Manchmal passieren seltsame Dinge – selbst einem Museum. Und dann erlebt ein Haus so etwas wie eine Sternstunde – wobei das wahre Ausmaß des Glücks wohl erst späteren Generationen vorbehalten sein wird. Nicht immer ist Kunst auf Anhieb wertvoll, die Zeit erst macht die Dinge unersetzlich – und bei Kunst spielt Geld - zu Beginn - nicht immer die größte Rolle. Freilich ändert sich das mitunter zügig – aber es gibt auch noch die Sammlerinnen und Sammler, die aus Leidenschaft Kunst um sich horten. Aus Begeisterung, aus Spaß an dem, was sich hinter einer Skulptur, einem Bild und dem Zeitgeist verbirgt, die sammeln – einfach so.

Skulpturen, Zeichnungen, Fotos

Hiltrud Neumann, Lehrerin, war so eine Sammlerin. Jahrzehntelang hat sie Kunst gekauft, getauscht, geschenkt bekommen – und in ihrer Wohnung im sechsten Stock eines Hochhauses in Mönchengladbach-Hardt im wahrsten Sinne des Wortes gestapelt. Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, quer durch alle Stile und Arbeitsweisen.

Ausstellung im Museum Goch

Eröffnet wird die Ausstellung „Die Kunst sucht ihren Platz. Die Sammlung Neumann“ am Sonntag, 28. August, 11.30 Uhr. Zu sehen dann bis 23. Oktober. Immer donnerstags, 15 Uhr, wird eine kostenlose Führung angeboten.

Die Ausstellung, eine Kooperation mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, gewährt erstmals einen umfangreichen Einblick in die private Sammlung und das Lebenswerk von Hiltrud Neumann. Ein Katalog dazu erscheint im Pagina-Verlag Goch – mit Beiträgen des Museumsteams Goch sowie von Studierenden der Heinrich-Heine-Universität. Katalog und Ausstellung werden gefördert von der Kunststiftung Goch.

Öffnungszeiten Museum:
dienstags bis freitags 10-17 Uhr; samstags und sonntags 11-17 Uhr. Eintritt: vier Euro, ermäßigt zwei Euro.

www.museum-goch.de

Und dann hat sie, lange vor ihrem Tod im Jahr 2020, ihre Kunstsammlung dem Museum Goch, besser, der Kunststiftung Goch geschenkt. Viele Gespräche und Begegnungen waren dem voraus gegangen. Eine gemeinsam konzipierte kleine Ausstellung gab es da schon mal.

Ab dem kommenden Wochenende (28. August) gewährt das Museum Goch nun Einblick in die „Sammlung Neumann“. Rund 100 Objekte aus der in Gänze mehr als 3500 Werke umfassenden Sammlung. Ein spannender Einblick in ein unglaublich vollgepacktes Füllhorn zeitgenössischer Kunst, das zum allerersten Mal den Schritt aus der Privatsphäre hinaus in die Öffentlichkeit tut. Jedes Werk kann sich befreien vom dichten Miteinander, bekommt Platz und Luft zum Atmen – und zum Wirken. Und verliert natürlich das Geborgensein im großen Gesamtkunstwerk, das die Wohnung Neumann ja letztendlich selbst auch war.

Blick in die Wohnung – überall ist Kunst, oben, unten rechts, links, sogar auf dem Boden. Bis zu ihrem Tod lebte Hiltrud Neumann mittendrin. Eine Schenkung machte es möglich, dass das Museum Goch die „Sammlung Neumann“ nun nach Goch holte.
Blick in die Wohnung – überall ist Kunst, oben, unten rechts, links, sogar auf dem Boden. Bis zu ihrem Tod lebte Hiltrud Neumann mittendrin. Eine Schenkung machte es möglich, dass das Museum Goch die „Sammlung Neumann“ nun nach Goch holte. © wasch

Die Sammlung Neumann – gesammelt quer durch Zeiten, Stile und Geschmack. Zeitgenössische, regionale Kunst, gemalt, gezeichnet, gehämmert, gegossen, Skulpturen, Installationen, Bilder, Fotos, riesig und winzig, viele Kilo schwer oder federleicht. Hiltrud Neumann war es egal, ob da ein Günther Zins an der Decke hängt oder ein Ulrich Rückriem an der Wand lehnt, ob Guiseppe Penone, Felix Droese, Tony Cragg oder ein Anonymus oder gar ein no name sich dazu gesellte. Sie sammelte, was ihr gefiel.

Eine Wohnung wird selbst zum Kunstobjekt

Alles geborgen in zwei kleinen mit einem Durchbruch verbundene Wohnungen.

Und wenn man sie und sich fragte, wo sie das gerade wieder neu erworbene Werk noch unterbringen wollte zwischen all dem Alltagszeug und den zugestellten Wänden und Möbeln, lächelte sie und sagte in sich ruhend: „Die Kunst sucht sich ihren Platz.“

Viele Überraschungen

Und so ist der Titel der kommenden Ausstellung im Museum Goch zauberhaft gewählt und eine Verbeugung vor der Sammlerin: „Die Kunst sucht sich ihren Platz“. Zwei Jahre lang hat Volontärin Natascha Frieser (Forschungsvolontariat Kunstmuseen NRW) alles gesichtet, registriert, gelistet, eingeordnet.

Wohin man guckt, überall Kunst.  Alltagsgegenstände und Kunst vermischen sich, die Grenzen verschwinden.
Wohin man guckt, überall Kunst. Alltagsgegenstände und Kunst vermischen sich, die Grenzen verschwinden.© Museum Goch | Peter Loewy

Mehr als 3500 Objekte ruhen im Gocher Depot – man darf vermuten, dass sich in so mancher Umzugskiste noch Überraschendes finden wird. „Seit der Jahrtausendwende entwickelte sich das Museum Goch zu einem Museum für Gegenwartskunst“, sagt Museumsleiter Dr. Stephan Mann.

„Eine mutige Entscheidung“

„Seitdem zielt unsere Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern darauf, die Gegenwart zu befragen, um hieraus immer wieder neue Dialoge in unserer Zeit zu ermöglichen.“

Für ein öffentliches Museum sei die Übernahme der Schenkung Neumann eine denkwürdige, vielleicht auch mutige Entscheidung gewesen. „Sie wurde getroffen“, so Mann, „weil es genau diese Leidenschaft für die Künstlerinnen und Künstler sowie der Respekt vor ihren Werken ist, für den nicht nur Hiltrud Neumann mit ihrer Sammlung steht sondern weil diese Einstellung in vollem Umfang die Haltung unseres Museums beschreibt.“