Mundart

Ist das Platt am Niederrhein noch zu retten?

Agnes Jay mit ihrem fast 500-seitigen plattdeutsches Nachschlagewerk.

Agnes Jay mit ihrem fast 500-seitigen plattdeutsches Nachschlagewerk.

Foto: Diana Roos

Rees.   Schüler und Jugendliche interessieren sich nicht für die Mundart. Ein Versuch in den 1990er Jahren in Rees, sie zu begeistern, scheiterte.

Es ist fünf vor zwölf! Oder doch schon fünf nach zwölf? Also zu spät, um die Mundart noch zu retten? Zumindest die ältere Generation hat wohl erkannt, dass ein wertvoller Schatz verloren gehen könnte. In jüngster Vergangenheit sind nämlich – aus der Feder Menschen jenseits der 60 – sowohl in Emmerich wie auch in Rees Nachschlagewerke zur örtlichen Mundart erschienen. Das Interesse der jungen Generation ist jedoch kaum bis gar nicht spürbar.

Bäjen en Sengen op Platt

„Ich würde aber nicht ausschließen, dass dies wieder wächst.“ Das sagt die Halderner Grundschullehrerin Wilma Binnenhey. Sie hat in den 1990er Jahren mit Halderner Grundschülern Lieder und Gebete in Plattdeutsch einstudiert. Damals war es Usus, dass Kinder beim adventlichen ökumenischen Gottesdienst „Bäjen en Sengen op Platt“ mitwirkten. „Das Platt ging schon in den 90ern an den Schülern vorbei“, so der Eindruck von Wilma Binnenhey. Sie hätten die Texte nur holprig lesen können und oft üben müssen, um sie verständlich vortragen zu können. „Begeisterung habe ich jedenfalls nicht gespürt“, erinnert sie sich. Sie ist sich nicht sicher, sollte eine ähnliche Anfrage erneut kommen, „ob ich die Aufgabe noch einmal übernehmen würde“, sagt die gebürtige Isselburgerin. Aber sie kann sich vorstellen, dass bei diesen und anderen Kinder, wenn sie älter sind, das lokalgeschichtliche Interesse und damit das Interesse am Dialekt wächst.

Marianne Diehl, die heute gemeinsam mit ihrem Mann, Hermann-Josef Diehl, und Irma Boland als Sprecher der Proat-Platt-Gruppe des Heimatvereins Haldern fungiert, kann sich noch gut erinnern, wie der Niedergang der Sprache seinen Anfang nahm. „Ich fühlte mich zeitweise als Mensch zweiter Klasse, weil ich das Hochdeutsche nicht perfekt beherrscht“, erinnert sich die Haldernerin an den Beginn ihrer Schulzeit im Jahr 1950. Schließlich war bei ihr daheim in der Wittenhorst ganz selbstverständlich, dass in den Familien ausschließlich Platt gesprochen wurde. Wie übrigens in den allermeisten Familien auf dem Lande am Niederrhein.

Mundart wird aussterben

Ihr Mann Hermann-Josef Diehl hat keine Hoffnung, dass das Plattdeutsche überdauern wird. „Wir haben ja seitens des Heimatvereins eine entsprechende Aktion gestartet“, erinnert er an das oben bereits erwähnte Grundschul-Projekt. Übrigens, so Diehl, sei auch Georg Cornelissen, deutscher Sprachwissenschaftler und Spezialist für die Sprachen des Niederrheins, der Ansicht, dass mit dem Tod der heute noch Mundart sprechenden Menschen auch die Sprache aussterbe.

Agnes Jay, die in Rees aufgewachsene Autorin des Nachschlagewerks „Reeser Platt“, vermag nicht einzuschätzen, ob das Plattdeutsche überlebt. „Dazu lebe ich schon zu lange nicht mehr in Rees“, begründet sie. Hat aber eine hübsche Geschichte zum Thema beizutragen. Als ihr Buch herauskam, das auch im Bürgerservice angeboten wird, kaufte dort ein Mann mittleren Alters das Werk für seinen Vater. Als dieser darin schmökerte, wecke das auch das Interesse seiner Enkel. Woraufhin der Käufer ein zweites Mal im Bürgerservice vorstellig wurde, um das Buch noch zweimal für seine Kinder zu erwerben. „Das mag eine Ausnahme sein“, sagt Agnes Jay. Es zeige aber auch, dass bei einer Konfrontation mit der Sprache durchaus Interesse bei der Jugend geweckt werden könnte.

Die Autorin, Jahrgang 1947, ist derzeit dabei, einen Ergänzungsband ihres knapp 500 Seiten umfassenden Nachschlagewerks zu schreiben.

>>LESUNG IN DER STADTBÜCHEREI

Gelegenheit, die Mundart wieder lebendig werden zu lassen, haben Interessierte am Mittwoch, 2. Mai, um 16 Uhr in der Stadtbücherei Rees, Markt 8. Eintritt: drei Euro.

An diesem Tage ist dort Agnes Jay zu Gast. Die gebürtige Reeserin hat das Buch mit dem Titel „Reeser Platt – ein Nachschlagewerk“ verfasst. Berater waren Hermann Voss und Hermann Venhofen.

Agnes Jay hat das Interesse an der Mundart bewahrt, obwohl ihre Mutter bei der Erziehung darauf geachtet hat, dass ihre Kinder nur Hochdeutsch sprachen. Gleich nach Ausscheiden aus dem Schuldienst begann Jay mit der Arbeit an dem Wörterbuch.

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