Sprachforschung

Die "Schellemännekes" - was hat es mit diesem Wort auf sich?

Schellemännekes machen – ein schönes niederrheinisches Wort für einen Kinderstreich...

Schellemännekes machen – ein schönes niederrheinisches Wort für einen Kinderstreich...

Foto: alexandre zveiger / Shutterstock

Am Niederrhein.  Schellemännekes – ein niederrheinisches Wort. Aber warum schellt die Klingel und klingelt die Fahrradschelle? Ein Fall für den Sprachforscher.

Die neuen „Schellemännekes“ bringen Pakete. Früher undenkbar. Da klingelten sie an der Tür, gern auch zwei- oder dreimal, schnell hintereinander. Und wenn dann der Hausherr oder die Dame des Hauses die Tür öffnete, war niemand (mehr) zu sehen – aber es lag auch kein Paket vor der Tür! „Klingelstreich“ nennt die Volkskunde den Kinderschabernack, bei der die Türklingel betätigt wird ohne die Absicht, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen.

Was es nicht gibt: Schellefrollüj

Weil Kinder die Aktion ausführen, ist von „Schellemännekes“ die Rede und nicht von „Schellemanslüj“ oder „Schellefrollüj“. „Männekes“ sind ja eigentlich kleine Männer – woraus sich nun aber nicht schließen lässt, dass von solchen Klingelstreichen Mädchen ausgeschlossen sind oder waren.

Aber die patriachale Sicht macht es ohne Weiteres möglich, bei „Männekes“ nicht nur an Jungs, sondern an Kinder im Allgemeinen zu denken. Wenn früher von „i-Männekes“ gesprochen wurde, waren ja auch nicht nur Schulanfänger männlichen Geschlechts gemeint, sondern die gesamte Belegschaft des ersten Schuljahres.

Alles datselbe

Noch undurchsichtiger wird es bei der Wendung „Männekes machen“: Wenn jemand „Männekes macht“ – was kann da nicht alles gemeint sein: Dass er (oder sie!) dummes Zeug redet, Ausflüchte macht, andere für dumm verkauft? In manchen Dialekten ist in diesem Fall damit zu rechnen, dass sich ein Mann wie ein Gockel aufführt und wie ein Pfau aufplustert, um bei anwesenden Damen Eindruck zu schinden.

Darum geht es den „Schellemännekes“ natürlich nicht, im Gegenteil: sie wollen gar nicht gesehen werden! Wer zuhause die Werke Heinz Erhardts im Bücherregal hat, kann ja mal nachschlagen, was dort über das „schellen“ steht: Der „Schellfisch“ schellt bei ihm – und wie hört sich das an: „Klingling“! Der Titel des entsprechenden Gedichts lautet „Artverwandt“.

De Klocke lüje

„Schellen“ und „klingeln“, „Schellemännekes“ und „Klingelmäuschen“: Alles datselbe. Jedenfalls kann man am Niederrhein mit der „Fahrradschelle“ klingeln und an der „Türklingel“ schellen – und umgekehrt. Anderswo in Deutschland können Schellemännekes an der Haustür sogar „läuten“, am Niederrhein aber müssten sie sich dafür in die Kirche begeben. Hier läuten nur die Glocken, im Hochdeutschen wie im Dialekt: „De Klocke lüje“.

Rechts des Rheins sagt man auf Platt: „De Klocken lüjen.“ Im Dialekt trifft man auf viele Lautvarianten: Die Einzahl zu Schellemännekes kann dann „Schellemänneke“ oder „Schellemänneken“ (mit n) lauten, mancherorts hat das Wort eine Silbe weniger: „Schellemännke“. Man kann „et Schellemännke make“ oder „Schellemännekes maken“, in der regionalen Umgangssprache ist „Schellemännekes machen“ zu hören oder auch „Schellemännchen machen“.

In Zeiten von Hüssoffice

Auf Platt schließlich kann man auch einfach „et Schelleke trecke“ (ziehen). Die Wirkung ist stets dieselbe: Der oder die Beschellte ärgert sich: „Männekes, wenn ich euch kriech!“ Damit wären wir wieder bei den Schellemännekes aktueller Prägung: den Fahrern oder Fahrerinnen im Paketservice.

Sie brauchen keine Unterschrift mehr, sie erwarten weder eine freundliche Begrüßung noch ein Wort des Dankes: Corona lässt grüßen! Einfach schellen, im Weggehen vielleicht noch kurz schauen, ob jemand aufmacht, und schon sind diese Krisenklingler verschwunden. Dass schon jemand zuhause sein wird, um das Paket hereinzuholen, ist in Zeiten von Hüssoffice und Ausgangsbeschränkung so gut wie sicher.

Für „Schellemännekes“ alter Schule wäre das megalangweilig.

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