Ein guter Koch weiß, wann er nachsalzen muss. Vielleicht sollte er künftig auch die Playlist überprüfen. Denn wie wir Essen wahrnehmen, hängt nicht allein davon ab, was auf dem Teller liegt. Auch Musik könnte dabei eine Rolle spielen.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Frühere Untersuchungen lieferten bereits Hinweise auf diesen Zusammenhang. So wurde langsame Popmusik mit einer stärkeren Wahrnehmung von Süße in Verbindung gebracht. In einem anderen Experiment empfanden Versuchspersonen Schokolade als geschmacksintensiver, wenn sie dazu sanfte statt harsche Klänge hörten. Forschende nennen diesen Effekt „Sonic Seasoning“, das Würzen mit Klängen.

Bislang stützten sich solche Befunde vor allem auf subjektive Geschmacksurteile. Was dabei im Gehirn geschieht, untersuchte nun ein Forschungsteam um Alberte Baggesgaard Seeberg von der Universität Kopenhagen. Die Ergebnisse erschienen im Juni 2026 im Fachjournal „Scientific Reports“.

Musik als Geschmack: Wie klingt eigentlich sauer?

Für das Experiment untersuchten die Forschenden 28 Erwachsene im Hirnscanner. Die Teilnehmenden probierten süße und saure Flüssigkeiten aus Zucker und Zitronensäure. Mal hörten sie dazu Musik, die süß oder sauer klingen sollte, mal verkosteten sie die Flüssigkeiten in Stille.

Die süße Musik setzte auf hohe Töne und harmonische Akkorde, die saure auf abrupte Klänge und leichte Dissonanzen. Die Zuordnung funktionierte: Je mehr Zucker eine Lösung enthielt, desto besser passte sie nach Einschätzung der Teilnehmenden zur süßen Musik. Bei zunehmender Säure verhielt es sich umgekehrt.

Doch die Forschenden interessierte vor allem, was beim Hören und Schmecken im Gehirn geschieht. Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), die Veränderungen der Hirndurchblutung misst und so Rückschlüsse auf die Aktivität einzelner Regionen erlaubt, untersuchten sie beide Sinneseindrücke getrennt und gemeinsam.

Hirnforschung: Was Musik beim Schmecken auslöst

Tatsächlich zeigte sich bereits beim bloßen Musikhören Aktivität in Hirnregionen, die auch an der Geschmacksverarbeitung beteiligt sind. Allerdings waren die Gemeinsamkeiten gering: Bei saurer Musik und saurem Geschmack fanden die Forschenden nur eine winzige Überschneidung, bei süßen Reizen ließ sich keine nachweisen.

Anders sah es aus, wenn Musik und Geschmack zusammenkamen. Verkosteten die Teilnehmenden eine Probe mit musikalischer Begleitung, reagierten bestimmte Hirnregionen stärker als beim Schmecken allein. Dazu gehörten Bereiche, die Geschmack und Empfindungen im Mund verarbeiten.

„Wenn wir beim Essen gleichzeitig Musik hören, reagiert das Gehirn stärker, als wenn wir ohne Musik schmecken“, sagt Seeberg in einer Mitteilung der Universität Kopenhagen.

Geschmackswahrnehmung: Warum die passende Musik zählt

Dabei machte es offenbar einen Unterschied, ob Klang und Geschmack zusammenpassten. Hörten die Teilnehmenden zu einer süßen Lösung süß klingende Musik, reagierten Teile der Hörverarbeitung und das sogenannte rolandische Operculum stärker als bei saurer Musik. Letzteres ist unter anderem daran beteiligt, Empfindungen aus dem Mund zu verarbeiten. Bei saurem Geschmack und passender Musik ließ sich dagegen kein vergleichbarer Unterschied nachweisen.

Die Befunde legen nahe, dass das Gehirn verschiedene Sinneseindrücke miteinander verknüpft. Fachleute sprechen von multisensorischer Verarbeitung: Was wir schmecken, hängt nicht allein von den Signalen der Zunge ab. Auch andere Sinne prägen den Eindruck.

„Geschmack ist nicht einfach eine Eigenschaft von Lebensmitteln. Er ist eine Erfahrung, die vom Gehirn erzeugt wird“, erklärt Studienautorin Janice Wang in der Mitteilung der Universität.

Geschmack durch Musik: Wird das Essen wirklich süßer?

Doch eine stärkere Hirnaktivität bedeutet noch lange nicht, dass etwas intensiver schmeckt. Deshalb sollten die Teilnehmenden auch beurteilen, wie süß, sauer und angenehm sie die Lösungen empfanden.

Das Ergebnis war weniger eindeutig als die Hirnscans: Mit süß klingender Musik bewerteten die Versuchspersonen die Proben als angenehmer als in Stille. Dass sie dadurch auch süßer oder saurer schmeckten, ließ sich bei den 28 Personen mit vollständigen Hirnscans jedoch nicht nachweisen.

Anders fiel eine größere Auswertung mit 48 Teilnehmenden aus. Hier erschienen die Proben unter süßer Musik tatsächlich süßer. In der kleineren Gruppe bestätigte sich der Effekt jedoch nicht. Ob Musik die wahrgenommene Geschmacksintensität tatsächlich zuverlässig verändert, bleibt daher offen.

Denkbar ist laut den Forschenden auch der sogenannte Halo-Effekt: Gefällt uns eine Melodie, kann sich dieser positive Eindruck auf das Essen übertragen. Die Mahlzeit erscheint dann angenehmer, ohne deshalb süßer schmecken zu müssen.

Musik gegen Appetitlosigkeit: Was die Forschung verspricht

Die Studie hat allerdings Grenzen. Für die Hirnscans standen nur Daten von 28 jüngeren, rechtshändigen Erwachsenen zur Verfügung. Zudem könnte die feste Reihenfolge der Versuche die Hirnaktivität beeinflusst haben. Ob die stärkeren Reaktionen allein auf die Musik zurückgehen, lässt sich deshalb nicht eindeutig sagen.

Hinzu kommt, dass die Teilnehmenden lediglich Zucker- und Zitronensäurelösungen probierten. Eine Mahlzeit ist ungleich komplexer: Auch Geruch, Konsistenz und Temperatur prägen das Geschmackserlebnis. Ob sich die Befunde auf den Alltag übertragen lassen, müssen größere Studien zeigen.

Trotz dieser Einschränkungen sehen die Forschenden Anwendungsmöglichkeiten jenseits der Gastronomie, etwa in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Dort könnte Musik helfen, Mahlzeiten für Menschen mit wenig Appetit angenehmer zu machen.

Lesen Sie auch

„Für Menschen, bei denen das Risiko einer Mangelernährung besteht, könnte etwas so Einfaches wie Musik möglicherweise das Esserlebnis verbessern“, sagt Seeberg. Ein Nachweis, dass Musik auch den Appetit steigert, steht allerdings noch aus.