NRZ-Solidaritätspreis

Vertical Farming: Wie vGreens Obstanbau revolutionieren will

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Das Start-up vGreens aus Witten ermöglicht mit Vertical Farming den Anbau von Erdbeeren mitten im Gewerbegebiet, 356 Tage im Jahr, ohne Sonnenlicht. Maximilian Hartmann ist der kaufmännische Geschäftsführer und Teil des Gründerteams.

Das Start-up vGreens aus Witten ermöglicht mit Vertical Farming den Anbau von Erdbeeren mitten im Gewerbegebiet, 356 Tage im Jahr, ohne Sonnenlicht. Maximilian Hartmann ist der kaufmännische Geschäftsführer und Teil des Gründerteams.

Foto: Ralf Rottmann Funke Foto Services / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Erdbeeren, 365 Tage im Jahr, mitten im Gewerbegebiet? Das schafft das Wittener Start-up vGreens mit Vertical Farming. Was dahinter steckt.

Erdbeeren. Überall Erdbeeren, 365 Tage im Jahr. Kleine, große, strahlendrot oder noch als Blüte, wachsen und gedeihen die rund 1200 Pflanzen in einem kleinen labor-ähnlichen Containergebäude auf nur 45 Quadratmetern mitten im Gewerbegebiet in Witten vor sich hin… Möglich macht das das Wittener Start-up vGreens. Das Unternehmen hat sich das Konzept des sogenannten vertical farming (Vertikale Landwirtschaft) auf die Fahne geschrieben.

Diese Art der Landwirtschaft soll unter anderem den ganzjährigen Obst- und Gemüseanbau in Ballungsräumen und Großstädten ermöglichen. Wie das möglich ist? Die Pflanzen wachsen auf wenigen Quadratmetern, vertikal angeordnet, also auf mehreren Etagen bzw. Regalen übereinander, und das ganz ohne Sonnenlicht oder andere externe Umwelteinflüsse. „Wir haben hier ein komplett eigenes Ökosystem aufgebaut“, erzählt der 29-jährige Initiator Claas Ahrens.

Gründung im April 2022

Gemeinsam mit seinem besten Freund Maximilian Hartmann (30) brachte er die Idee auf den Weg. „Ich habe erst einmal viel ausprobiert, Salatanbau im Kinderzimmer vom Sohnemann“, erzählt der gelernte Maschinenbauer Ahrens. „Den ersten richtigen Prototypen haben wir in der Garage gebaut“, erklärt Hartmann die Entstehungsgeschichte der Wittener Firma.

Im April 2022 folgte dann die Gründung des Start-ups in einem Team von vier Leuten. Mittlerweile sind es elf Leute – vom Ingenieur über den Pflanzenwissenschaftler bis zum Informatiker sei das Team stetig gewachsen. Ähnlich wie das System, das vGreens aufgebaut hat.

Regenwasser statt Süßwasser

Für die Entstehung ihres eigenen Ökosystems nutzen vGreens statt Süßwasser lediglich Regenwasser, das aufbereitet und den Pflanzen zugeführt wird. Durch das Verdunsten von Wasser über die Blattoberfläche der Pflanzen könne das Wasser dann über ein bestimmtes Kühl- und Lüftungssystem nochmals aufbereitet werden, sodass kein Tropfen verloren geht. „Damit schaffen wir ein nachhaltiges Wassermanagement“, erklärt Hartmann.

Nachhaltigkeit. Das sei es auch, worum es den Gründern ginge: „Durch die konventionelle Landwirtschaft werden Ökosysteme und Biodiversität durch zu viel Düngemittel und Pestizideinsatz auf lange Sicht zerstört, wir wollen eine Alternative schaffen“, erklärt der 30-Jährige. Auch die enorme Flächennutzung sei in der konventionellen Landwirtschaft ein Problem. „Dem Ökosystem wird der Platz genommen. Man muss ja nur einmal schauen, wie viele Ackerflächen monatelang brach liegen“, so Hartmann weiter.

Mit Indoorfarmen werden Transportwege kürzer und Wasser eingespart

Durch ihr Konzept der vertikalen Landwirtschaft werde im Vergleich 99 Prozent weniger landwirtschaftliche Fläche gebraucht, 95 Prozent weniger Wasser verbraucht und 95 Prozent weniger Düngemittel benötigt – Pestizide nutzten sie für ihre Erdbeeren gar nicht. Auch die Transportwege seien durch den Obstanbau in städtischen Gebieten und auf regionaler Ebene deutlich kürzer. „Da müssen dann keine Erdbeeren mehr aus dem Ausland geliefert werden“, erklärt Hartmann.

Und trotzdem gehe es bei ihrer Zielsetzung nicht darum, die Landwirtschaft beiseite zu schieben, vielmehr wollten sie diese revolutionieren und den Ackerbau an die Umstände des Klimawandels anpassen. Durch ihre Indoorfarm, in der momentan ungefähr vier bis fünf Tonnen Erdbeeren pro Jahr produziert werden können, wollen sie Daten sammeln, um weitere Lösungsansätze für die Lebensmittelproduktion der Zukunft liefern zu können, erklären die beiden Geschäftsführer.

Hoher Energieverbrauch weiterhin ein Problem

Ein Problem beschäftige das Team von vGreens doch gerade mit Blick auf die Nachhaltigkeit weiterhin: Momentan verbrauche die Farm rund 24 Kilowatt die Stunde pro Kilo Erdbeeren. Doch zeigt sich Hartmann optimistisch für die Zukunft: „Wir wollen alternativ auf grüne Energie umsteigen und ein noch intelligenteres Energiemanagement etablieren“, so der 30-Jährige.

Auch bis Ende des Jahres hat sich vGreens ein großes Ziel gesetzt. „Wir wollen eine große Industriefarm aufbauen“, sagt Geschäftsführer Ahrens. Dabei sollen „dutzende Tonnen“ Erdbeeren pro Jahr produziert werden können – alles automatisiert und mit Hilfe eines Ernteroboters. Auch Endkunden können schon in den Genuss der vGreens-Erdbeeren kommen. Das Start-up beliefert das Frischeparadies in Essen, eine 250-Gramm-Schale kostet sechs Euro. Ob vGreens auch andere Obstsorten auf ihren Indoorfarmen anbauen möchte? „Vielleicht auch irgendwann mal Melonen oder Blaubeeren, aber das ist noch Zukunftsmusik...“

NRZ-Solidaritätspreis: Hier Vorschläge einreichen!

Der 7. Solidaritätspreis von Freddy Fischer Stiftung und der NRZ heißt: „Wir für das Klima – Solidarität mit dem Planeten“. Im Fokus stehen Personen, Initiativen und junge Unternehmen, die sich mit guten (Geschäfts-)Ideen als Vorbilder für den Kampf gegen die Klimakrise, für Umweltschutz oder die Anpassung an Veränderungen einsetzen. Der Preis ist dotiert mit 10.000 Euro. Reinhard Wiesemann, Jury-Mitglied und Sozialunternehmer, stiftet einen Sonderpreis von 2500 Euro. Wir freuen uns auf Vorschläge.

Schreiben Sie bitte bis Mitte März an: NRZ, Seite Drei, Stichwort: Solidaritätspreis, Jakob-Funke-Platz 1, 45127 Essen. Oder schicken Sie eine Mail an seitedrei@nrz.de, Betreff: Solidaritätspreis. Reichen Sie möglichst Berichte, Videos und Infos zu Ihrem Vorschlag ein.

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