„Should I stay or should I go“ – so heißt der Klassiker der britischen Rock-Band The Clash. Der Protagonist in dem Lied weiß nicht so recht, was er machen soll: Bei seiner Geliebten bleiben oder gehen? Zu einem Ergebnis kommt er nach drei Minuten nicht. Über den Austritt aus der Kirche dürften viele Menschen weitaus länger nachdenken. Das Bistum Essen hat den Clash-Song trotzdem für eine Fachtagung zum Thema Kirchenaustritt übernommen. Unter dem Titel „Should I stay or should I go“ diskutierten bis gestern Kirchenvertreter und Wissenschaftler darüber, warum Menschen aus der Kirche austreten, warum sie bleiben und wie sich Kirche verändern muss.

Bei der Fachtagung des Bistums Essen in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ wurde über das Thema Kirchenaustritte diskutiert.
Bei der Fachtagung des Bistums Essen in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ wurde über das Thema Kirchenaustritte diskutiert.

Beide Konfessionen verlieren Jahr für Jahr Mitglieder, auch wenn die Austrittswelle in den vergangenen Jahren etwas kleiner geworden ist – deutschlandweit kehrten 2016 rund 162 000 Katholiken und 190 000 Protestanten der Kirche den Rücken. Was bewegt diese Menschen? Geht es nur um Skandale und Kirchensteuer? Das Bistum Essen wollte es genauer wissen und gab eine Studie in Auftrag.

Bei einer Online-Umfrage machten 3000 Menschen mit. Für die Studie schauten sich Wissenschaftler und Autoren die Antworten derjenigen genauer an, die aus der Kirche ausgetreten waren – einen Teil der Menschen befragten sie in tiefgründigen Interviews.

Für Jüngere „aus der Zeit gefallen“

Das Ergebnis: Die landläufige Meinung, dass vor allem die Kirchensteuer der Grund für einen Austritt ist, lässt sich nicht halten. „Die Steuer ist ein möglicher Anlass, aber kein Grund“, sagt Markus Etscheid-Stams, Referent beim Bistum und Mitautor der Studie. Vielmehr fühlten die Menschen sich zunehmend von der Kirche entfremdet, sie passe nicht mehr in ihr Weltbild, werde als unglaubwürdig wahrgenommen. Hinzu kommen negative Erfahrungen, das können die großen Skandale sein – oder persönliche Probleme, etwa keinen Termin für die Taufe zu finden. „Irgendwann kommt es dann zum Bruch“, sagt Etscheid-Stams.

Vor allem jüngere Menschen verlassen die Kirchen, die meisten Austritte werden bei den 23- bis 35-Jährigen verzeichnet, 2016 kamen im Bistum 42 Prozent der Ausgetretenen aus dieser Gruppe. Gerade die Jüngeren nehmen die Kirche als aus der Zeit gefallen wahr. „Die kirchliche Moral wird als überholt angesehen und ihr wird oft nicht zugetraut, sich zu modernisieren“, sagt Björn Szymanowski vom Zentrum für Angewandte Pastoralforschung der Ruhr Uni Bochum, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat.

Das Schrumpfen hat auch eine finanzielle Dimension: Jeder Ausgetretene kostet das Bistum Geld. „Die Austritte haben aus finanzieller Sicht eine große Bedeutung“, sagt Daniel Beckmann, beim Bistum zuständig für die Finanzen. Zwischen 500 und 1000 Euro Kirchensteuer fehlen durchschnittlich bei einem Austritt – pro Jahr sind das zwischen zwei und vier Millionen Euro. „Zum Vergleich: Mit vier Millionen Euro können wir vier katholische Schulen oder 40 Kindertagesstätten im Jahr betreiben“, sagt Beckmann. Noch würden die Verluste zwar durch die gute Wirtschaftslage und die allgemein sprudelnden Steuereinnahmen ausgeglichen – „aber in spätestens zehn Jahren müssen wir anders aufgestellt sein.“ Ansonsten drohen weitere harte Einschnitte.

Ein modernes Image fehlt der Kirche

Mit den Ergebnissen der Studie will das Bistum nun daran arbeiten, dass künftig weniger Menschen austreten – oder die Zahlen zumindest nicht wieder anwachsen. „Welche konkreten Schritte es geben wird, darum geht es nun in einer breiten Diskussion“, sagt Klaus Pfeffer, Generalvikar und damit zweiter Mann hinter Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. „Der einfachste Schritt wäre, mit den Menschen mehr zu reden, die in Distanz zur Kirche stehen.“ Zwar würde schon heute an jeden Ausgetretenen ein Brief verschickt, persönliche Gespräche werden in den meisten Fällen aber nicht gesucht.

Die Autoren der Studie geben dem Bistum drei Aufgaben mit auf den Weg: Die Qualität der Seelsorge muss verbessert werden, die Kirche müsse sich viel stärker als Dienstleister verstehen. Dann müsse sie intensiver und öfter mit ihren Mitgliedern reden, die Menschen miteinbeziehen bei Entscheidungen – zu guter Letzt sei es dringend an der Zeit, der Kirche ein moderneres Image zu verpassen.

SO GEHT DAS BISTUM MÜNSTER DAS THEMA AN:

Das Bistum Münster beschäftigt sich ebenfalls mit der Frage, warum Menschen die Kirche verlassen und welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden können. Bei einer Zufriedenheitsstudie im Jahr 2015 kam heraus, dass viele der 1000 am Telefon befragten Katholiken mit der Kirche unzufrieden sind — vor allem die Institution Kirche kam schlecht weg, während die Pfarrgemeinden vor Ort besser bewertet wurden.

Felix Genn ist seit 2009 Bischof von Münster.
Felix Genn ist seit 2009 Bischof von Münster.

In Interviews wurden zudem Menschen nach Gründen für den Kirchenaustritt gefragt: Für rund ein Drittel war die Kirchensteuer ein Austrittsgrund. Ein wichtiger Faktor war zudem, dass die Lehre der Kirche als veraltet wahrgenommen wurde. Hinzu kamen institutionelle Skandale, persönlich schlechte Erfahrungen mit Vertretern der Kirche und die Tatsache, dass die Kirche die Bedeutung für manche Menschen verloren hat.

Das Bistum könne nicht alle diese Faktoren beeinflussen, sagt Sprecher Stephan Kronenburg. „Worauf wir aber Einfluss nehmen können, ist die Beziehungsqualität.“ Die Menschen sollten Vertreterinnen und Vertreter der Kirche nicht als abgrenzend und ausgrenzend erfahren, sondern als beziehungsstiftend und beziehungsfördernd.

Das Bistum Münster hat deswegen nun ein Programm auf den Weg gebracht, um einen Kulturwandel voranzutreiben: Die Kirche soll glaubwürdiger wahrgenommen werden (es wurde zum Beispiel ein Beschwerdemanagement eingerichtet), der Austausch zwischen Institution und Menschen soll verbessert werden und die kirchlichen Einrichtungen sollen geschlossener auftreten.

„So sollte es etwa nicht so sein, dass die Caritas oder auch die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, die sich in Trägerschaft des Bistums Münster befinden, offensichtlich kaum als zur katholischen Kirche gehörend wahrgenommen werden“, sagt Kronenburg.