Schicksal

Buch erzählt Geschichte von Gabriele Krebs „Sternenkindern“

Familie Krebs, das sind Piet, Sohn Max und Gabriele Krebs, wohnt und arbeitet in München. Maximilian ist ein erfolgreiches Basket-Ball-Talent.  

Familie Krebs, das sind Piet, Sohn Max und Gabriele Krebs, wohnt und arbeitet in München. Maximilian ist ein erfolgreiches Basket-Ball-Talent.  

Foto: privat

Essen/München.   Gabriele Krebs hat durch die Autoimmunkrankheit Lupus ihre Kinder verloren. Erst spät entdeckt ein Arzt die Ursache. Dann kommt Max zur Welt.

Es ist Weihnachten 2015 auf der Halbinsel Priwall in der Travemündung im Osten Schleswig-Holsteins. Gabriele Krebs spaziert mit ihrem Sohn Max durch die Dünen. Der 15-Jährige schaut zum Himmel, zeigt auf vier Wolken und sagt: „Guck mal Mama, das sind bestimmt meine Brüder. Sie sehen aus wie Engel.“ Aus Gabriele Krebs bricht heraus, was sie jahrelang versucht hat, zu verdrängen, ganz allein mit sich selbst auszumachen. Die Trauer um ihre verlorenen Kinder steigt wieder hoch, und sie heult vor dem erschrockenen Max „Rotz und Wasser“.

Da habe sie gewusst, dass sie sich dem Tod ihrer vier Söhne anders stellen muss, und sie hat es gemacht, indem sie ihre Geschichte aufgeschrieben hat – die Geschichte ihres Lebens und die von Robert, Benedikt, Florian und Thomas – und von Max.

Es sei ein heilsames Buch, sagt Gabriele Krebs, das sie angefangen habe, um nicht in einer Klinik zu enden. Gewidmet sei es Frauen in derselben Situation, die auch ein Kind verloren haben, um ihnen zu sagen, dass sie niemals aufgeben dürfen, sich nicht den Lebensmut nehmen lassen dürfen, denn es „gibt immer eine zweite Chance“.

Der Arzt findet keine Herztöne mehr

Ihr dritter Mann Piet, der Vater von Max, mit dem sie seit 20 Jahren „durch dick und dünn“ geht, hat sie ermutigt zu schreiben, hat das Buch als erster gelesen, unter Tränen, und ihr geraten, es zu veröffentlichen.

Peter „Piet“ Krebs, in den 80er-Jahren Abwehrstar beim damaligen Handball-Bundesligisten Tusem Essen und als Student Volontär bei der NRZ, lernt 1998 als Sat1-Sportjournalist die Medien-Beraterin bei einer Benefizveranstaltung in Timmendorf kennen, die jungen Box-Brüder Klitschko sind Stargäste.

Inmitten des Glamours ahnt er wohl nicht, durch welche Finsternis die so taff und souverän wirkende Gabriele bereits gegangen ist, wie sie in ihrem Buch eindrucksvoll beschreibt.

Ein Jugendehe endet unglücklich, aber mit ihrem zweiten Mann wird Gabriele 1990 schwanger. Die Freude ist groß, doch kurz vor der Entbindung findet der Arzt keine Herztöne mehr. Robert kommt tot zur Welt, ebenso 1992 Benedikt, 1994 Florian, 1996 Thomas. Frühzeitiger Blasensprung, Schwangerschaftsvergiftung, verkümmerte Organe. Die Ursachen für die Fehlgeburten sind unterschiedlich und geben den Ärzten kaum Anhaltspunkte, weiter nachzuforschen.

