Was für ein Spiel! Die SGS Essen besiegt Carl-Zeiss Jena in einem hochdramatischen Kellerduell mit 4:3 (2:1) und verringert damit den Rückstand auf das rettende Ufer auf drei Punkte. Dafür mussten die Essenerinnen mehr und vor allem länger zittern als notwendig.
Letztlich war es ein taktischer Schachzug von Trainerin Heleen Jaques, der gegen Jena den Unterschied machte. Sie stellte in Jacqueline Meißner und Ella Touon zwei Defensivspezialistinnen in die vorderste Reihe. Beide schnürten prompt einen Doppelpack, sodass die SGS nach einer Stunde komfortabel mit 4:1 führte.
Wir wollten mit der Schnelligkeit von Ella und Jaci höher anlaufen. Das gibt dir im Spiel mehr Energie. Wenn du nur abwartest, kommst du nicht in den Flow.
Heleen Jacques, SGS-Trainerin
SGS Essen: „Ich bin heute zehn Jahre älter geworden“
Und doch kam Jena noch einmal zurück, weil die Hintermannschaft der Gastgeberinnen nicht immer auf der Höhe war. „Ich bin heute zehn Jahre älter geworden“, erklärte Jaques nach ihrem ersten Sieg als Bundesliga-Trainerin. „Aber ich bin einfach stolz auf meine Mannschaft. Es war zwar unnötig spannend, aber am Ende ist es mit dem Ergebnis trotzdem ein schönes Spiel.“ Gefeiert wurde der Sieg in aller Sachlichkeit. Man klatschte sich ab, spendete den Gästen wegen des nun wohl unvermeidlichen Abstiegs ein wenig Trost und bildete schließlich einen Kreis. Das Credo: Der Sieg war zwar ungemein wichtig, aber es müssen weitere her, um die Saison noch zu retten.

Bedeutend emotionaler ging es in der Anfangsphase zu. Beide Mannschaften begegneten sich mit offenem Visier und suchten den Weg nach vorne. Die SGS fand ihn zuerst: Paulina Platner flankte auf Jacqueline Meißner, die wiederum auf Lena Ostermeier querlegte. Die Einschusschance verpasste die Essenerin zwar, setzte aber nach und spielte in den Rückraum auf Touon. Und die traf mit dem schwächeren rechten Fuß zur frühen Führung (6.). Und es ging sofort weiter: Natasha Kowalski leitete den Ball auf Touon weiter, die genau im richtigen Moment auf die startende Jacqueline Meißner durchsteckte. Sie umkurvte Torfrau Janning und erhöhte auf 2:0 (8.).
Exklusive Einblicke ins RWE-Stadion: Mehr als 40 Fotos in der Galerie
Auch interessant
Umstellungen der Trainerin gehen voll auf
Schon jetzt waren Jaques´ Umstellungen voll aufgegangen. „Wir wollten mit der Schnelligkeit von Ella und Jaci höher anlaufen. Das gibt dir im Spiel mehr Energie. Wenn du nur abwartest, kommst du nicht in den Flow“, erklärte die Trainerin. Und in genau dem war die SGS. Platner brachte einen Freistoß hoch hinein. Julia Debitzki verpasst den Ball knapp, sonst hätte es wohl bereits 3:0 gestanden (13.). Nach einer weiteren Platner-Flanke war es noch enger: Diesmal kam Touon zum Kopfball, die Latte rettete die zu diesem Zeitpunkt überforderten Gäste (17.).

Jena sorgte einmal für Gefahr, als sich Tietz bei einem weiten Ball im Rücken der Essener Abwehr davonstahl. Aber sie wurde wegen Abseits zurückgepfiffen (36.). Und doch waren die Gäste plötzlich zurück im Spiel. SGS-Torfrau Kim Sindermann spielte einen fatalen Fehlpass auf Tietz, die sich die Chance nicht nehmen ließ (37.). Und die Torschützin hätte sogar noch nachlegen können, als sie kurz vor der Pause nach einem Standard an der Strafraumkante an den Ball kam und ihn knapp über den Querbalken setzte (45.).
So ging es trotz drückender Überlegenheit mit einem knappen 2:1 in die Kabinen. An der Dominanz der Gastgeberinnen hatte sich aber auch nach der Pause nichts geändert: Die SGS verlagerte das Spiel in die Hälfte der Thüringerinnen - und belohnte sich. Touon brachte eine Flanke an den ersten Pfosten, wo Meißner eingelaufen war und die Fuß hinhielt. Sie traf genau ins lange Eck (56.). Für die 32-Jährige war es der erste Doppelpack in ihrer Karriere. Und es war kein schlechter Tag dafür. Zuvor hatte Meißner in der Liga etwas über zwei Jahre nicht mehr getroffen. Die SGS ließ nicht locker, sondern drängte auf die Entscheidung.
SGS wackelt nach 4:1-Führung noch
Zwei Minuten später war sie vermeintlich gefallen. Die Essenerinnen konterten: Meißner brach auf dem rechten Flügel durch und suchte mit dem Querpass die mitgelaufene Touon. Jenas Juckel ging allerdings dazwischen und grätschte den Ball zu ihrer Torfrau Janning. Doch die war sich offenbar unschlüssig, ob sie mit der Hand zum Ball gehen durfte. Und so landete er doch noch bei Touon, die mit einem Jubelschreib auf 4:1 stellte. Die Bilanz der Leihspielerin des 1. FC Köln an diesem Nachmittag konnte sich sehen lassen: zwei Tore, zwei Vorlagen.
