Er konnte gerade laufen, da war Oliver Hübner zum ersten Mal auf Texel. Bis heute, inzwischen ist er 52, hat der selbstständige Autor, Texter und Blogger die bei Deutschen beliebte westfriesische Insel schon unzählige Mal besucht. Dem in Unna geborenen und heute in Selm sowie Schwerin wohnhaften Diplom-Physiker hat es unser gesamtes Nachbarland so sehr angetan, dass er ein Buch mit dem Titel „111 Gründe, die Niederlande zu lieben“ geschrieben hat und seit 2016 den deutsch-niederländischen „blog speciaal“ betreibt.

Wir haben uns mit ihm über die Niederlande, die wegen Corona gerade leider fast komplett zum Risikogebiet erklärt worden sind und daher derzeit besser nicht angesteuert werden sollten, unterhalten.

Herr Hübner, was ist damals auf Texel passiert, als der kleine Oliver sein Herz dort verloren hat?

Oliver Hübner: Für mich sind das natürlich in erster Linie Urlaubserinnerungen, und Urlaub sollte doch immer schön sein. Bevor ich zur Welt gekommen bin, sind meine Eltern meistens nach Noordwijk gefahren, aber Texel hat landschaftlich einfach mehr zu bieten. Als wir das erste Mal dort waren, sind wir danach immer wieder hingefahren, fast jedes Jahr. Meine Eltern haben mich mit dem Bollerwagen über den Strand gezogen, ich glaube, ich habe sogar Rad fahren auf Texel gelernt.

Wann waren Sie zum letzten Mal auf Texel?

Im September war ich zum ersten Mal nach fünf Jahren wieder dort, als die Insel noch nicht zum Corona-Risikogebiet eingestuft war. Ich muss sagen, dass sich in den letzten Jahren zwar einiges verändert hat und mehr Ferienparks oder Strandpavillons hinzugekommen sind, aber seinen ursprünglichen Charakter hat die Insel behalten. Das liebe ich an Texel.

Sie behaupten, die Niederlande seien das schönste Land der Welt. Warum das denn?

Dafür habe ich ja in dem Buch 111 Gründe genannt (lacht). Nein, im Ernst, an erster Stelle muss man da die Nähe nennen. Man kann mal eben in einer guten Stunde zum Markt nach Venlo oder Enschede fahren und hat sofort ein Urlaubsgefühl. In den Städten ist mehr Leben, jede kleine Stadt hat einen belebten Marktplatz mit Cafés und Kneipen, alles findet draußen statt. Überall findet man schöne Städte mit liebevoll gestalteten Plätzen, oft am Wasser gelegen. Und die Leute zeichnet eine gesellige Gelassenheit aus, das ist schön entspannend.

Wie ein Tag am Meer?

So ähnlich. Bis zur Nordsee mit seinen wunderschönen Stränden ist es natürlich ein bisschen weiter, aber vom Niederrhein, Ruhrgebiet oder Münsterland auch die nächste Möglichkeit, einen Tag am Meer zu verbringen. Kurzum: Ob Tagestour, Kurzurlaub oder längere Ferien: Die Niederlande sind immer einen Besuch wert.

Sprechen Sie Niederländisch?

Ja, ich habe es 1994 während meines Studiums in Amsterdam gelernt und danach immer zugesehen, dass ich sprachlich gut im Training bleibe.

Viele Deutsche, zumal aus unserer Region, kennen das Nachbarland ja schon sehr gut. Was können Sie als Insider noch für Tipps geben?

In Grenznähe bietet sich ein Abstecher nach Winterswijk an. Dort kann man sehr gut einkaufen, und das Städtchen hat viel Charme. Sehr schön finde ich auch Ootmarsum bei Enschede, ein echter Künstlerort. Ein bisschen weiter weg ist Harderwijk, eine alte Hansestadt, die früher einen historischen Hafen am Markermeer hatte. Seit dort die Provinz Flevoland dem Wasser abgerungen wurde, hat Harderwijk nur noch einen Binnenhafen, aber eine wunderschöne Strandbar.

Wie gehen nach Ihren Erfahrungen die Niederländer mit den gängigen Klischees um, die wir Deutsche ja teils immer noch von Ihrem Land haben: Stichworte: Käse, Windmühlen, Klotschen, Wohnwagen und Fastfood aus der Wand?

