NRZ-Interview

Schulministerin: Die meisten Schulen kehren zu G9 zurück

Yvonne Gebauer.

Foto: Matthias Graben

Yvonne Gebauer. Foto: Matthias Graben

Essen.   Schulministerin Gebauer will keine Schulen bestrafen, die an G8 festhalten wollen. Sie fordert außerdem mehr Wertschätzung für den Lehrerberuf.

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Die allermeisten Gymnasien im Land werden bald zu G9 zurückkehren – das erwartet NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Im NRZ-Interview spricht Gebauer auch über das ewige Thema Unterrichtsausfall, eine Werbekampagne für den unattraktiven Lehrerberuf und Smartphones im Klassenraum.


Frau Gebauer, die „Zeit“ berichtet, dass in unseren Schulen doppelt so viel Unterricht ausfällt, wie von Behörden angenommen. Was halten Sie von diesen Zahlen?
Yvonne Gebauer: Ob die Zahlen dieser Untersuchung zutreffend sind, kann ich nicht beurteilen. Dennoch glaube ich, dass die beschriebene Tendenz zutreffend ist. Die letzte Stichprobe der Vorgängerregierung zum Unterrichtsausfall war aus dem Schuljahr 2015/2016 und hat ein Ergebnis erbracht, das der Wahrnehmung vieler Eltern widersprach, auch meiner persönlichen. Die neue Landesregierung hat mit Regierungsantritt angekündigt, den Unterrichtsausfall ehrlich zu erfassen. Dies ist wichtig, um gezielt dort nachsteuern zu können, wo es einen Mangel gibt. Das Schulministerium arbeitet bereits an einer schulscharfen und digitalen Erhebungsmethode, mit der der Unterrichtsausfall ab dem Schuljahr 2018/19 an allen Schulen über das gesamte Schuljahr hinweg erfasst werden soll. Um den Ausfall abzubauen, müssen wir ihn zuerst messen und dann durch eine bessere Lehrerversorgung bekämpfen.

Eines der Reizthemen im Wahlkampf war die Umstellung von G8 auf G9. Wann können sich die Eltern auf eine belastbare Regelung verlassen?

Ich habe sofort nach meinem Amtsantritt mit den Arbeiten an G9 begonnen. Erste inhaltliche Leitplanken stehen schon fest: CDU und FDP haben die Leitentscheidung für G9 getroffen. Wenn die Gymnasien nichts unternehmen, werden sie ab dem Schuljahr 2019/2020 automatisch G9-Schulen. Wir wollen aber auch nicht die Schulen bestrafen, die G8 vernünftig vor Ort umgesetzt haben und alle Beteiligten - Schüler, Lehrer, Eltern und Träger - daran festhalten wollen. Deswegen wird es die Option geben, dass einzelne Schulen auf Initiative der Schulkonferenz bei G8 bleiben können. Das soll unbürokratisch vor Ort geregelt werden. Und klar ist auch, welche Jahrgänge künftig wieder nach neun Jahren Abitur machen werden. Mit dem Schuljahr 2019/2020 beginnt nicht nur der fünfte Jahrgang mit G9, sondern auch die Kinder, die dann bereits im 6. Jahrgang sind werden von der Neuregelung profitieren.

Soll das Gymnasium in Zukunft durchlässiger sein?

Wir brauchen eine Durchlässigkeit im Schulsystem zwischen den verschiedenen Schulformen. Dazu müssen wir auch beim Gymnasium noch an einigen Punkten arbeiten. Das betrifft zum Beispiel die Zentrale Abschlussprüfung in der zehnten Klasse. Ich will aber im Umstellungs-Prozess alle Beteiligen mitnehmen, die Lehrer und Eltern an erster Stelle. Es ist immer schlecht, den Beteiligten ein Konzept überzustülpen, denn dann ist es oft schon im Vorhinein zum Scheitern verurteilt.

Gibt es eine Tendenz, wie viel Prozent der Schulen zu G9 wechseln werden?

Hessen ist einen ähnlichen Weg gegangen und dort sind weit über 90 Prozent der Schulen zu G9 zurückgekehrt. In Baden-Württemberg werden die G9-Modellschulen gerade überrannt. Die Tendenz unter den vielen Schulleitern, mit denen ich gesprochen habe, ist ganz klar G9.

Bis wann müssen sich die Schulen für eine Form entscheiden?

Wir wollen den Schulen so früh wie möglich, Planungssicherheit geben. Die Schulen, die bei G8 bleiben wollen, müssen das in den Schulkonferenzen zu Beginn des Schuljahres 2018/2019 entscheiden. Davor brauchen wir die gesetzlichen Änderungen, deshalb muss noch vor den nächsten Sommerferien der Gesetzentwurf verabschiedet sein. Dann haben die Eltern beim Tag der offenen Tür für das Schuljahr 2019/2020 Klarheit. Es gibt einen Knackpunkt: die Anmeldungen für das Schuljahr 2018/2019. Zu diesem Zeitpunkt können die Schulen offiziell noch keine verbindliche Auskunft darüber geben, ob sie der Leitentscheidung folgen oder bei G8 bleiben wollen. Da ist die Praxis aber ein Stück weiter als jede theoretische Debatte: Die Gymnasien im Land beschäftigen sich mit der Frage G8 oder G9 nicht erst seit gestern. Keiner wird von dieser Frage überrascht. Ich bin fest davon überzeugt, dass es an den Gymnasien schon eine klare Vorstellung gibt, welchen Weg die Schule gehen wird. Es gibt erste Gymnasien, die sich bereits jetzt öffentlich positionieren, dass sie zu G9 wechseln wollen.

Im Rückblick: Würden Sie sagen die Einführung von G8 war ein Fehler?

Die Einführung war damals kein Fehler, alle politischen Kräfte, die Gesellschaft, aber auch die Wirtschaft wollten zu der Zeit das Abitur nach acht Jahren. Allgemein herrschte die Überzeugung, dass unsere Jugendlichen früher ihren Abschluss machen sollten. Das ist heute anders, der Zeitgeist hat sich gewandelt. Das kann man gut heißen oder nicht – ich kann das nachvollziehen. Würde ich persönlich heute vor der Entscheidung G8 oder G9 stehen, würde ich für G9 votieren. .

Als G8 im Jahr 2005 eingeführt wurde, gab es für den Jahrgang beispielsweise keine fertigen Schulbücher. Dieser Jahrgang hat unter der plötzlichen Umstellung immer gelitten. Wie wollen sie das dieses Mal verhindern?

Das ist einer der Gründe, warum wir uns nicht in dieselben Fehler treiben lassen werden, die damals gemacht wurden. Die Einführung zum Schuljahr 2019/20120 ist richtig, angemessen und nicht zu beschleunigen. Auch können wir nicht mehr Jahrgänge mitnehmen, wie immer wieder gefordert wird. Dies wäre unverantwortlich und würde zu Chaos in den Schulen führen. Es ist das Gegenteil dessen, was ich erreichen will. Unser Anspruch ist es, den Übergang gut zu schaffen, so dass die Schulen wieder in Ruhe arbeiten können. Deswegen ist es wichtig, dass es auf schulfachlicher Seite schnell zu Entscheidungen kommt. Davon sind auch die Schulbücher betroffen, aber in erster Linie geht es um die Lehrpläne. Es geht auch darum: Was muss in die Lehrpläne und was kann raus? Wir leben im 21. Jahrhundert und müssen zum Beispiel besonders auch die Digitalisierung beachten. Es geht nicht darum, die Schulzeit mit denselben Lehrplänen einfach von acht auf neun Jahre zu strecken, sondern sie qualitativ zu überarbeiten.

Dafür braucht es auch mehr Lehrer. Wie wollen sie den Lehrermangel in den Griff bekommen? Gymnasiallehrer sollen etwa an die Grundschulen gehen. Hat das schon Erfolg?

Wir werden im November erfahren, wenn die Zahlen vorliegen, wie die Initiative angenommen wurde. Dass uns 2139 Lehrer fehlen, finde ich sehr bedrückend. Ich will diese Situation, die ich so vorgefunden habe, nicht hinnehmen, sondern versuchen möglichst viele Lehrerstellen zu besetzen. Ansonsten bedeutet das Unterrichtsausfall und Qualitätsverlust, den ich in keiner Weise verantworten kann und will. Eine langfristigere Maßnahme ist eine Werbekampagne, die wir im neuen Jahr starten werden. Damit wollen wir Jugendliche für den Lehrerberuf begeistern. Es wird auch eine Wertschätzungskampagne für unsere Lehrer sein. Der Lehrerberuf steht im „Beliebtheitsranking“ leider nicht ganz oben, er ist aber einer der wichtigsten Berufe den wir haben, denn wir vertrauen den Lehrern das wichtigste an, was wir haben: unsere Kinder.

Werden Sie das Gehalt erhöhen?

Wertschätzung hat nicht nur etwas mit Gehalt zu tun, aber natürlich werden wir auch darüber sprechen müssen.

Es gibt Bundesländer, die holen Studenten aus höheren Semestern in die Schule. Könnte man das auch in NRW probieren?

