Erster Weltkrieg

Der Fall eines Klever Kriegers

Der "Tote Krieger" von Ewald Mataré in Kleve.

Der "Tote Krieger" von Ewald Mataré in Kleve.

Foto: Kleve

Kleve.   Diese Denkmal für die getöteten Soldaten im Ersten Weltkrieg ist ein besonderes. Geschaffen wurde es von Ewald Mataré. Es zeigt keinen Helden, sondern ein Opfer – und wurde deshalb von den Nazis zerstört und verscharrt. Rund 40 Jahre wurden Teile des Kunstwerkes wiedergefunden und wiederaufgebaut.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es ist grau, kalt und fies, an diesem 6. Januar 1977, einem Donnerstag, an dem die Stadt von ihrer braunen Vergangenheit eingeholt wird. Ein Baggerfahrer buddelt planmäßig das Gelände der Stadtwerke um, dabei holt er unvermutet Teile eines Kunstwerkes zurück ans Tageslicht, das die Nationalsozialisten einst mit Stumpf, aber ohne Stil verscharren. „Den Jungen kenn’ ich doch“, weiß ein Arbeiter sofort, um welche Skulptur es sich dabei handelt, er hat ihre Einweihung noch miterlebt. Es ist der „Tote Krieger“ von Ewald Mataré.

Das Denkmal wird 1934 für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges aus Kleve errichtet – und keine vier Jahre später von den Nazis zerstört. Unter den selbsternannten Herrenmenschen ist die vier Meter lange und 5,5 Tonnen schwere Figur aus Basalt von Beginn an umstritten. „Als die Hüllen fielen, bekam die SA Schluckauf“, fasst der langjährige Stadtarchivar Friedrich Gorissen einmal die Stimmung bei der Eröffnung unterm Hakenkreuz zusammen. In einer wortwörtlich zu nehmenden Aktion bei Nacht und Nebel wird der „Tote Krieger“ schließlich abgebrochen.

Ewige Freundschaft

Drei Teile des Rumpfes und mehrere kleine Fragmente gehen unter den Trümmern des Deutschen Reiches verschütt, die rechte Hand und die Füße gelten bis heute als verschollen. Dennoch: Weil sowohl der Kopf als auch die linke Hand – wie auch immer – gerettet und über die Jahrzehnte erhalten bleiben, entschließt sich der Stadtrat in Kleve, dieses Stück Stadtgeschichte wiederherstellen zu lassen.

Die Aufgabe übernimmt nicht Joseph Beuys, wie unter anderem vorgeschlagen wird, sondern ein anderer ehemaliger Schüler Matarés: Elmar Hillebrand – ratgebend unterstützt von Hanna und Sonja Mataré, Witwe und Tochter des bereits verstorbenen alten Meisters.

Der „Tote Krieger“, der in der Literatur manchmal auch der „Gefallene Krieger“ genannt wird, ist eines der „bedeutendsten Denkmäler des Ersten Weltkrieges“, so Guido de Werde, der langjährige Leiter des Museum Kurhaus Kleve. Er ist es, der Kontakt zur Familie Mataré knüpft und hält – und daraus eine Freundschaft entwickelt, die der Stadt 1988 den Nachlass eines großen Künstlers beschert. Für wie wertvoll dieser angesehen wird, unterstreicht der Untertitel des Museums Kurhaus Kleve (MKK): Ewald-Mataré-Sammlung.

Ausgerechnet Ewald Mataré, ausgerechnet in Kleve. Im Sommer 1933, also rund ein halbes Jahr nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, entschließt sich der Künstler, in Kleve an einem öffentlichen Wettbewerb um die Gestaltung eines Ehrenmales für die einheimischen und nicht wiedergekehrten Söhne der Stadt aus dem Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Er tut dies wohl auch, um finanziell überleben zu können.

Denn seinen Professoren-Job an der Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf ist er bereits nach nur sieben Monaten los. Ohne Angaben von Gründen schmeißen ihn die nationalsozialistischen Kulturbanausen aus dem Amt. Seine Kunst ist ihnen verhasst, 1937 wird sie öffentlich als „entartet“ ausgestellt und verhöhnt – und damit verboten.

Der Maler und Grafiker versucht sich seit Anfang zunehmend als Bildhauer, entwickelt eine ureigene Bildsprache, die auch beim „Toten Krieger“ zu bestaunen ist: „In der Einfachheit liegt die Wahrheit“ gilt als Credo Ewald Matarés.

Der „Tote Krieger“ ist kein Held, er ist ein lebloser Soldat, eingehüllt in eine Fahne, der leicht verdreht am Boden liegt – kurz: Er ist ein Opfer. Dieses Ehrenmal will so gar nicht in eine Zeit passen, in der der Führer schon längst seine wahnsinnigen Angriffspläne gen Westen und Osten geschmiedet hat – und so verschwindet es für fast 40 Jahre.

Der Weg zum Kunstwerk: Der „Tote Krieger“ liegt an der Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Kleve, Nassauer- und Propsteistraße.

Das Buch zum Kunstwerk: Die wechselvolle Geschichte der Skulptur erzählte 1985 die Kunsthistorikerin Inge Zacher in ihrem Buch, das anlässlich einer Ausstellung über das Werk in Düsseldorf und Kleve herauskam – ergänzt durch Fotos, Zeitungsberichte und Tagebucheintragungen. Ewald Mataré, Der „Tote Krieger“ in Kleve, 139 Seiten, Boss-Verlag, Kleve, 14,90 Euro

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben