Cooles Arnheim

Die Stadt der Modeavantgarde

Goldene Tücher im Hotel Modez

Goldene Tücher im Hotel Modez

Foto: Jutta Ingala

Arnheim.   93 Meter vom Boden bis zur Turmspitze. Nicht ganz authentisch in heutiger Form. Hat man ihr beim Wiederaufbau doch eine neue Laterne aufgesetzt.

Genau 93 Meter sind es vom Boden bis zur Turmspitze. Nicht ganz authentisch in ihrer heutigen Form. Hat man ihr im Zuge des Wiederaufbaus doch eine neue Laterne aufgesetzt. Als Kontrapunkt sozusagen. Wir sind in der Eusebiuskirche, der „Großen Kirche“, die seit 500 Jahren die Silhouette Arnheims dominiert und nach ihrer Zerstörung in der legendären Schlacht um die Stadt originalgetreu im spätgotischen Stil wiederaufgebaut wurde. Bis auf die Laterne eben.

Das Innere der Basilika strahlendweiß, moderne Lüster verbreiten goldenes Licht. In der Mitte ein gläserner Lift, der Besucher dem Himmel ein Stückchen näher bringt. Auf Wunsch auch nur auf einen der Balkone mit Aussicht. Dort unten in der Ebene bahnt sich der gerade stark über die Ufer getretenen Nederrijn – nicht zu Verwechseln mit dem deutschen Niederrhein –, gurgelnd seinen Weg. Überspannt wird er von der ikonischen John-Frost-Brücke. Auch die moderne Bebauung scheint über ihre „steinernen Ufer“ treten zu wollen und drängt sich ganz nah ans letzte der historischen Stadttore. Alte Bausubstanz gibt es in der Provinzhauptstadt nur noch wenig. Eines der erhaltenen, prächtigen Stadthäuser liegt Eusebius zu Füßen: das „Duivelshuis“, zu Deutsch „Teufelshaus“. Was an dieser Stelle beinahe blasphemisch anmutet, hat eine ganz simple Erklärung: Die Fassade ist mit steinernen Satyrn geschmückt. Gehörnte Fratzen mit dämonischem Grinsen. Deren himmlische Gegenstücke finden sich übrigens am Kirchturm. Die sind jedoch keineswegs original, vielmehr einer Laune neuzeitlicher Baumeister entsprungen. Wer sich reckt, sieht in Stein gemeißelte Disney-Figuren und niederländische Comic-Helden. Auch ein früherer Pastor, der strikt gegen die unchristlichen Ornamente war, schaut nun vom Turm herab. Erlaubt ist scheinbar, was gefällt.

Upcycling und Bürgersteig-Shopping

Durch das Geflecht der Straßen, immer den Schienen der Trolleybusse – die einzigen der Niederlande – nach und durch hübsch gekachelte Unterführungen geht es hinüber in den Stadtteil Klarendal, der heute für seine Ateliers, Boutiquen und lässigen Cafés bekannt ist. Hier dreht sich alles um Mode, Design, Kunst und gutes Essen: Willkommen im Modekwartier!

Eine der jungen Kreativen, die sich im Areal um Hommelstraat, Sonsbeeksingel und Klarendalseweg niedergelassen haben, ist Annet Veerbeek. Annet arbeitet als Stylistin für Modeshootings und Fashionshows. Extravagante Einzelstücke aus den Produktionen verkauft sie später in ihrer Boutique am Klarendalseweg 440. Außerdem Taschen ihres Labels Net-a, gefertigt aus altem Leder und Pelz. Raffiniertes Upcycling, trendy und klassisch zugleich. „Hier im Kwartier organisiere ich auch verschiedene Events“, erzählt Annet. „Styling hat viel mit Organisation zu tun. Mein Talent setze ich oft fürs Kwartier ein.“ Aktuell für die Aktion „Binnenstebuiten“. Das Innere nach außen? Tatsächlich scheuen sich Besucher noch häufig, die originellen Läden und Ateliers im Modekwartier ohne konkrete Kaufabsicht zu betreten. Dabei ist Schauen und Stöbern ausdrücklich erwünscht. Kurzerhand verlagert Annet darum das Geschehen mitunter auf den Bürgersteig. Begleitet von Aktionen und leckerem Essen.

Leckeren Mittagstisch, verschiedene Biersorten aus Benelux und Kaffeespezialitäten gibt es auch im Caspar gleich um die Ecke: Hier sitzt man an der langen Bar oder in gemütlichen Nischen entlang der Fensterfront und beobachtet das Geschehen draußen. Über dem Kopf schweben gläserne Lampen, komponiert aus Karaffen, Tassen und mehr. Auch hier Upcycling oder doch teures Designerstück? Noch ein erfrischendes Konzept ein paar Haustüren weiter bei Generator wo Arthur Rottier Design-Objekte und Vintage-Mode verkauft. Entscheidungsfreudige sind hier richtig: Wer früh kauft, kauft günstig. Je länger ein Stück den Laden hütet, desto teurer wird es. Wer einen ganzen Tag und eine ganze Nacht stöbern, probieren, sich inspirieren lassen und vielleicht auch kaufen möchte, für den hat Annet Veerbeek noch einen Tipp: „Am 9. Juni ist wieder Lange Nacht der Mode.“ Thematisch passend können Besucher dann im witzig schrägen Hotel Modez nächtigen. Jedes der nur 20 Zimmer ist individuell gestaltet: Modeskizzen als Tapeten, die Schneiderpuppe als Garderobe oder ein komplett gestricktes Interieur. Und ja, man schläft „natuurlijk“ auch komfortabel!

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