Als sie den Basketball in Essen aus der Versenkung holen wollten, rutschten sie gleich noch eine Etage tiefer. Es war das Jahr des Neubeginns nach der Insolvenz der ETB Wohnbau Baskets. Eine Zeit, als der Profi-Basketball der Stadt am Boden lag: einst in der zweitklassigen Pro A, nun in der fünftklassigen 2. Regionalliga. Dunkle Zeiten. Seitdem ist viel passiert, die 2019 neu gegründeten ETB Miners haben unter den Geschäftsführern Dieter Homscheidt und Robert Hildebrandt nach dem anfänglichen Abstieg doch wieder Aufstieg um Aufstieg gefeiert, in der kommenden Saison startet die Profimannschaft des ETB Schwarz-Weiß Essen wieder in der zweitklassigen 2. Bundesliga Pro A. Es sind hellere Zeiten - und künftig soll es richtig grell werden. Aus der Versenkung direkt in die Stratosphäre: Die Miners haben hohe Ziele. Verdammt hohe.

Auf einem Tisch steht der Pokal, der entscheidende Sieg im Finale der Pro B ist genau einen Monat her, als Dieter Homscheidt und Robert Hildebrandt in der Sporthalle am Hallo den neuen Weg der Miners erklären. In der heimischen Spielstätte sind auch die neuen Gesellschafter aus den USA zugeschaltet. Die Sage Sport Group hat 60 Prozent der Anteile an der Essener Profi-GmbH übernommen, und gemeinsam soll eine neue Zeit eingeläutet werden: für die Miners, für den Essener Basketball. Gar für ganz Deutschland und Basketball-Europa. Gehobener Etat, neue Ziele, neue Herangehensweisen – die Miners wollen nicht weniger als den Basketballsport revolutionieren.

Essen: ETB Miners gegen Orange Academy Ulm
Künftig treten die ETB Miners in der Pro A an. Die 2. Liga soll jedoch nur Zwischenstation sein.© FUNKE Foto Services | Uwe Ernst

ETB Miners: Chef-Analytiker des NBA-Klubs Sacramento Kings

„Sind die bekloppt?“ Eine Frage, die sich auch die Verantwortlichen während der Präsentation selbstreflektierend stellen. Und ja, es klingt zunächst mächtig bekloppt: 2028 wollen die Miners ein Topteam in der Pro A sein, 2030 soll der Erstliga-Aufstieg gefeiert werden. Kurz darauf soll eine neue Spielstätte und ein ganzer Campus für die Nachwuchsmannschaften entstehen. 2035 wollen Essens Basketballer dann international spielen, am liebsten in der Euroleague, derzeit die höchste Spielklasse des Kontinents.

Frage an Dieter Homscheidt: Sind die Miners bekloppt? „Wir sind visionär“, sagt der Geschäftsführer mit spürbarem Selbstvertrauen. Denn die neuen Partner der Sage Sport Group bringen auch neue Sichtweisen mit: Paul Sabin entwickelte bekannt Prognose- und Bewertungsmodelle für den US-Sportsender ESPN. Colin Montague war Chef-Analytiker des NBA-Klubs Sacramento Kings und arbeitete in diesem Feld auch schon für den Sportartikelriesen Nike. Mit den Kompetenzen auf diesem Gebiet wollen die Miners nun auf Spielersuche gehen. Nicht länger traditionell über persönliche Kontakte, Agenten und Bauchgefühl. Sondern bis in die Tiefe datenbasiert, mit Zahlen über Wurfquoten und gesicherte Rebounds hinaus. Wie verkauft sich Spieler x in fremden Hallen? Wie spielt er vor 200 und wie vor 20000 Zuschauern? Basketball ist eine jener Sportarten, bei der auf höherem Niveau längst die kleinsten Details erfasst werden.

Neugründung der ETB Miners und die Präsentation des neuen Logos im Jahr 2019: Die Geschäftsführer Robert Hildebrandt und Dieter Homscheidt (v.l.).
Neugründung der ETB Miners und die Präsentation des neuen Logos im Jahr 2019: Die Geschäftsführer Robert Hildebrandt und Dieter Homscheidt (v.l.).© ETB | ETB Wohnbau Baskets

ETB Miners: Brad Pitt lässt grüßen

„So besteht die Chance, Spieler zu finden, die andere nicht auf dem Schirm haben, die auch mal übersehen werden“, sagt Homscheidt. Neu ist dieser Ansatz aber nicht, viele Klubs in diversen Sportarten arbeiten längst datenbasiert, seit diese Denkweise des finanziell klammen Baseballklubs Oakland A’s Anfang des Jahrtausends auf großer Bühne erfolgreich war und für die breite Masse mit Brad Pitt in der Rolle des Managers Billy Beane als „Moneyball“ verfilmt wurde. In Europa gelten die Fußballer des Londoner Premier-League-Klubs Brentford FC als erfolgreicher Umsetzer jenes Ansatzes. „Erfolg hat nicht immer mit Geld zu tun“, sagt Homscheidt deshalb.

Eine große Rolle spielt Geld trotzdem: Der Etat des Teams wird für die neue Liga von bisher 550.000 Euro auf rund 1,5 Millionen Euro verdreifacht. Wohlwissend, dass das Niveau ein ganz anderes sein wird, dass Leistungsträger der Pro B in der Pro A eher Rollenspieler wären. Die Suche nach neuen Spielern hat begonnen, durch die lange Play-off-Zeit sind die Essener aber später dran als viele Konkurrenten.  

ETB Miners: Selbst FC Bayern brauchte lange

Doch wie kommen zwei Amerikaner überhaupt auf einen Klub aus Essen, der selbst in der Stadt meist nur Basketballfans ein Begriff ist? „Es ist dieses riesige Potenzial“, sagt Paul Sabin. „Essen liegt im größten Ballungsgebiet Deutschlands und die Region ist in Sachen Profi-Basketball ein weißer Fleck. Mehr als 500.000 Einwohner, über fünf Millionen in der Region – da ist einiges möglich.“ Die Sache mit dem weißen Fleck würden Zweitligist VfL Sparkassen Stars Bochum und die Basketball-Institution Phoenix Hagen sicher anzweifeln, aber tatsächlich stellt sich die Frage, warum eine der beliebtesten Sportarten der Gegenwart in einer Stadt wie Essen kein größerer Publikumsmagnet ist.

Es ist dieses riesige Potenzial. Essen liegt im größten Ballungsgebiet Deutschlands und die Region ist in Sachen Profi-Basketball ein weißer Fleck. Mehr als 500.000 Einwohner, über fünf Millionen in der Region – da ist einiges möglich.

 Paul Sabin, Investor bei den ETB Miners

Das soll sich ändern, und richtig groß gedacht wird nun, weil Dieter Homscheidt die E-Mail der Sage Sport Group nicht kopfschüttelnd löschte, als die eines Tages in seinem Postfach auftauchte. Darin die Anfrage von Paul Sabin und Partner Colin Montague, die in Europa nach Klubs suchten, mit denen sie traditionelle Pfade verlassen und „einen der technologisch fortschrittlichsten Klubs“ aufbauen wollen. Homscheidt beantwortete die Mail interessiert, und nach vielen Gesprächen und Besuchen des US-Duos war die Partnerschaft beschlossen. „Ich bin immer offen für neue Ansätze“, sagt Homscheidt. „Und in diesem Fall hat beiderseitig alles gepasst.“

Klar ist aber auch: Für die Bundesliga und erst recht die Teilnahme an europäischen Wettbewerben gehört mehr dazu als Visionen, Motivation und ein gutes Händchen bei der Spielerverpflichtung. So muss unter anderem eine geeignete Spielstätte her, die Sporthalle am Hallo hat nur Zweitliga-Niveau, und ob und wann in Essen eine neue Ballsportarena für die Miners und die Tusem-Handballer gebaut wird, steht noch in den Sternen. Abzuschrecken scheint auch nicht, dass selbst Klubs wie der FC Bayern unter einem hochmotivierten Uli Hoeneß Jahre investieren und Millionen Euros für Spieler und Trainer in die Hand nehmen mussten, um in der Euroleague anzukommen. Und blutige Nasen holten sich in den vergangenen Jahren nicht wenige Klubs an Rhein und Ruhr bei Versuchen, in höhere Basketball-Gefilde zu steigen. Doch die Miners stehen ja gerade erst am Anfang, das neue Zeitalter haben sie just eingeläutet. Der Versuch des Aufstiegs in die Stratosphäre - er hat gerade erst begonnen.