Wir prüfen momentan ganz viele Ideen. Mir ist es aber wichtig zu sagen, dass wir den klassischen, fertig ausgebildeten Pädagogen als Lehrer bevorzugen. Alle anderen Maßnahmen dienen dazu, den derzeitigen Mangel nicht noch größer werden zu lassen. Das gilt für alle Schulformen.

Wären größere Klassen eine Lösung?

Eigentlich sind wir auf dem Weg, die Klassen zu verkleinern. In naher Zukunft wird das in Anbetracht der steigenden Schülerzahlen jedoch kaum möglich sein, so realistisch muss man sein. Größere Klassen müssen aber auf jeden Fall verhindert werden.

Große Themen sind Inklusion und Integration. Auf die Lehrer kommen dabei immer mehr Aufgaben zu. Was wollen Sie da machen?

In Anbetracht der zusätzlichen Aufgaben, müssen wir weiteres Personal in die Schulen geben. Da geht es um pädagogisch-affines und anderes Fachpersonal, wie beispielsweise Schulverwaltungsassistenten. Und wir müssen bei der Inklusion an Regelschulen das Tempo herausnehmen. Die Qualität muss Taktgeber sein. Auch brauchen wir ein breites Förderschulangebot in NRW. Als ersten Schritt haben wir daher die Mindestgrößenverordnung außer Kraft gesetzt, um Förderschulen vor dem Aus zu bewahren.

Inklusion ist aber generell eine gute Idee?

Natürlich. Inklusion ist ein Menschenrecht und wir werden den Bereich der schulischen Inklusion nicht zurückdrehen, sondern weiter ausbauen. Nur der Weg, der in den vergangen Jahren gegangen wurde, war nicht der richtige, weil das Tempo der Taktgeber. Wir arbeiten jetzt an Maßnahmen, die vor allen Dingen zu mehr Qualität führen sollen.

Das kostet ja alles Geld. Wo kann man denn sparen? Schließlich setzt sich die FDP ja traditionell für Haushaltskonsodilierung ein.

Wir müssen das eine tun ohne das andere zu lassen. In der Bildung in NRW kann man derzeit kein Geld sparen. Auf die Kommunen kommt in den nächsten Jahren durch viele Programme viel Geld für die Schulen zu. Über das Projekt „Gute Schule 2020“ und das Gemeindefinanzierungsgesetz sind es mehrere Milliarden Euro. Wir werden die Schulpauschale erhöhen und auch vom Bund sind fünf Milliarden für die Digitalisierung in Aussicht gestellt. Das wird aber noch eine Zeit dauern, denn zuerst muss sich eine handlungsfähige Bundesregierung finden. Solange brauchen die Kommunen aber auch für ihre Planungen. Wir vom Land müssen dafür Sorge tragen, dass die Lehrer ausgebildet werden. Die Schulen müssen im Gegenzug ein Medienkonzept aufstellen.

Darf die technische Ausstattung dann auch mal von Unternehmen wie Microsoft kommen?

Welche technische Ausstattung in den jeweiligen Schulen vor Ort es sein wird, kann ich nicht sagen. Klar ist, wie bei allen Investitionen, die rechtlichen Vorgaben müssen eingehalten werden.

Viele Lehrer sind keine Digital-Natives. Wie wollen Sie einen Bewusstseinswandel im Umgang mit modernen Technologien schaffen?

Ja, es ist nicht damit getan, Geräte zur Verfügung zu stellen. Es geht um einen Bewusstseinswandel: Was macht die Digitalisierung mit unserer Gesellschaft, unserer Kommunikation und der Art wie wir leben? Das ist nicht nur Aufgabe der Politik, sondern in diesem Zusammenhang sind alle gefragt. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Das betrifft den Lehrerberuf, aber auch ganz viele andere Berufe.

An Schulen gibt es ganz viele unterschiedliche Regelungen, was die Nutzung von Smartphones betrifft. Sollten sie verboten oder in den Unterricht eingebaut werden?

Das Smartphone gehört zu unserer Lebenswelt dazu. Ich bin jemand, der sich stark für Schulfreiheit einsetzt. Der Einsatz von Smartphones ist auch unter dem Aspekt der pädagogischen Freiheit zu sehen. Man kann sicher darüber nachdenken, ab welchem Alter das Smartphone sinnvoll ist – aber es generell aus den Schulen zu verbannen, halte ich für den falschen Weg. Schon gar nicht in den Pausen ist so ein Verbot durchsetzbar. Daher sollten wir hier pragmatisch denken und den Schülern besser beibringen, was so ein Smartphone alles kann und wie es auch pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden kann.

Zusammenfassung: Robin Kunte

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