Günter von Lonski hätte gern gebacken, denn bei einem Stückchen Kuchen plaudert es sich einfach besser. Ärgerlich nur, dass der gebürtige Duisburger mittlerweile in Hannover wohnt… Aber selbst übers Telefon kommt er schnell in Kaffeeklatschstimmung, vor allem, wenn sich das Gespräch um „Beas Büdchen“ dreht. In seinem neuen Krimi geht’s um Mord, allerdings ganz ohne schauriges Blutvergießen, „solche Krimis gibt’s ja schon genug“, sagt er. „Ich will Bücher nicht wegen der Sensation, sondern für die Menschen schreiben.“ Deshalb hat er sich auch einen ganz besonderen Schauplatz ausgesucht, genau, Beas Büdchen eben, das es so zwar nicht am Dellplatz gibt, aber durchaus geben könnte. Und ein Büdchen, das wissen alle spätestens, seit NRW die Trinkhallen des Ruhrgebiets als immaterielles Kulturerbe aufgenommen hat, ist so viel mehr als ein Ort, an dem es Zigaretten, Süßigkeiten, Bier zu kaufen gibt.
Wobei, Günter von Lonski dachte sich bei der Nachricht zunächst: „Dat soll Kultur sein?“ So steht es auch vorne in seinem Buch. Nur um dann schnell zur Antwort zu kommen: „Und dat, dat, dat is’.“ Denn ja, dat is’ Kultur, hat er bei genauerem Überlegen selbst festgestellt: „Nachbarschaftlich, kritisch, humorvoll, fantasiereich...“ All das sind Adjektive, die ihm direkt einfallen, wenn er an ein Büdchen denkt. Fantasiereich? Ja klar, sagt er. Wenn Bea, die Büdchenbesitzerin aus seinem Buch, beispielsweise aus dem Fenster guckt und dort gerade eine junge Frau Hand in Hand mit einem jungen Mann entlanggeht, dann fragt sie sich direkt, wer könnte das sein, stellt Vermutungen auf und bespricht das mit den anderen aus der Nachbarschaft. „Das ist wie ein Stein im Wasser, eine einzige Beobachtung zieht weite Kreise.“ Genau so läuft es doch eben in einem Büdchen ab, weiß er selbst nur allzu gut.
Erster Kuss hinterm Büdchen
Seine Kindheit und Jugend hat Günter von Lonski in Duisburg verbracht, genauer gesagt in Laar, und dort am Rheindamm gab’s doch immer dieses eine Büdchen… Ach, Erinnerungen daran hat er viele! Als er eine Tüte mit Lakritzstangen kaufte, in der eine Losnummer steckte, mit der er einen Ball gewann. „Das fand ich großartig!“ Oder als er seine erste Zigarette hinterm Büdchen geraucht hat. „Die wurden damals einzeln verkauft, keine Ahnung, ob das überhaupt erlaubt war.“ Oder als er seine erste Freundin geküsst hat, ja, auch das hinterm Büdchen. Später dann wurde es etwas weniger aufregend, wenn plötzlich Besuch auf der Türmatte stand und alle Kekse schon längst aufgefuttert waren. „Dann ging’s schnell in die Latschen und runter, um noch eben was zu kaufen“, erzählt er. Der Klassiker. Doch es sind auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, die ein Büdchen und insbesondere „Beas Büdchen“ ausmachen.

Bea ist 62 Jahre alt, hat scharfe Augen und feine Ohren, und „kommt mit allen und jedem ins Gespräch“, erklärt der Autor. Die Idee zur „Miss Marple vom Dellplatz“ kam ihm übrigens zur gleichen Zeit wie die Idee zum Schauplatz. Wenn Trinkhallen nun schon immaterielles Kulturerbe sind, dann sollte ihnen auch ein literarisches Denkmal gesetzt werden. Und genau das hat er dann auch gemacht. Herausgekommen ist dabei eine „nachbarschaftliche, kritische, humorvolle, fantasiereiche“ Geschichte, in deren Mittelpunkt Büdchenbesitzerin Bea steht. Alles läuft so wie immer, als plötzlich in ihrem Büdchen ein Mann auftaucht – nackt, attraktiv und tot. Doch als die Polizei erscheint, ist die Leiche weg und damit auch das Interesse der Kripo. Also ermitteln Bea und ihre Freundin Meta in Eigenregie. Endlich können sie ganz ungeniert alle ausfragen und beobachten...
Ruhrpottcharme in Hannover
Der gewisse Ruhrpottcharme klingt dabei immer wieder durch und das, obwohl Günter von Lonski schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Duisburg, sondern nun in einem Dorf nahe Hannover wohnt. Jene Region, die bekannt dafür ist, dass die Menschen dort das beste Hochdeutsch sprechen. Wie kommt denn jemand, der dat jetz nich so von zuhause kennt, damit klar? „Die Leute reagieren ganz unterschiedlich“, erklärt er. Die einen bewundern die Fähigkeit der Rheinländer, alles leichter zu nehmen und fröhlich zu sein, die anderen verdrehen beim Dialekt auch schon mal die Augen. „Noch schwerer haben es aber die Schwaben und Sachsen“, sagt er und lacht. „Ich komme hier ganz prächtig mit den Leuten klar.“ Sonst würde er es wohl auch nicht schon so lange an diesem Fleckchen aushalten. Duisburg ist und bleibt aber seine „Herzensheimat“. Obwohl, das gibt er zu, „man sein Herz an manchen Ecken gut festhalten muss.“
Und deshalb hat er auch längst noch nicht genug von „Beas Büdchen“, einen Nachfolgeroman möchte er unbedingt schreiben. Ideen dazu schwirren ihm schon einige im Kopf herum. Aber da will er „jetz wirklich nix verraten, dat ist immer ein schlechtes Omen“…. „Seh’n Se, da rede ich schon wieder direkt so wie im Ruhrpott...“ Die Herzensheimat lässt ihn eben nicht los! Und wenn Miss Marple vom Dellplatz wieder ermittelt, dann erscheint das Buch hoffentlich auch pünktlich zum nächsten Tag der Trinkhallen. Denn bislang hat Günter von Lonski es dorthin noch nie geschafft, „leider“, es wird also Zeit.
Günter von Lonski: „Beas Büdchen“, erschienen im Gmeiner-Verlag, 278 Seiten, Taschenbuch 13 Euro, E-Book 9,99 Euro.
>>> Günter von Lonski
Günter von Lonski wurde am 18. August 1943 in Duisburg geboren. Heute lebt er mit seiner Frau in Pattensen bei Hannover. Seine Laufbahn beschreibt er selbst wie folgt: „Gymnasium durchlitten, Schriftsetzer gelernt, Studium an der Hochschule der Künste Berlin.“
Vor über 30 Jahren begann er damit, Geschichten, die er seinen Kindern erzählte, aufzuschreiben. 1984 erschien das erste Buch. Es folgte Kinderbuch auf Kinderbuch, später kamen Krimis für Erwachsene mit Bezug zum Weserbergland, zu Hannover und nun auch Duisburg hinzu.



