Antibiotika

BUND entdeckt multiresistente Keime in NRW-Gewässern

So sehen sie im Labor aus: multiresistente Keime in einer Petrischale.

So sehen sie im Labor aus: multiresistente Keime in einer Petrischale.

Foto: Rieck

Niederrhein/Münsterland.   Umweltschützer sehen Intensivtierhaltung in den Kreisen Borken und Viersen als Ursache. Landwirtschaftskammer kritisiert Untersuchung.

Antibiotika sind wichtige Arzneimittel, mit denen bakterielle Infektionen nicht nur bei Menschen behandelt werden. Auch in der bäuerlichen Tierhaltung werden sie verwandt. Dort ist der Antibiotika-Einsatz zurückgegangen, aber nach Auffassung von Umweltschützern immer noch viel zu hoch und eine wesentliche Ursache dafür, dass Keime resistent werden, Antibiotika also nicht wirken. Wie kommen diese Keime ins Gewässer? Paul Kröfges vom Umweltverband BUND erklärt das so: Keimbelastete Gülle werde auf Feldern ausgebracht – „und der nächste Regen wäscht sie dann aus“. So landeten die Keime im nächsten Bach oder Tümpel.

Wissenschaftler von der Ruhr-Universität Bochum haben nun multiresistente Keime in Wasserproben nachgewiesen, die BUND-Mitglieder in der Nette im Kreis Viersen sowie an verschiedenen Bächen im Kreis Borken genommen hatten. Auffällig laut BUND: Die insgesamt acht Proben waren deutlich stärker belastet als jene, die der Sender WDR jüngst an der Ruhr hatte nehmen lassen.

Resistent gegen gleich zehn Antibiotika

Die jetzt am höchsten belastete Probe wies den Angaben zufolge Keime auf, die gegen zehn Antibiotika immun sind. Mehrere Proben zeigten Resistenzen gegen „Reserveantibiotika“, die eigentlich schwerstkranken Menschen helfen sollen, wenn sonst nichts mehr hilft. Eine Probe aus der Nette war sogar gegen gleich drei solcher Reserveantibiotika immun. Auch der Badesee Heidweiher sei mit multiresistenten Kolibakterien belastet gewesen. Eine Gefahr können die Keime laut Kröfges für immungeschwächte Menschen darstellen, für gesunde nicht unbedingt.

Intensiv-Tierhaltung gilt keineswegs als einzige Quelle für multiresistente Keime, auch Krankenhäuser und Kläranlagen können eine sein. Sie werden z. B. als eine Ursache für die in der Ruhr gefundenen Keime vermutetet. Bei den jetzt nachgewiesenen Keimen sieht Paul Kröfges aber wesentlich die Landwirtschaft in der Verantwortung. Alle Probeorte befänden sich in der Nähe großer Mastställe für Schweine, Kälber oder Geflügel.

Bewusst sei man für die Proben in diese beiden Landkreise gegangen: „Im Kreis Borken etwa werden mehr als eine Million Schweine gehalten, die produzieren mehr Gülle, als die Fläche da aufnehmen kann“, sagt Kröfges. Er fordert für die Landwirtschaft ein Verbot von Reserveantibiotika wie Piperacillin sowie weitere Beschränkungen. Tierärzte etwa dürften von der Pharmaindustrie keinen Mengenrabatt für Antibiotika erhalten.

Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer, nannte multiresistente Keime im Gespräch mit der NRZ ein „Thema, das wir im Blick haben müssen“. Die „einseitige Schuldzuweisung“ durch den BUND kritisierte er aber scharf. Die Wahl der Probeorte suggeriere eine Herkunft der multiresistenten Keime, die so gar nicht sicher nachgewiesen werden könne. Die Kreisverwaltungen in Borken und Viersen wollen sich in der kommenden Woche äußern.

Dann will auch das NRW-Umweltministerium Stellung nehmen. Eine Sprecherin verwies gestern aber darauf, dass schon länger beabsichtigt sei, 2019 die Gewässer in NRW im Zuge einer Sonderuntersuchung auf multiresistente Keime zu testen, Badeseen eingeschlossen. Bis 2019 sollen auch Ergebnisse des Forschungsprojektes „HyReKa“ der Uni Bonn vorliegen, das untersucht, ob und wie multiresistente Keime in Kläranlagen reduziert werden können.

>>> HINTERGRUND

Fast 15 000 Menschen sterben in Deutschland laut BUND jährlich durch nicht mehr behandelbare Infektionen. Zu den gefährlichsten multiresistenten Keimen gehört der Ehec-Erreger. Er wird z.B. durch Rohmilch oder rohes Fleisch übertragen und kann zu Durchfall und in schlimmen Fällen sogar zum Tod führen.

Die Natur und das persönliche Umfeld der Menschen sind voll von Keimen und Bakterien. Damit sich bei ihnen keine Resistenzen bilden, raten Experten, Arzneimittel nie in der Toilette, sondern immer im Restmüll zu entsorgen. Außerdem sollten Antibiotika nicht leichtfertig eingenommen werden.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben