Wie lassen sich Brücken zwischen Menschen bauen, Herr Asar?

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Duisburg. Mit einer Tasse Kaffee empfängt der frisch gekürte Preisträger des Fakir Baykurt-Kulturpreises der Stadt Duisburg (siehe Info-Kasten) seinen Besuch auf der Terrasse seines Einfamilien-Reihenhauses in Vierlinden. Es ist sonnig, der Rasen ist frisch gemäht und aus dem Nachbargarten weht die Deutschlandfahne herüber. Mevlüt Asar, gebürtig aus dem westanatolischen Konya in der Türkei und aufgewachsen in Ankara, kommt gut mit der Nachbarschaft zurecht. Denn ein gutes, menschliches Miteinander, unabhängig von Religion, Kulturkreis oder Nationalität ist ihm ein großes Anliegen.

Wir sprachen mit dem Autor und Dichter über seine ganz persönliche Geschichte, über Heimat und Fremde, das Schreiben, seinen Brückenschlag zwischen den Kulturen und die aktuelle Politik.

Guten Tag, Herr Asar.

Guten Tag, nehmen Sie Platz.

Danke. Sie haben Politikwissenschaften in der Türkei studiert, kamen 1977 nach Deutschland und haben hier als Türkisch-Lehrer an der Schule gearbeitet. Wie kam es dazu?

Im Anschluss an meinen Militärdienst in Zypern, habe ich einen Pass in der Türkei bekommen. Vorher durfte ich nicht ausreisen, weil ich mich während des Militärputsches in der Türkei in einer Studentenbewegung für Demokratie und mehr Gerechtigkeit politisch eingesetzt habe, man mich verhaftete, vor ein Militärgericht stellte und ich ins Gefängnis kam.

Wie alt waren Sie damals?

Bei der ersten Verhaftung 20 Jahre alt, bei der zweiten 23 Jahre alt.

Trafen Sie deshalb die Entscheidung, aus der Türkei wegzugehen?

Ja. Zumindest für eine Zeit. Und meine Frau war damals auch schwanger. Und so beschlossen wir, als ich endlich ausreisen durfte, nach Deutschland zu gehen, wo auch meine Schwiegereltern lebten. Ich habe dann hier fieberhaft nach Arbeit gesucht und dadurch, dass zu dieser Zeit viele Menschen aus der Türkei mit ihren Kindern herkamen, suchten die Schulen hier Muttersprachenlehrer für Vorbereitungsklassen. Später habe ich dann 23 Jahre lang an der Gesamtschule in Walsum Türkisch als zweite Fremdsprache unterrichtet und mit der anderen Hälfte meiner Stelle beim RAA (Regionale Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, heute: Kommunales Integrationszentrum, Anmerk. d. Red.) gearbeitet.

Wieso wollten Sie nach Duisburg?

Es gab hier eine Literaturgruppe, die sehr aktiv war. Darunter war auch Fakir Baykurt und wir kannten uns aus dem Militärgefängnis.

Was hat Sie zum Schreiben bewegt?

Wie bei den meisten Autoren und Dichtern begann ich in der Schulzeit mit Liebesbriefen Erst im Gefängnis habe ich erste ernsthafte Texte geschrieben. Gefängnisse sind, bei den türkischen Verhältnissen, ja quasi Hochschulen für Literatur und politische Bildung, weil viele andere Schriftsteller und Intellektuelle, wie auch Fakir Baykurt, da waren. Ich denke aber, dass auch der Bruch in meiner Biografie und die Erfahrung mit einer anderen Kultur ausschlaggebend für das Schreiben waren. Wenn man sich in einer anderen Kultur und Sprache ausdrückt, wird einem die eigene erst einmal bewusster. Da zeigen sich dann Vor- und Nachteile davon. Dieser Vergleich hat bei mir viele Erkenntnisse geschaffen und ich hatte irgendwie das Bedürfnis mich mitteilen zu wollen.

Sie erhielten gerade den Fakir Baykurt-Kulturpreis. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Der Preis hat mehrere Bedeutungen: erstens durch die persönliche Beziehung zu Fakir Baykurt, von dem ich sehr viel gelernt habe. Und zweitens ist es schon eine Anerkennung für das, was ich für die Stadt Duisburg als Lehrer und als Mitarbeiter des RAA geleistet habe. Und es ist auch eine Anerkennung für meine Familie, denn ich habe viel unserer gemeinsamen Zeit für meine Arbeit verwendet.

Ihr erstes Buch hieß „Dilemma der Fremde“. Worin besteht Ihr Dilemma?

Es besteht in der inneren Zerrissenheit, die ich habe, weil ich immer zwischen der Türkei und Deutschland schwanke. Aber wenn man älter wird, sucht man den Ursprung.

Wie oft fahren Sie in die Türkei?

Zwei- oder dreimal im Jahr. Wir haben dort an der türkischen Ägäis-Küste eine Ferienwohnung.

Wie sehen Sie die aktuelle politische Lage dort?

Ich bin sehr besorgt. Die Entwicklungen sind schlimm. Man hat die Veränderungen aus europäischer Sicht nicht ernst genug genommen, die Gefährdung der Demokratie hier in Europa leider nicht wahrgenommen. Aber der Führungskader in der Türkei hat das auch sehr geschickt gemacht. Selbst unter der Militärherrschaft war die Demokratie nicht so gefährdet wie jetzt. Sie haben zwar auch die Gesetzgebung zu ihren Gunsten verändert, aber sie haben sich an diese Gesetze die sie erlassen haben zumindest gehalten. Jetzt machen sie, was sie wollen. Das ist natürlich für mich absolut unverständlich, ebenso wie die Reaktion auf die Armenien-Resolution in Deutschland. Der Führungskader der Türkei nutzt nun die Reaktionen der türkischen Bevölkerung auf die Resolution, um von den Fragen, die in der Türkei anstehen, abzulenken: Es gibt kaum noch Pressefreiheit, es gibt kaum noch eine Möglichkeit eine politische Opposition im Parlament zu bilden... Also ich habe Angst, wie es weitergeht…

Und zum Schluss: Was glauben Sie, wie sich Brücken zwischen Menschen bauen lassen?

Das wichtigste ist, dass jeder seine eigenen Vorurteile abbaut. Aber das ist nicht einfach. Da spielt auch die eigene Biografie eine große Rolle, das, was man erlebt hat und ob man schon einmal in einem anderen Land gelebt hat, weil das natürlich viele Dinge relativiert. Und zweitens muss man offen sein. Und dabei müssen die Menschen in unserer Gesellschaft, aber vor allem die Eltern, immer ein Vorbild für ihre Kinder sein.

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