Teil 1

Autor John von Düffel: Wie aus einer Idee ein Buch wird

| Lesedauer: 9 Minuten
Glücklicher Moment im März 2020, kurz vor dem Lockdown, durfte John von Düffel  in Hattingen noch einmal öffentlich lesen.

Glücklicher Moment im März 2020, kurz vor dem Lockdown, durfte John von Düffel in Hattingen noch einmal öffentlich lesen.

Foto: Barbara Zabka / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Wie entsteht ein Buch? In der ersten Folge sind wir Gast bei John von Düffel und seiner Figuren-WG. Die wohnt im Kopf und redet ihm öfter rein

Wir feiern das Lesen – ist schon klar. Aber damit es etwas zu lesen gibt, ein Buch beispielsweise, muss vieles zusammenkommen. Eine Idee, ein Autor, eine Lektorin, ein Verlag, eine Druckerei, eine Buchhandlung… Wie geht das? Wir laden Sie ein, in drei Etappen zu verfolgen, wie aus einer Idee ein Buch wird. Und los geht es – natürlich – mit dem Autoren. John von Düffel, vielfach prämierter Romanautor, hat Stephan Hermsen verraten, wie die Ideen in den Kopf und der Text dort wieder herauskommt.

Im Juli erscheint im Dumont-Verlag Ihr neues Buch „Die Wütenden und die Schuldigen“. Wie war der Weg – von der Idee zum Text?

Das ist bei jedem Buch anders, und bei diesem Buch war er sehr speziell. Denn es ist unter besonderen Bedingungen entstanden. Die Veränderung, die dem Buch zugrunde liegt, ist die, die wir alle zeitgleich erlebt haben: der erste Lockdown. Vieles, was ich geplant hatte, ist in die Brüche gegangen, das musste ich genauso aushalten wie jeder andere. Für mich kam dann nach einem ersten Schockmoment das Nachdenken: Was heißt eigentlich Krankheit? Was heißt Gesundheit? Was heißt Einsamkeit? Was heißt Sterben-Müssen unter diesen Umständen? Und wie kann man das erzählen, was Familien in diesen Zeiten aushalten müssen? Im Großen und Ganzen aber würde ich sagen: Die Arbeit für ein Buch beginnt mit der eigenen Geburt. Alle Erfahrungen, die man macht, die guten, die schlechten, die seltsamen, sind Teil davon.

Ihre Bücher sind Antwortversuche auf Veränderungen im Leben?

Für mich ist es immer dann Zeit für ein Buch, wenn ich merke: Das Leben verändert sich, das Leben verändert mich. Weil man älter wird, weil man Kinder bekommt, weil die Eltern sterben. Oder wenn die Gesellschaft oder das Klima sich verändern. Dies macht für mich ein neues Buch nötig, um eine Sprache zu finden oder zu erfinden, die die Veränderungen für mich und hoffentlich auch für den Leser fassbar machen. Sonst habe ich das Gefühl, ich schreibe dasselbe Buch noch einmal. Es gibt erst dann etwas Neues zu erzählen.

Welche Veränderungen waren das jetzt?

Zwei Dinge kamen zusammen: Vor sieben, acht Jahren habe ich mit der Palliativmedizinerin Petra Anwar Sterbende besucht und begleitet und deren Geschichten aufgeschrieben. Diese Erfahrungen sind ein unerlöstes Thema geblieben. Viele Erinnerungen an Krankheit und Tod sind mit Corona wieder hochgekommen. Ich wusste: Ich habe da einen Erfahrungsschatz, ein Wissen und empathische Begegnungen, von denen ich erzählen kann.

Also ist es ein sehr düsteres Buch?

Ich wollte ein Buch schreiben, in dem der Tod eine Rolle spielt. Vor allem aber wollte ich darüber schreiben, wie sich Tod und Leben in der Pandemie anders verbinden. Wir müssen die täglichen Fragen der Pandemie mit den großen Fragen verknüpfen – das ist mein erzählerischer Versuch. Ich hoffe, er ist nicht nur schwer, sondern auch leicht. Er soll Lust machen zu lesen. Und ich musste mir auch Lust machen, es zu schreiben. Ich habe ja keine Lust auf einen 300 Seiten langen Büßergang.

Vom Lockdown im März 2020 zum Buch im Juli 2021 – das klingt schnell.

Die Fragen waren ja schon vorgereift. Das war das eine. Zum anderen hatte ich mehr Zeit als sonst: Die Lesereise abgesagt, meine Arbeit am Deutschen Theater in Berlin ruhte. Hinzu kam: Beim Schreiben hatte ich das Gefühl, die Naivität, die Unschuld, die Ahnungslosigkeit des ersten Lockdowns bröckelt schnell. Ich wusste: Dieser März 2020 wird uns wieder entgleiten. Jetzt haben wir ein Jahr Pandemieerfahrung und blicken milde lächelnd zurück. Was haben wir geglaubt, was haben wir gedacht? Ich hatte das Gefühl: Ich muss diese Zeit beschreiben, sonst wissen wir nicht mehr, wie sich das angefühlt hat. Da habe ich meine Verlegerin angerufen und gesagt: Ich bin da an was dran, das wird ein heißer Ritt – kann ich dir mal die ersten 30, 40 Seiten schicken?

