Grabungen

Archäologie im Rheinland erlebt neues Rekordjahr

Fränkisches Gräberfeld entdeckt: Mehr als ein halbes Jahr dauerten die Untersuchungen bei Weeze.   

Fränkisches Gräberfeld entdeckt: Mehr als ein halbes Jahr dauerten die Untersuchungen bei Weeze.   

Foto: Rölke/LVR

Weeze.   Zahl der Grabungen stieg 2017 um 10% auf 550. Bodendenkmalpfleger will mit Kiesindustrie über die Finanzierung der Untersuchungen reden.  

Ein Glücksfall für Archäologen: In einer Kiesgrube bei Weeze legten Fachleute im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) im vergangenen Jahr einen kompletten Friedhof aus der Frankenzeit frei (6. bis 8. Jahrhundert). Die Experten fanden gar nicht tief in der Erde insgesamt 89 Körper- sowie 32 für die damalige Zeit unübliche Brandgräber. Dazu: Grabbeigaben wie Perlen, teils unversehrte Keramik, Gewandspangen, Goldmünzen und Waffen. Ein Teil der Funde ist jetzt im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen.

„Friedhöfe aus der Merowingerzeit sind insbesondere am Niederrhein selten“, erklärt Prof. Jürgen Kuno, Chef der Bodendenkmalpflege beim Landschaftsverband Rheinland (LVR). Die Wissenschaftler versprechen sich von ihnen wichtige Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte. Den Friedhof in Weeze-Knappheide hätten sie am liebsten im Boden gelassen – er befand sich jedoch im bereits genehmigten Kiesabbaugebiet.

Braunkohle verfügt über eigene Stiftung

Mit Kiesindustrie und Landesregierung will Kunow in nächster Zeit das Gespräch suchen. Neue Regionalpläne reservieren gerade auch am Niederrhein für die nächsten Jahre große Flächen für Kies- und Sandabbau – laut Kunow etwa so groß wie anderswo in NRW für die Braunkohle. Dass Bodendenkmäler da immer wieder im Weg sein werden, steht außer Frage. Per Gesetz ist zwar vorgeschrieben, dass Verursacher (hier also: die Kiesindustrie) für Grabungen und Untersuchungen aufkommen müssen – nur gibt es immer wieder Diskussionen darüber, was da „zumutbar“ ist.

Im Bonner Landesmuseum, wo gestern die Rheinische Jahrestagung der Archäologen stattfand, zeigte sich Kunow gegenüber der NRZ überzeugt, dass man eine einvernehmliche Lösung zum Kiesabbau finden werde. Ein Beispiel könne die Braunkohle sein. Dort gibt es zur Unterstützung der Grabungen eine vom Tagebaubetreiber RWE gefütterte Archäologie-Stiftung. Die auf mittlerweile 20 Mio Euro angewachsenen Mittel sorgen selbst in derzeitigen Niedrigzinszeiten für Erträge von 400 000 Euro pro Jahr. „Es muss aber beim Kies nicht auf so eine Stiftung hinauslaufen“, stellte Kunow klar.

Römischer Monumentalbau in Köln

Insgesamt war 2017 für die Archäologie im Rheinland wieder ein Rekordjahr – das vierte in Folge. LVR-Bodendenkmalpfleger Kunow führt den Anstieg auf das im Jahr 2013 per Gesetz festgeschriebene Verursacherprinzip zurück. Die Zahl der Grabungen stieg 2017 rheinlandweit auf etwa 550, ein Plus von 10 % gegenüber 2016.

Herausragende Funde wurden gestern bei der Tagung der rund 400 Fachleute im Bonner Museum vorgestellt. In Köln etwa gelang bei Grabungen die Entdeckung eines Monumentalbaus aus der Römerzeit – vermutlich eine Bücherei. In Xanten halfen neue Untersuchungen den „Stadtplan“ der früheren Römer-Großstadt zu vervollständigen. In Düsseldorf stieß man in unmittelbarer Nähe zur früheren Festung Kaiserswerth auf Relikte aus Belagerungen im 17. und 18. Jahrhundert (z. B Musketenkugeln, Feldlagergeschirr). Im Braunkohletagebau Hambach entdeckten Fachleute sechs Millionen Jahre alte, erstaunlich gut erhaltene Gingko-Blätter. Und im Rheinschotter am nördlichen Niederrhein wurden acht Millionen Jahre alte Haizähne gefunden.

>>> IMMER PRIVATLEUTE GEHEN AUF DIE SUCHE

Metalldetektoren gibt es im Internet schon für 40 Euro. Wer ein etwas leistungsstärkeres Gerät will, muss in der Regel über 100 Euro investieren. Solche Preise und der Reiz der „Schatzsuche“ sorgen dafür, dass immer mehr Menschen die Sondengängerei für sich entdecken.

Die Bodendenkmalpfleger im Rheinland sehen die Entwicklung zwiespältig. Zum einen gebe es hunderte Sondengänger, mit denen man sehr gut zusammenarbeite, heißt es ausdrücklich. Zum anderen gebe es aber auch „schwarze Schafe“, die für den illegalen Verkauf suchen – und viel Unwissenheit, was Vorschriften betrifft.

Eine neue Broschüre „Sondengänger und Archäologie“ (Auflage: 10 000 Stück) klärt auf. Sie wird an Behörden und Institutionen verschickt, kann aber auch im Internet heruntergeladen werden (www.bodendenkmalpflege.lvr.de).

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