Die achte Minute der Nachspielzeit ist noch nicht ganz rum, da gibt es für die Fans im Restaurant Al Baraka in Düsseldorf schon kein Halten mehr. Sie springen auf, stehen auf den Tischen, fallen sich in die Arme. „Dima Marokko“ – „Für immer Marokko“ rufen sie im Chor. Es folgt der Abpfiff. Der Jubel nimmt noch einmal zu: „Dima Marokko“.
Dann strömen, nein, rennen die marokkanischen Fans aus dem Lokal nach draußen. Die Ellerstraße verwandelt sich in ein rotes Lichtermeer aus Flaggen, roten Böllern und Bengalos. Ein paar Silvesterraketen schießen ebenfalls gen Himmel. Ihre Mannschaft, Marokko, der eigentliche Außenseiter der Fußball-Weltmeisterschaft, hat es geschafft und steht erstmals im Halbfinale einer WM. „Es ist einfach nur unglaublich“, sagt ein marokkanischer Fan. Er hat Tränen in den Augen.
Marokkanische Fans schauen das Spiel gemeinsam in Düsseldorfer Cafés und Restaurants
Doch schon vor dem 1:0 Sieg gegen Portugal herrscht im Stadtteil Oberbilk am Samstag Feierstimmung. Pünktlich zum Anpfiff sind die Cafés und Restaurants entlang der Eller- Linien- und Lessingstraße – der Gegend, die auch „Klein-Marokko“ genannt wird – voll. So voll, dass die Betreiber ihre Lokale von innen sogar abschließen müssen. Nichts geht mehr. Die Steh- und Sitzplätze sind belegt.
Vor dem Café Salem stehen mehrere Fans, die das Spiel von draußen durch die Fensterscheiben mitverfolgen. Und selbst im gegenüberliegenden Friseursalon Masbahi wird das Viertelfinale geschaut –und die Haare werden nebenbei geschnitten.
Ein ähnliches Bild an der Ecke Eller-/Linienstraße: Vor der Metzgerei Alhoceima Royal tummeln sich gut 30, 40 Fans, die durchs Schaufenster einen Blick auf die Begegnung erhaschen wollen. Selbst hier läuft die Partie. Zwischen Wurstwaren und Hähnchenbrustfilet sozusagen. „Normalerweise haben wir die Spiele nicht gezeigt. Aber wir wollten unseren Landsleuten die Möglichkeit geben, das Spiel gemeinsam zu sehen, weil es ein ganz besonderer Tag für uns ist“, sagt ein Mitarbeiter der Metzgerei.
Und es gebe noch einen Grund: Im Vergleich zum Viertelfinale am Dienstag hätten am Samstag weniger Cafés und Restaurants geöffnet. „Vielleicht haben sie Angst, dass randaliert wird und lassen ihr Geschäft lieber zu“, vermutet der Mitarbeiter.
Jubel, Hupkonzerte und Böller beim Führungstreffer der Marokkaner
Auf dem Bürgersteig verfolgen auch Marokkaner Mo und Italiener Marcello das Spiel auf ihren Handys. Damit sind sie nicht allein. Die Gehwege sind voll mit Fans, die das Spiel auf ihren kleinen mobilen Bildschirmen schauen. „Eigentlich hätten wir Plätze in einem Lokal gehabt, aber wir kamen nicht mehr rein, weil wir es nicht pünktlich geschafft haben. Unser Zug fiel aus“, erzählen die Freunde, die extra mit der Bahn aus Krefeld nach Düsseldorf kamen. „Das hier ist ein Erlebnis, ein ganz besonderer Tag, da wollen wir dabei sein“, betont Mo.
In der 42. Minute geht Marokko in Führung. Auf den Straßen ist das nicht zu überhören. Es wird gejubelt, Böller gezündet, die vorbeifahrenden Autos hupen. Es ist ein erster, kleiner Vorgeschmack auf das, was passieren könnte und schließlich auch passiert, wenn Marokko den portugiesischen Gegner wirklich besiegt.
Auch die Polizei zeigt mittlerweile immer mehr Präsenz. Schon vor dem Anpfiff ist sie mit einem Großaufgebot vor Ort. In fast jeder der umliegenden Straßen steht mindestens ein Einsatzwagen.
In einem der marokkanischen Supermärkte verfolgt Mohammed El Kuurachi das Spiel ebenfalls auf seinem Handy. „Es fällt zu 100 Prozent noch ein zweites Tor“, sagt er in der Halbzeitpause zuversichtlich. „Es ist ein super Spiel“, sagt der in Düsseldorf lebende Marokkaner.
Zittermoment in der 83. Minute
Die Anspannung bei den Fans ist dann insbesondere in den letzten 20 Minuten spürbar. Jetzt bloß keinen Fehler machen, jetzt bloß kein Gegentor mehr kassieren. Doch in der 83. Minute wird für einen Moment noch einmal ganz schön gezittert. Der Portugiese João Félix schießt aufs marokkanische Tor, aber Bono, der Torwart der marokkanischen Mannschaft, hält den Ball. Die Fans im Al Baraka atmen auf, klatschen und feiern „ihren“ Mann im Kasten. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten bis zum Sieg.
Der Jubel hält dann auch weit nach dem Abpfiff an. Immer mehr Menschen, schätzungsweise 1500 bis 2000, strömen auf die Ellerstraße, die von der Polizei schnell gesperrt wird. Einige Fans haben Trommeln dabei, andere schlagen mit einem Kochlöffel auf eine Edelstahlschale aus einem Imbiss. Immer wieder werden Bengalos gezündet. Auch auf den umliegenden Straßen geht kaum noch etwas. Autokorsos fahren hupend durch die Innenstadt. Die Rheinbahn meldet Verspätungen und Umleitungen bei einigen Straßenbahnlinien rund um den Hauptbahnhof.
Im „Klein-Marokko“ kriegt man von diesem Verkehrschaos nichts mit. Hier wartet keiner auf eine Straßenbahn, hier wird ausgiebig gefeiert. Mit ihren Smartphones halten viele Marokkaner diesen historischen Moment fest. Auch Mo und sein Kumpel Marcello haben sich unter die feiernde Menge gemischt. „Die Stimmung ist der Wahnsinn“, sagt Mo, der seine große Fahne nun nicht mehr um die Schultern trägt, sondern stolz in die Höhe streckt. „Jetzt geht die Party erst richtig los. Und das Halbfinale rocken wir auch noch. Dima Marokko“, ruft er und verschwindet wieder zwischen den Fans.