Ist das typisch für das Verhältnis zwischen Autor und Verlag?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Lektorin auch meine Verlegerin ist und wir uns lange kennen. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. So konnten wir die Vereinbarung treffen, dass ich bis Ende Februar schreiben würde. Wir haben quasi das Verfahren der Impfstoffzulassung -- die „Rolling review“ – schon praktiziert. Ich habe Textpassagen geschickt, und sie hat mir Feedback gegeben. Es war mir wichtig, schnell zu sein, weil der Text auch eine Form von Einmischung sein soll, weil wir derzeit noch keine Sprache haben für die Ereignisse dieser Zeit.

Sie schildern das so, als ob die Pandemie-Erfahrung ein Funke war, der bestehende Erfahrungen entfacht hat. Was passiert dann in Ihrem Kopf?

Ich habe eine Figurenfamilie, eine Art literarische WG, die ich mit mir herumschleppe. Menschen, die mich interessieren, die mir begegnet sind, zum Beispiel diese Palliativmedizinerin oder auch die Person, die ich früher mal war. Diese Figuren wohnen in meinem Kopf und ich kann sie dann loslassen. Manchmal passt alles zusammen – und diese Figuren schaffen eine gemeinsame Geschichte. Wenn ich diesen Figuren ganz dicht folge und mit ihnen mitgehe, dann bringen sie mich auf Details, auf besondere Momente, auf Dinge, die einem als Autor geschenkt werden müssen.

Fiktive Figuren, angereichert durch das Leben der Anderen…

Jeder, der mit offenen Augen durch eine Fußgängerzone geht, trifft Menschen, mit denen er sich ein Zweit-, Dritt- oder Viertleben vorstellen könnte. Manchmal weiß man schon, wie die Enkelkinder aussehen würden, wenn man sich nur für Sekunden gesehen hat. Oder ein Kind schaut einen an – und man fragt sich: Was ist das für ein Blick? In solche Figuren verschiedenen Alters und Geschlechts verliebt man sich als Autor. Das müssen nicht unbedingt gute Menschen sein, aber ich muss mich morgens darauf freuen, dass ich mit ihnen den halben Tag verbringe, um die richtigen Formulierungen zu finden und den nächsten Schritt der Handlung zu tun.

Das klingt so, als ob die Figuren Sie durch die Handlung tragen und nicht umgekehrt.

Natürlich muss ich wissen, wo die Reise hingeht. Aber ab einem gewissen Punkt kann ich mit meinen Figuren nicht mehr machen, was ich will. Dann kann es sein, dass ich die Figur eigentlich in die U-Bahn schicken will, aber sie das Auto nimmt. Oder ich hätte gern, dass die Figur diesen oder jenen Satz sagt, aber man weiß: Das passt jetzt nicht

Wie erkennen Sie: Jetzt ist ein Buch fertig?

Ich hatte mit meiner Lektorin Sabine Cramer die Vereinbarung, dass ich die Notbremse ziehen konnte. Es wusste ja keiner, dass es den teuflischen Plan gab. Es ist nicht so, dass die Welt sich fragt: Warum hat John von Düffel dieses Jahr keinen Roman geschrieben? Ich wusste, es wird eine dreiteilige Geschichte und die Kapitelstruktur. Das Ende schwebt schon sehr früh über dem Ganzen, und es hat einen Verlauf, der dahin zielt. Es soll ja auch spannend sein.

Wollen Sie als Schriftsteller eine Stimme der Zeit sein? Politisch sein?

Ich habe angefangen als Wasser- und Familienautor. Doch das Thema Wasser wird durch den Klimawandel zum Politikum. Bei uns in Brandenburg ist die Wüste nicht mehr weit entfernt. Auch die Familie hat sich verändert. Am Abendbrottisch wird darüber diskutiert, woher die Wurst kommt und ob man überhaupt Wurst essen soll. Die Themen, mit denen ich umgehe, haben sich politisch aufgeladen. Aber es ist kein politisches Buch, das auf Karl Lauterbach antworten soll. Mein Schreibziel ist keine Botschaft, sondern es ist Nähe. Ich möchte, dass meine Figuren bei den Lesern einziehen, dass sie mit meinen Figuren im Kopf ein paar Tage durch die Stadt oder durch den Wald gehen. Oder ans Wasser. Das ist mein Traum: dass meine Figuren den Leser eine Weile begleiten.

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