Das ist ja umgekehrt nicht anders. Die Niederländer denken sich auch ihren Teil über uns, das habe ich erfahren müssen, als ich in Amsterdam studiert habe. Da habe ich schon mal hören müssen: ‘Jawoll, der Deutsche kommt!’ Das ist jetzt schon ein paar Jahre her und inzwischen ist unter uns Nachbarn vieles selbstverständlich, aber zumindest Frotzeleien gehören noch dazu.

Wenn Deutschland bei der WM oder EM gegen Holland gewonnen hat: War es denn schwerer, dort Urlaub zu machen?

Na klar, das hat man immer gemerkt. Den Niederländern kollektiv ins Bewusstsein gebrannt hat sich das verlorene WM-Finale 1974. Da haben sie während des Turniers den schönste Fußball gespielt und waren auch im Endspiel in München besser, aber am Ende haben natürlich die Deutschen mal wieder gewonnen. Das Spiel gilt immer noch als die Niederlage schlechthin, aber da war ich ja noch ein Kind und habe das auf Texel nicht mitbekommen, falls die Leute dort plötzlich nicht mehr so freundlich waren. 1988 gab es dann die Revanche, als sie bei uns die EM gewonnen haben – und trotzdem gab es zwei Jahre später bei der WM 1990 in Italien die berühmte Spuckattacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler. Da ist viel passiert, möglicherweise ganz späte Nachwehen aus der Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs. Die Rivalität ist heute noch groß, aber Diskussionen über Fußball sind trotzdem entspannter geworden.

Was können wir von unseren Nachbarn lernen und die von uns?

Ich schätze an den Niederländern ihre Lockerheit und Offenheit. Sie sind direkt, sprechen Dinge gerade heraus an. Außerdem mag ich ihre Toleranz. Da stört sich keiner daran, wenn der Nachbar den Rasen nicht ordentlich gemäht hat. Das ist bei uns schon anders. In Zeiten von Corona allerdings ist den Niederländern ihre Lässigkeit ein wenig vor die Füße gefallen, mit der Bewältigung der Krise sind wir, finde ich, bisher besser umgegangen.

In Sachen moderner Infrastruktur – Stichworte autofreie Innenstadt oder Vorrang fürs Fahrrad – sind sie uns aber ziemlich voraus...

Das stimmt! Ich liebe es, in den Niederlanden Rad zu fahren. Das macht so unendlich viel mehr Spaß als bei uns. Von den Verkehrswegekonzepten können wir uns wirklich mal eine Scheibe abschneiden, aber nicht nur da.

Welche Themen behandeln Sie in Ihrem ‘blog speciaal’ und warum der Name?

Dafür habe ich das Klischee von der Frikandel oder Pommes speciaal bemüht, übrigens meine Lieblingssoße. Die hat ja von allem etwas, scharfe Zwiebeln, süßen Ketchup und fettige Mayo – echt lecker! Inhaltlich finden dort ganz verschiedene Themen statt, von ganz normalem Service wie Ausflugstipps so nach dem Motto Land, Leute, Kultur und Natur. Wer den Blog besucht, erfährt aber auch eine Menge über die Geschichte des Landes.

Gutes Stichwort: Warum war denn der westfälische Frieden für unsere Nachbarn so wichtig?

1648 war ja im Grunde das Geburtsjahr der Niederlande. Mit dem Ende des 30-jährigen Krieges und der Erklärung des westfälischen Friedens in Münster wurde auch die Besatzung der niederen Lande durch Spanien beigelegt. Die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen entstand. Diese wurde auch Vereinigte Niederlande genannt und war fortan erstmals unter diesem Namen autonom. In Münster, also nicht weit entfernt von meinem Wohnort Selm, steht daher das Geburtshaus der Niederlande.

„Blog speciaal“

Oliver Hübner hat sich nicht nur in dem Buch „111 Gründe, die Niederlande zu lieben“ intensiv mit unseren Nachbarn befasst, sondern auch in seinem Blog. „Blog speciaal“ heißt das Format, ist seit 2016 unter https://blog-speciaal.de/ online und erreicht nach Aussage von Oliver Hübner monatlich über 10.000 Zugriffe. Neben Tipps zu Land und Leuten gibt es im „blog speciaal“ auch die aktuellen Coronabestimmungen.