Genuss

Angelika Dickel züchtet Weinbergschnecken

Foto: Waz FotoPool

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Moers. Nein, sie ist nicht jedermanns Sache, die Helix Pomatia. Eher ein Nischenprodukt. Aber Feinschmecker schwören auf die Weinbergschnecke. Angelika Dickel aus Moers züchtet die Tierchen.

Wie ihre Verwandte, die Muschel, stößt das Kriechtier mit dem Eigenheim auf dem Rücken als „Häppchen” oft auf Skepsis und sogar Ekel. „Völlig zu Unrecht”, sagt Angelika Dickel aus Moers. Nicht ohne Grund. Schließlich züchtet sie als einzige in Nordrhein-Westfalen im Kohlenhuck zwischen Moers und Kamp-Lintfort die originale Grafschafter Weinbergschnecke.

Restaurants schwören auf die Grafschafter

Führende Restaurants am Niederrhein haben die wirbellosen Tierchen aus der Grafschaft im Programmm. Unter anderem Brendel in Duisburg-Friemersheim, Schloss Hugenpoet in Essen, das Parkhotel Wasserburg Anholt, das Chopelin im Casino Krefeld und viele mehr. Doch den Ruf der Weinbergschnecke verbessert das nicht.

„Dabei haben die Tiere mit der gewöhnlichen Nacktschnecke aus dem Garten nichts gemein”, betont die 50-Jährige. Zieht der Schädling eine hartnäckige, klebrige Schleimspur hinter sich her, dringt das Sekret ihrer Schwester wie eine Creme in die Haut ein. Manche meinen, es würde sogar gegen Schuppenflechte helfen. Weil der Schleim natürliches Antibiotikum, Proteine, Vitamine und Glykolsäure enthalte. Doch das ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Fest steht aber, dass das Fleisch der echten Weinbergschnecke nur wenig mit der gummiartigen Masse zu tun hat, welches sich in Kräuterbutter eingelegt in den Supermarktregalen findet. „Häufig handelt es sich dabei aber um das Fleisch der so genannten Achat–Schnecke aus Asien oder Afrika, die nur in das Haus der Weinbergschnecke gepresst werden. Geschmacklich liegen aber zwischen den europäischen und asiatischen Tierchen Welten. Die Achatschnecke schmeckt zäh, die Weinbergschnecke zart bis erdig-nussig. „Kein Wunder, es ist reines Muskelfleisch”, erklärt Angelika Dickel.

Kohlenhalde statt Weinberge

Weinbergschnecken werden schon seit der Antike in Frankreich und Italien gesammelt, von den Römern wurden sie in Schneckengärten gezüchtet. Heute stammen die Tierchen vor allem aus Betrieben im französischen Burgund, aus Italien, dem Schweizer Waadtland und aus Süddeutschland.

Auch am Niederrhein ist die Schneckenzucht keine neue Erfindung. Bis ins 19. Jahrhundert haben die Mönche im Zisterzienser-Kloster Kamp die Schnecke in eigens dafür angelegten Parzellen gezüchtet, um sie während der Fastenzeit mit Kraut zu verspeisen. In der Bibel gilt die Weinbergschnecke nämlich weder als Fleisch noch als Fisch. Deshalb durften die Mönche in der Fastenzeit auch kräftig zulangen.

Chardonnay und Chablis

Das tun Feinschmecker heute noch, insbesondere im französischen Burgund. Dort liegen einige der besten Weinberge der Welt, an denen Pinot Noir, Chardonnay und Chablis gewonnen wird. Der Niederrhein kann dagegen nur mit einer 53 Meter hohen Abraumhalde, die bis 2012 am Kohlenhuck aufgetürmt wird, dienen. „Macht aber nichts”, erklärt Angelika Dickel: „Wichtig ist nicht der Wein, sondern der Boden.”

Der enthält auch am Niederrhein genügend Mineralien, damit die Tierchen fleißig fressen – am liebsten welke Brennesseln. Und sich ebenso eifrig vermehren. Das tun die Zwitter übrigens im Stehen. Jedes Tier produziert nämlich männliche und weibliche Keimzellen. Doch sie können sich nicht selbst befruchten. Stattdessen kommt es zu einem Liebesspiel, bei dem sie sich aufrichten und gegenseitig kleine Liebespfeile in ihre Körper treiben.

Zur Schneckenzucht kam die ehemalige Bauführerin bei der Ruhrkohle AG wie die Jungfrau zum Kind. „Schuld ist das Haus”, schmunzelt die 50-Jährige. Spontan hatte sie sich bei ihren Einsätzen am Niederrhein in das ebenso abgelegene wie abgewohnte Anwesen aus den siebziger Jahren mit Swimming Pool und Kegelbahn verliebt.

Kleines Grundstück, kleine Tiere

„Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, unseren Wohnort mit dem Aufbau einer Existenz zu verbinden. „Kleines Grundstück, kleine Tiere”, lautete die Devise. In die engere Auswahl kamen Kaninchen, Wachteln und Weinbergschnecken, wobei die Schnecke das Rennen machte. Wegen ihrer Widerstandsfähigkeit.

Die Gefahr, dass das niederrheinische Schneckenmonopol von Angelika und Ralf Dickel bald ins Wanken gerät, ist gering. Denn mit einer Schneckenzucht kann man keine schnelle Mark machen. „Bis die Tiere ausgewachsen und verarbeitungsreif sind, vergehen drei Jahre”, schildert die 50-Jährige.

Außerdem ist insbesondere im Sommer kräftige Handarbeit angesagt. Beim Sammeln, beim Zubereiten und beim Bewässern der 18 Felder. Denn die Weinbergschnecke liebt's feucht und warm. Doch spätestens Ende Oktober kehrt am Kohlenhuck Ruhe ein. Dann graben sich die Tierchen in den Boden ein, verschließen ihr Häuschen und gehen bis zum Frühjahr in den wohlverdienten halbjährigen Winterschlaf.

  • Zur Bildergalerie: Schneckenfestival
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (7) Kommentar schreiben