Abpfiff für Gerd Hennig

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KARRIERE. Der Duisburger war einst als Schiedsrichter in ganz Europa unterwegs. Heute geht er mit seiner Frau Christina joggen.

AM NIEDERRHEIN. Die Strecke über den Kaiserberg, vorbei am Duisburger Zoo und wieder zurück nach Duissern legt Gerd Hennig noch immer regelmäßig im Laufschritt zurück. Dabei könnte der 72-Jährige nun eigentlich kürzer treten: Nach 45 Jahren im Dienste des DFB ist der ehemalige FIFA-Schiedsrichter seit Beginn der neuen Saison "Referee in Ruhestand". Die aktuell Großen der pfeifenden Zunft wie Dr. Markus Merk und Herbert Fandel verabschiedeten Hennig gemeinsam mit "Ober-Schiri" Volker Roth auf einem DFB-Schiedsrichtertreffen in Süddeutschland - daheim in Duisburg ruhen Hennigs Schiedsrichter-Utensilien nun für immer in der Vitrine.

Nach zwei Jahrzehnten als aktiver Unparteiischer in der höchsten Spielklasse und weiteren 25 Jahren als DFB-Beobachter blickt die Duisburger "Schiedsrichter-Legende", der den Fußballverband Niederrhein (FVN) bis in die höchsten Spielklassen vertrat, auf mehr als ein halbes Jahrhundert in der pfeifenden Zunft zurück.

Im Februar 1954 - das Wunder von Bern war noch in Planung - pfiff Hennig seine erste Partie als Schiedsrichter an: "Ein Jugendspiel von Rhenania Hamborn, ich war 19", erinnert sich Hennig. "Bis dahin hatte ich beim Meidericher SV selbst in der Jugend gekickt. Als schneller Rechtsaußen, aber ohne große Zukunft."

An der Pfeife aber gab der gelernte Speditionskaufmann, der am 7. November 1964 im Bremer Weserstadion bei der Partie Werder gegen Hertha BSC seine Bundesliga-Premiere feierte, richtig Gas. Es wurden stolze 161 Spiele, die der Duisburger im Oberhaus pfiff - das letzte war das Ruhrpott-Derby zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Bochum am 22. Mai 1982.

"Vorsicht an der Bahnsteigkante"

"Das waren noch Zeiten", seufzt der Schiedsrichter-Veteran. "Früher", plaudert Hennig aus dem Nähkästchen, "hat mein Kollege Walter Eschweiler zum Beispiel, wenn er die Mauer beim Freistoß auf die Neunmeterfünfzehn-Distanz bringen wollte, gerufen: 'Vorsicht an der Bahnsteigkante, bitte zurücktreten!'. Wenn das heute einer machen würde, dann würden die den doch für bescheuert halten. Oder erst gar nicht verstehen, bei den vielen Nationalitäten auf dem Platz."

Die Zeiten, in denen der Unparteiische eines Bundesligaspiels einen Spesensatz von 72 DM pro Tag verbuchte, sind lange vorbei. Heute freut sich ein Erstliga-Referee über ein Honorar von über 3000 Euro. "Aber ich weiß, dass es auch immer noch um den Reiz der Aufgabe geht", sagt der ehemalige Rekord-Bundesligaschiedsrichter, dessen 161-Spiele-Marke erst 20 Jahre später vom Gelsenkirchener WM-Schiedsrichter Hellmut Krug geknackt wurde. "Mittlerweile sind einige gute Leute vorbeigezogen", schätzt Hennig seine jungen Kollegen.

Als Assistent im Nou Camp

Seit vielen Jahren hat Hennig in seiner Wohnung sein Schiedsrichter-Büro. Mit Fotos, Souvenirs und Wimpeln von Top-Klubs wie Juventus Turin, Bayern München oder FC Barcelona. "Ich durfte alle pfeifen." Unvergesslich: das Supercup-Finale 1980 zwischen Barcelona und Nottingham Forest als Schiedsrichter-Assistent im legendären Stadion Nou Camp.

Zwar steht der 72-Jährige seinem Fußballkreis (Duisburg/Dinslaken/Mülheim) im niederrheinischen Verband noch als Schiedsrichter-Obmann zur Verfügung. Aber etwas mehr Zeit für die Familie sollte nach der Verabschiedung von der größeren Fußball-Bühne drin sein. "Ich hoffe, dass wir jetzt mehr zusammen unternehmen können", so Ehefrau Christa. "Doch, wir werden jetzt öfter mal gemeinsam ein paar Runden drehen", schmunzelt Hennig. Über den Kaiserberg und vorbei am Zoo. Es muss ja nicht unbedingt im Laufschritt sein#1#20

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