Nachruf

Umstrittener Transplantations-Chirurg Broelsch gestorben

Vor neun Jahren: Ungewohnter Saal, ungewohnter Ort: Chefarzt Prof. Dr. Christoph Broelsch musste auf der Anklagebank des Essener Landgericht Platrz nehmen. Ermittelt wurde auch wegen des Verdachts auf Organhandel, verurteilt wurde er am Ende wegen Bestechlichkeit, Nötigung, Betrug und Steuerhinterziehung.

Vor neun Jahren: Ungewohnter Saal, ungewohnter Ort: Chefarzt Prof. Dr. Christoph Broelsch musste auf der Anklagebank des Essener Landgericht Platrz nehmen. Ermittelt wurde auch wegen des Verdachts auf Organhandel, verurteilt wurde er am Ende wegen Bestechlichkeit, Nötigung, Betrug und Steuerhinterziehung.

Foto: Matthias Graben

An Rhein und Ruhr.   Professor Christoph Broelsch machte sich als Leberchirurg einen Namen, war Leibarzt von Johannes Rau – und wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

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Vielleicht gehört es zum Wesen von Pionieren, dass sie Grenzen einfach nicht akzeptieren können. Im Leben des Star-Chirurgen Christoph Broelsch zeigte sich, welche Chancen darin liegen können – und welche Abgründe. Prof. Dr. Christoph Broelsch ist jetzt nach Angaben des Westfalen-Blatts im Alter von 74 Jahren gestorben – seit neun Jahren bereits war es still um ihn geworden: Damals verurteilte ihn das Landgericht Essen wegen Bestechlichkeit, zum Teil in Tateinheit mit Nötigung, wegen Betrugs und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft.

Von Hanau über Hannover nach Chicago

Danach wurde es still um den Träger des Großen Verdienstkreuzes und zweifachen Ehrendoktors, den die Frankfurter Rundschau damals als „Popstar der Transplanteure“ beschrieb. Die Hälfte seiner Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, Broelsch arbeitete zuvor in der Tischlerei der JVA Bielefeld-Senne und war im offenen Vollzug. In Pakistan soll er sich dann um den Aufbau eines Krankenhauses gekümmert haben, ehe er wegen einer Krebserkrankung nach Deutschland zurückkehrte.

Christoph Broelsch hatte eine rasante Karriere hingelegt, der Mann aus dem südhessischen Hanau, der mit 25 Jahren an der Universität Düsseldorf promovierte, dann an der Medizinischen Hochschule Hannover zu einem der fähigsten Transplantationschirurgen der Welt wurde – das brachte ihm einen Ruf nach Chicago ein und dort wagte er vor 30 Jahren die erste Lebend-Lebertransplantation.

Anders als eine Nieren-Lebendspende gilt dies bis heute als gefährlich: Die Teilung des Organs im Körper des Spenders und das Einpflanzen in den Körper des Empfängers sind komplex und riskant, vor allem wenn es um eine Spende für einen erwachsenen Patienten geht.

Ausgerechnet Broelschs Wirkungsstätte von 1998 bis 2007 – das Essener Uni-Klinikum und der (derzeit freigestellte) Leiter der Klinik für Transplantationschirurgie – sieht sich gerade wieder mit der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen dieser riskanten chirurgischen Verfahren konfrontiert.

Broelsch kam von der Elbe an die Ruhr: Von 1991 bis 1998 arbeitete er am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. In Essen verkörperte er die großen Ambitionen und Hoffnungen des Uni-Klinikums, sich auch international einen Namen als Transplantationszentrum machen zu können.

Doch ebenso schnell wie Broelsch sich auch hier mit großen Erfolgen der Lebertransplantation von Eltern zu Kindern einen Ruf erarbeitete und gut zahlende Patienten auch aus Nahost ans Uni-Klinikum lockte, wuchsen auch die Gerüchte um den Star-Chirurgen, der 1992 und 2000 auch Johannes Rau erfolgreich operiert hatte, der zudem sein Skatbruder war. Seinen Klinikflur schmückten Bilder und Dankesschreiben erfolgreich operierter Prominenter. Broelsch forderte öffentlich, Organspender finanziell zu entlohnen, damit derlei „Hilfen“ häufiger möglich wurden. Mancher glaubte, Broelsch wolle damit legalisieren, was er stiekum ohnehin tat.

Spenden gesammelt – Bargeld für die Forschung?

So verlegte Broelsch eine Operation ans Uni-Klinikum Jena, als ihm die hiesige Ethikkommission den Eingriff untersagte. Nach mehreren Fällen von Organspenden unter äußerst fragwürdigen Begleitumständen nahm die Essener Staatsanwaltschaft 2007 Ermittlungen auf. Organhandel konnte man ihm letztlich nicht nachweisen, wohl aber, dass er Barspenden in vierstelliger Höhe forderte und auch bekam – oft in bar, damit er, der Starchirurg, sie persönlich operierte. Damit sicherten sich besorgte Kassenpatienten gewissermaßen ein Upgrade zur Privatarztbehandlung.

Die Spenden, behauptete Broelsch, kämen der Forschung zu gute. Dass er dies massiv forderte, Patienten in einer Krisensituation unter Druck setzten und in zumindest 30 nachgewiesenen Fällen zwischen 2002 und 2007 die Zahlungen nicht versteuerte, brachte ihm schließlich im März 2010 die Haftstrafe ein – und der Umstand, dass er noch im Gerichtssaal spüren ließ, dass er auch die durch Gesetze gezogenen Grenzen nicht akzeptieren mochte. Darin liegt die Tragik des im Alter von 74 Jahren am vergangenen Dienstag in Düsseldorf verstorbenen Chirurgen.

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