Konzert für diesen Moment plötzlich noch einmal alle gleich. Die Unterschiede sind weniger wichtig. Das zeigt, wie gut ein Gemeinschaftsgefühl auch über Musik entstehen kann.

Konzerte waren also für Ihre Generation möglicherweise besondere „Meilensteinereignisse“. Ist das heute anders?

Ich glaube, die Besonderheit, auf ein Konzert zu gehen, war damals größer. Heute ist Musik viel leichter zugänglich. Die Vielfalt an Bands und Konzerten ist größer, man nimmt Musik über ganz verschiedene Kanäle wahr, die Musikbranche ist schnelllebiger. Der Einzelne hat viel mehr Möglichkeiten. Dadurch kann das Erleben vielleicht etwas beliebiger werden.

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Heißt das, dass junge Menschen heute möglicherweise weniger intensive Musikerlebnisse haben?

Junge Menschen haben heute natürlich genauso sehr intensive Erlebnisse mit Musik. Vielleicht entsteht aber dadurch, dass Musik leichter zugänglich und schnelllebiger ist und man eine Band nicht mehr so lange begleitet, eine andere Beziehung. Dass eine Band über längere Zeit Teil der eigenen Biografie wird, ist unter Umständen weniger intensiv als früher. Dies ist aber nur eine Vermutung.

Und wenn Sie selbst bei einem Backstreet-Boys-Konzert wären: Was müsste passieren, damit Sie sich für drei Minuten wieder wie 15 fühlen?

Das ist für mich tatsächlich die falsche Frage, weil ich mich extrem schlecht an einzelne Musiktitel erinnern kann. Mit den Backstreet Boys kann ich mich nicht so wirklich identifizieren. Es gibt aber einige Lieder, mit denen ich Erinnerungen verbinde – etwa an einen recht romantischen Blues mit einem sehr attraktiven jungen Mann oder an ein Konzert in der Schule. Einen speziellen Titel kann ich Ihnen jetzt leider nicht nennen. Aber es gibt immer wieder Stücke, bei denen plötzlich etwas aufblitzt. Dann wird eine Emotion aktiviert und damit auch die alten Bilder. Und dann werde ich ein bisschen nostalgisch.