Karnevalswagenbau

Leser besuchen Jacques Tilly bei Bau des NRZ-Karnevalwagens

Wenn alles so einfach wäre, wie es aussieht: Jacques Tilly demonstriert den NRZ-Lesern seine Drahtbautechnik.

Foto: Lars Heidrich

Wenn alles so einfach wäre, wie es aussieht: Jacques Tilly demonstriert den NRZ-Lesern seine Drahtbautechnik. Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.   Jacques Tilly baut den Karnevalswagen der NRZ. 30 Leser konnten ihn jetzt in der Düsseldorfer Wagenbauhalle besuchen und ihn näher kennenlernen.

Auf Papst Benedikt XVI. ist Jacques Tilly ein kleines bisschen sauer. Da rollte am 11. Februar 2013 der Düsseldorfer Rosenmontagszug durch die Rheinmetropole - und was passiert? Der Papst kündigt seinen Rücktritt an. Zur Unzeit, jedenfalls für Deutschlands bekanntesten Wagenbaukünstler. Zum ersten Mal seit fast 600 Jahren schied ein Papst nicht durch Tod aus seinem Amt. Eine Riesenstory. Und ganz bestimmt auch ein großartiges Motiv für einen von Jacques Tillys politischen Mottowagen.

Doch eine Rückzugankündigung, während Tillys fahrende Satiren schon unterwegs waren, das war selbst für jemanden, der grundsätzlich auf den letzten Drücker arbeitet, um ganz, ganz nah am Zeitgeschehen zu bleiben, zu spät. „Wir hatten ein Bild von ihm in unserer Halle. Das hab ich dann abgehängt, weil ich mich schon etwas geärgert habe“, erzählt Tilly. Und grinst. Solche Geschichten hat der 54-Jährige gleich im Dutzend parat.

Wütende Kommentare wegen Trump-Wagen

Viele sind amüsant, mindestens ebenso viele aber auch erschreckend. Weil es in ihnen nicht um heitere Anekdoten, sondern um Hassmails und Drohungen geht. Tillys Trump-Wagen vom Rosenmontag 2017, auf denen der US-Präsident erst die Lady Liberty schändet und anschließend von ihr mittels Verfassung geköpft wird, riefen eine Facebook-Gruppe auf den Plan, in der ruckzuck 25 000 wütende Kommentare zusammenkamen. „Die ersten hundert habe ich gelesen, dann hatte ich keine Lust mehr.“

Doch es zeigt eben auch: Der Mann, der den Ruf des Düsseldorfer Rosenmontagszuges als den politischsten und bissigsten der Republik begründet hat, ist ein Satiriker, der die Kunst, den wunden Punkt zu treffen, zu provozieren und auch zu polarisieren, spielend beherrscht.

Spannende Tour durch die Wagenbauhalle

Und genau deshalb hat er auch viele Fans, zu denen spätestens jetzt 30 NRZ-Leser gehören, die Tilly einen Abend lang durch die Düsseldorfer Wagenbauhalle führte. 60 Wagen - Motiv-, Gesellschafts- und Sponsorenwagen - warten in dem alten Straßenbahndepot auf ihren Ein-Tages-Einsatz am 12. Februar. Und natürlich vorher auf ihr Make-up für den närrischen Tag der Tage. An vielen von ihnen sind Tilly und sein zehnköpfiges Team als Baumeister beteiligt.

Natürlich auch am NRZ-Wagen, der 2018 erstmals dabei sein wird und auf einem Entwurf unseres Karikaturisten Thomas Plaßmann beruht. Noch ist das Gefährt im Rohbau, das Motiv nur als Zeichenvorlage auf Plastik an den Seitenwänden erkennbar. Dafür ist schon mal betreten erlaubt; wer sich die schmalen Stüfchen raufgezwängt hat, kann ein bisschen Höhenluft schnuppern und Kamelle werfen simulieren. Tilly erläutert währenddessen seine Leichtbautechnik (was sich ausschließlich auf die Form und nicht auf den Inhalt bezieht) aus Maschendraht und Papier.

Die politischen Motivwagen sind noch geheim

Wie die anderen Wagen aussehen, von denen einige tatsächlich schon fertig sind? Dürfen wir nicht verraten, ist geheim.

Und noch geheimer sind Tillys politische Motivwagen, die er grundsätzlich erst am Rosenmontag öffentlich zeigt. Aber da besteht sowieso keine Gefahr, die sind nicht nur nicht zu sehen, sondern noch nicht einmal angefangen. „Deutsche Politik - was soll ich denn da bauen? Wir haben ja noch nicht einmal eine Regierung,“ lästert Tilly amüsant. Doch natürlich wird ihm noch was einfallen, Sondierungen hin oder her. In Kürze muss er mit dem Nachdenken beginnen. „30 Ideen in 14 Tagen“, sagt er, 12 davon wählt dann das „Comitee Düsseldorfer Carneval“ aus. Zu brav wird es ganz sicher auch 2018 nicht zugehen. „Das sind alles sehr angstfreie Leute.“ Genauso wie er selbst.

Fachsimpeln über die Wagenbautechnik

NRZ-Leser André Krause fachsimpelt unterdessen mit Tilly und seinen Mitarbeitern über die kosten- und materialsparende Wagenbautechnik. Krause ist selbst Karnevalist, in einer Essener Gesellschaft aktiv und fasziniert. „Sehr interessant, wie die das hier machen. Da kann man einiges lernen. Obwohl es für uns wahrscheinlich schwer umzusetzen wäre.“

Ein anderer Leser will wissen, was wäre, wenn Koalitionsgespräche einen Tag vor Rosenmontag scheitern würden? „Ein Tag? Schaffen wir“, sagt Tilly.

Man darf auf seine dreidimensionalen Karikaturen zum Zeitgeschehen wieder gespannt sein.

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