Eine Buchwelt erwacht zum Bühnenstück

Kleve.   Eine einmalige Darbietung erlebten rund 400 Besucher der Klever Stadthalle am Samstagabend bei „Ein rätselhafter Schimmer – Das Berlin der 20er in einer poetischen Amüsier-Schau“. Der in Münster lebende Klever Robert Nippoldt und das Trio Größenwahn hatten sozusagen ein Heimspiel.

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Eine einmalige Darbietung erlebten rund 400 Besucher der Klever Stadthalle am Samstagabend bei „Ein rätselhafter Schimmer – Das Berlin der 20er in einer poetischen Amüsier-Schau“. Der in Münster lebende Klever Robert Nippoldt und das Trio Größenwahn hatten sozusagen ein Heimspiel.

Und doch wusste keiner so Recht, was ihn da erwarten würde. Musik und Live-Zeichnungen? Wie kommt das denn auf die Bühne? Wer die Bücher des Grafikdesigners Nippoldt kennt – „Gangster – die Bosse von Chicago“, „ Jazz – Im New York der wilden 20er“ und „Hollywood in den 30er Jahren“ –, erkennt seinen Zeichenstil und auch seinen Humor sofort wieder. Und schon geht dem Betrachter ein Licht auf: Nippoldt bringt seine Buchwelt live auf die Bühne. Ein schafft eine beeindruckende eigene Kunstform.

Reichskanzler im Sekundentakt

Der Diplom-Designer sitzt hauptsächlich am Schreibtisch. Der Ausschnitt, wo sozusagen sein Papier liegt, wird per Kamera auf der großen Leinwand übertragen. Hier wird das Gros der Geschichte erzählt. Die Hände übernehmen die Moderation. Nippoldt legt Zeichnungen oder Scherenschnitte unter die Kamera, fügt Textzeilen hinzu, schreibt Namen malerisch nieder, ergänzt Impressionen mit Kreide, Bleistift und Co. Es ist, als ob seine Bücher leben. Schon mal mit Pinseln Tanzschritte vorgemacht? Unfassbar, mit welch gutem Timing das inszeniert wird. Jedes Detail scheint bis zur Perfektion geplant zu sein. Und doch wirkt alles so leichtfüßig. Die Vorbereitung muss unheimlich aufwendig gewesen sein.

Die Schau strotzt vor pfiffigen Ideen und Kreativität. Der Besucher wird in die Zeit eingeführt. Etwa, dass sich nach Eröffnung der ersten großen Kaufhäuser ein neuer Virus verbreitete: Kleptomanie. Gut betuchte Frauen ließen alles mögliche mitgehen, woraufhin Ärzte massenhaft „vorübergehende Beklopptheit“ diagnostizierten. Die Reichskanzler der Weimarer Republik von Februar 1919 bis Januar 1933 – 14 Amtszeiten, die alle recht kurz anhielten – werden im Sekundentakt mit einer handgestoppten Sekunde pro Monat Regentschaft im Bild gezeigt. Die Comedian Harmonists erscheinen als Fingertheater auf der Leinwand. Die vier Künstler spielen dazu ihre Melodien auf kleinen Membranophonen: Kazoos.

Das Trio Größenwahn, mit der großartigen Sängerin Lotta Stein, deren Präsenz den Eindruck vermittelt, sie wurde per Zeitreise aus den 20ern nach Kleve gelotst, dem Bocholter Christian Manchem am Piano und Christoph Kopp am Kontrabass, sorgte für die passende Musik. Von der „Seeräuber Jenny“ aus der „Dreigroschenoper“ über „Ein Freund, ein guter Freund“ von den Comedian Harmonists bis zu dem durch Marlene Dietrich bekannten „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ - bekannte Gassenhauer bis selten gehörte Melodien waren dabei.

Die zweimal 45 Minuten Programm waren äußerst kurzweilig. Zwei Zugaben forderte das Publikum ein. Am Ende durfte die Klever Kulturamtsleiterin Annette Wier attestieren: „Ich würde sagen, das Heimspiel haben Sie gewonnen.“ Haushoch!

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