Für kurze Zeit durfte man bei diesem Spielstand über das Torverhältnis nachdenken. Denn auch hier muss die SGS noch aufholen. Allerdings war der Sieg noch gar nicht eingetütet. Ein verlorener Zweikampf von Ostermeier gegen Reuter brachte die Thüringerin in Abschlussposition. Und drei Minuten nach dem 4:1 konnte das Schlusslicht zumindest wieder verkürzen (61.). Die Gäste gingen volles Risiko: Sie spielten mittlerweile mit vier Stürmerinnen und überrumpelten die SGS damit. Nach einem langen Ball lief Jena mit drei Spielerinnen auf das Essener Tor zu. Einmal konnte Sindermann noch retten, der Nachschuss von Börner war aber drin (71.). Nur noch 4:3 und noch 20 Minuten Zeit.
Daran änderten auch alle Proteste nichts. Ostermeier monierte ein Foul von Reuter in der Entstehung vor dem 4:3. Es blieb aber dabei. Und plötzlich geriet der schon für sicher gehaltene Sieg der SGS ins Wanken. Jena blieb gefährlich und fand immer wieder Lücken in der Essener Defensive. Nach einem Schuss von Reske kratzte SGS-Keeperin Sindermann den Ball noch aus dem Eck und verhinderte auch beim Nachschuss von Juckel den Einschlag (77.). Damit machte die Torfrau ihren Patzer aus dem ersten Durchgang wieder gut. Es blieb die beste Chance zum Ausgleich für die Gäste.
- Diese Künstler treten auf: SGS Essen will Rekordspiel an Hafenstraße
- Kein Feuerwerk, aber FC Bayern steht im Pokal-Finale nach Erfolg gegen SGS Essen
- Nun ist das Ziel bekannt: SGS Essen verliert die wertvollste Spielerin
„Die Energie und die Stimmung stimmen mich positiv“
Und so war Jaques bemüht, gleich nach vorne zu schauen: „Jetzt geht es weiter! Die Energie und die Stimmung meiner Mannschaft stimmen mich positiv.“ Dabei musste sie auch zugeben, dass ihr Herz an diesem Mittag ein paar „Doppelschläge“ machte. Es werden nicht die letzten gewesen sein, zumal der Hamburger SV als erster Konkurrent der SGS auch gewann. Dafür könnte es im Saisonfinale aber nun zu einem Dreikampf kommen, denn auch der 1. FC Nürnberg hat den Klassenerhalt noch nicht sicher.
SGS Essen - Carl Zeiss Jena 4:3 (2:1)
- SGS: Sindermann – Lena Ostermeier, Julia Debitzki (80. Julie Terlinden), Vanessa Fürst – Paula Flach, Paulina Platner (90. Maike Berentzen), Natasha Kowalski (80. Laura Pucks), Beke Sterner – Ella Touon, Leonie Köpp, Jacqueline Meißer (69. Kassandra Potsi).
- Jena: Jasmin Janning – Steffi Schmid (86. Bente Fischer), Toma Ihlenburg, Lara Schenk, Josephine Bonsu – Melina Reuter, Elena Mühlemann (46. Emily Reske), Fiona Gaißer (59. Nike Andersson), Juckel – Olivia Alcaide (46. Isabella Jaron), Rieke Tietz (58. Helen Börner).
- Tore: 1:0 Touon (6.), 2:0 Meißner (8.), 2:1 Tietz (37.), 3:1 Meißner (56.), 4:1 Touon (58.), 4:2 Reuter (61.), 4:3 Börner (72.).
SGS Essen empfängt Carl Zeiss Jena: der Live-Ticker zum Nachlesen
Vielleicht wäre etwas zu dramatisch, das kommende Heimspiel der SGS Essen in der Fußball-Bundesliga der Frauen als Schicksalsspiel zu bezeichnen. Andererseits: Wie soll man die Partie sonst nennen? Der Tabellenvorletzte empfängt am Samstag um 12 Uhr das Schlusslicht Carl Zeiss Jena im Stadion an der Hafenstraße. Siegen die Gastgeberinnen, bleibt die Chance auf den Klassenerhalt bestehen. Bei einer Niederlage, kann wohl vier Spieltage vor dem Saisonende noch ein Stück sicherer für die zweite Liga geplant werden...
SGS Essen empfängt Carl Zeiss Jena: die Ausgangslage vor dem Spiel
Unmittelbar vor dem Kellerduell wartete der Verein mit positiven Nachrichten auf: Ex-Nationalspielerin Jana Feldkamp würde notfalls auch in der 2. Liga die Schuhe für die SGS schnüren. Einen Wechsel schließt die 28-Jährige aus. Es ist ein klares Statement der Mittelfeldspielerin, denn der Zeitpunkt ist durchaus bewusst gewählt. „Es ist kein Geheimnis, dass ich mich im Verein sehr wohlfühle. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Aber wenn es nicht so kommt, dann versuchen wir, gemeinsam wieder um den Aufstieg mitzuspielen.“














































