Theater

„Faul & Hässlich“ – Vier Frauen machen richtig Theater

Feministisches Theater – mit viel Witz, Humor und ordentlichem Klischeeaufräumen, „Faul & Hässlich“ aus Dinslaken. Vier Damen, großes Theater.

Feministisches Theater – mit viel Witz, Humor und ordentlichem Klischeeaufräumen, „Faul & Hässlich“ aus Dinslaken. Vier Damen, großes Theater.

Foto: seibel / seibelpress@aol.com

Dinslaken.  Vier Frauen machen Theater – fulminant und frech, humorig und feministisch, begabt und raffiniert. Die sind „Faul & Hässlich“, aus Dinslaken.

Die Schauspielerin und Tänzerin Maren Kraus hat sich für ihren Beruf entschieden, weil sie kreativ sein wollte. Nach der Ausbildung folgte das erste Engagement. Mitsprache bei der Auswahl der Stücke – wenig. Auf dem Spielplan – vor allem Klassiker. „Die Rollen haben genervt“, sagt Maren Kraus, „wir Frauen spielen Liebende, Sterbende, Weinende.“

Jammern liegt Maren nicht, sie krempelt lieber die Ärmel auf. So gründete sie mit einer Kollegin 2018 in Coburg ein „aktivistisch-feministisches Theaterkollektiv“. Im März 2019 wechselte Maren an die Burghofbühne Dinslaken. Zum Kollektiv stießen nun noch Laura Götz, Clara Kaltenbacher und Sarah Schmidt-Seibel hinzu.

Im Hauptberuf arbeiten die vier Schauspielerinnen an der Burghofbühne in Dinslaken

Im Hauptberuf tragen die vier zur erfolgreichen Arbeit der Burghofbühne bei, die gerade wieder einen Preis für „richtungweisendes Kinder- und Jugendtheater“ erhalten hat. Aber nach Feierabend machen sie ihr eigenes Ding. „Faul & Hässlich“ nennt sich die Frauen-Truppe, die Anfang September in Dinslaken zum ersten Mal sehr erfolgreich öffentlich auftrat und nun auf weiteres Interesse an ihrem ersten Stück hofft.

Maren Kraus’ erste Wohnung in Dinslaken lag im Stadtteil Lohberg. Vor ihrer Haustür: das alte Zechengelände.

Die Schauspielerin stammt aus Karlsruhe, von Bergbau wusste sie wenig. Sie besichtigte also die Industriebrache. Besonders die ehemalige Zechenwerkstatt hatte es ihr angetan. „Hier will ich ein Stück machen, das war mir sofort klar“, erinnert sich die 28-jährige. Schauspielkollegin Laura Götz (28), Theaterpädagogin Clara Kaltenbacher (25) und Lichtdesignerin Sarah Schmidt-Seibel (27) waren sofort mit im Boot.

Die Damen sind mit Humor unterwegs

Eine Aufführung dort bot sich vor allem an, weil es Frauen verboten war, auf der 2005 geschlossenen Zeche zu arbeiten, fand das Kollektiv: Sie würden symbolisch das Verbot brechen. Das Stück schrieben sie sich selbst. Und um es gleich vorweg zu sagen: „Schichtarbeit“ riss das Publikum zu langen Ovationen von den Stühlen, denn ob Text oder Dramaturgie, Licht oder Musik, Tanz, Choreographie oder Schauspiel – es stimmte alles.

Und für die Herren gibt’s zur Aufführung ein Gläschen Sekt, gratis natürlich

„Wir wollen Schuhe, Orgasmen und untergeordnete Büroarbeit“, das glauben jedenfalls viele Männer, heißt es im Stück, und der Unmut des Kollektivs darüber, dass Männer bestimmen, was Frauen brauchen, liegt „Schichtarbeit“ zugrunde. Auch ein Essay der britischen Journalistin Laurie Penny mit dem Titel „Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“ (Nautilus Verlag) hat das Theaterkollektiv sehr beeinflusst, so Maren Kraus.

„Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Welt zusammenbrechen“, lautet eine Grundthese des Essays. Weil Frauen dann nicht mehr all das kaufen würden, was die von Männern dominierte Industrie ihnen via Werbung als unabdingbar für ihre Schönheit und das reibungslose Funktionieren in Beruf und Familie aufschwätzen.

Immer schön und fleißig sollen Frauen sein, und dagegen wehren sich die vier von „Faul & Hässlich“ mit ihrem Stück. Dass Frauen besser sein müssen als Männer und mehr leisten müssen – das ist der rote Faden. Der im Übrigen auch tatsächlich über die Bühne gespannt wird. Geschrieben haben sie gemeinsam. „Es wurde basisdemokratisch alles abgestimmt“, schildert Maren Kraus den Entstehungsprozess. Das dauere vielleicht ein wenig länger, aber es habe Spaß gemacht.

Musik, Tanz, Schauspiel, eine tolle Stunde lang

Herausgekommen ist eine einstündige Collage aus Deklamation mit Musik, Tanz und Schauspiel. Die Musik stammt auch von einer Frau, von Andrea Würtenberger. Es wird äußerst kurzweilig Wissen über die gesellschaftliche Rolle von Frauen vermittelt. In aphoristisch prägnanten Texten erfährt das Publikum etwa, dass Frauen in Deutschland erst seit 1977 ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten dürfen.

Na denn, „Willkommen im Matriarchat!“

Und es wird viel hinterfragt: Warum stehen Frauen in der Werbung immer lachend in der Küche? Warum begehrt der Mann, die Frau aber wird begehrt? Eine große Stärke der Aufführung: Sie wird nie moralinsauer, weil die Frauen mit Humor unterwegs sind. Wenn beispielsweise Clara Kaltenbacher das Publikum an der Tür mit dem Satz „Willkommen im Matriarchat“ begrüßt.

Oder die Frauen auffordert, an der Bar ein Bier zu trinken und den Männern ein Gläschen Sekt offeriert. Zwischen den Deklamations- und Tanzszenen werden spielerisch vier Frauenfiguren vorgestellt, die verdeutlichen, wie sehr Frauen sich in einer männlichen Welt unterordnen oder die Rolle der Pflegenden übernehmen – zusätzlich zum eigenen Job.

Pflegekraft und Sexarbeiterin

Da ist Alma Mahler (1879 – 1964). Eine begabte Komponistin, doch ihr Mann, Gustav Mahler, wollte keine Konkurrentin, sondern eine perfekte Ehefrau. Ein Großteil ihrer Kompositionen ist verschollen. Die am 18. September verstorbene amerikanische Juristin Ruth Bader-Ginsburg saß im US-Supreme Court und hat viel für die Gleichstellung der Frauen in den USA getan – als ihr Mann an Krebs erkrankte, pflegte sie ihn und die gemeinsame Tochter, schrieb die eigenen Harvard-Referate und ließ sich obendrein noch die ihres Mannes diktieren.

Hier gibt’s Infos zu „Faul & Hässlich“

Die Pflegekraft und die Sexarbeiterin, in deren Rollen Kraus und Götz dann noch schlüpfen, haben keine bekannten Namen. „Ich lebe im Zeitalter des alten, weißen Mannes, und wenn er es nicht mehr kann, ziehe ich ihn an“, sagt Götz in der Rolle der Pflegekraft. Und: „Diese Arbeit geht auf Kosten meines Körpers.“

Schließlich ist da noch die Sexarbeiterin: Sex ist Arbeit, so ihr Credo. Warum sie sich für das schämen soll, womit die Männer bei ihren Kumpels prahlen, fragt sie sich. Zurecht. Finden (nicht nur) die vier Frauen von „Faul & Hässlich“.

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