Der Geist verlässt den Körper

Kann man so etwas überstehen, und wenn ja, wie? „Wenn das Schlimmste, was man sich hat vorstellen können, tatsächlich eintrifft, dann ist das wie in einem Film, zu dem nicht gehört.“ Als sie den kleinen, schwarz verfärbten Körper Roberts im Arm gehalten habe, habe ihr Geist den Körper verlassen: „Der Rest funktioniert mechanisch.“ Die Trauer überlagert in diesen Jahren alles, die Ehe, die Intimitäten, Essen, Trinken, Schlafen: „Ich habe mich mit Arbeit betäubt.“

Daneben fühlt sie sich „scheiße schuldig“, als Versagerin. Bitterkeit kommt auf, auch Neid: „Ich konnte keine Kinderwagen sehen. Ich sah eine Frau mit mehreren Kindern und habe gedacht, wieso hat die fünf, die sie nicht mal ernähren kann, und ich kein einziges...“.

Ihre Ehe zerbricht an der Verzweiflung. Als sie den toten Thomas gebärt, hat ihr Mann bereits eine Affäre mit einer jüngeren Frau. Für Gabriele Krebs bleibt der Job ihr Rettungsanker, sie arbeitet inzwischen für einen TV-Sender, gerne auch bis tief in die Nacht.

Piet Krebs akzeptiert von Anfang an, dass ihre Beziehung kinderlos sein wird. Bis 1999 – das Paar lebt mittlerweile in Berlin – eine Routineuntersuchung bei einer Gynäkologin eine – eigentlich „unmögliche“ – Schwangerschaft feststellt.

„Endlich war ich nicht mehr schuldig“

Dieser Ärztin kommen die Blutwerte der Patientin komisch vor, sie überweist an die Charité, in die Hände von Dr. Achim Kürten, der heute ein guter Freund der Familie ist. Ihn macht die Vorgeschichte stutzig, er findet heraus, dass Gabriele Krebs an Lupus, einer seltenen Autoimmunerkrankung, leidet. Sie kann Haut, Gelenke, die eigenen Organe angreifen – vor allem aber sich in unterschiedlichster Form gegen die eigene Schwangerschaft richten. „Endlich war ich nicht mehr schuldig!“

Mit Medikamenten, lückenloser Überwachung und 24 Blutwäschen übersteht Gabriele Krebs ihre fünfte Schwangerschaft. Am 2. Februar 2000 wird der zarte Maximilian geboren und er wird in 18 Jahren zu einem zwei Meter großen Hünen heranwachsen, der beim FC Bayern als eines der deutschen Basketball-Talente spielt.

„Max ist mein Wunder, Piet ist mein Fels“, sagt Gabriele Krebs. Und sie ist dankbar, dass beide mit ihren Macken umgehen können. Piet mit den Ängsten während der Schwangerschaft. Und Max, der stets über seine toten Geschwister Bescheid wusste, damit, dass seine „Helikopter-Mama“ ihn immer noch von Training abholt, wenn es spät wird: „Max, ist eben alles für mich. Wenn ich ihn verliere, verliere ich mein Leben“.

Zu Freunden sagt Max nur: „Das müsst ihr verstehen. Meine Mutter hat vier Söhne verloren!“

>>>Erfolgreicher Tusem-Handballer

Peter Krebs spielte von 1978 bis 1990 in insgesamt 300 Handball-Bundesliga-Spielen und wurde während seiner aktiven Laufbahn mit den Vereinen GWD Minden und Tusem Essen mehrfach Deutscher Meister und Pokalsieger.

Er galt als einer der besten Abwehrspieler international. Die Ära mit Krebs, Alfreð Gíslason, Jochen Fraatz und Stefan Hecker gilt bis heute als die erfolgreichste Zeit von Tusem Essen.

Auf dem Cover des Buches seiner Frau Gabriele Krebs („Schicksal schau mal – vier Sternenkinder und ein Max“, 130 Seiten, Novum-Verlag, 14,90 €) ist Piet Krebs als frisch gebackener Vater zu sehen. Gaby Krebs: „Ich bin zuerst in Ohnmacht gefallen, als ich sah, das Max lebt“.

Am Sonntag ist „Weltgedenktag für verstorbene Kinder“. Die Idee stammt aus USA.

Unter dem Motto „Worldwide Candle Lighting“ sind alle Menschen eingeladen, zum Gedenken an verstorbene Kinder eine Kerze ins Fenster zu stellen.

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