Theater

Theaterstück ging dem Publikum in Haldern unter die Haut

Die Premiere des Theaterstücks „Vergiss mein nicht“ in Haldern überzeugte mit großartigen schauspielerischen Leistungen.

Die Premiere des Theaterstücks „Vergiss mein nicht“ in Haldern überzeugte mit großartigen schauspielerischen Leistungen.

Foto: Konrad Flintrop

Haldern.   Die Theaterwerkstatt beeindruckte mit der Premiere von „Vergiss mein nicht“ in St. Marin Haldern. Es zieht emotional beklemmende Parallelen.

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Das ging den Besuchern unter die Haut. Die Premiere des Stücks „Vergiss mein nicht“ der Theaterwerkstatt im neuen Pfarrsaal St. Marien in Haldern am Freitagnachmittag war ein Theaterstück zum Gedenken an die unzähligen, namenlosen Opfer der NS- Euthanasie im Zweiten Weltkrieg und der Flüchtlinge im heutigen Mittelmeer. Trotz der unterschiedlichen Szenarien sind die entsetzlichen Folgen beider Kriege ähnlich. Sie hinterlassen unvorstellbares Leid.

Erste Szene: Verantwortungslose und rabiate Schleuser packen ein Boot voll, 26,27,28,29,30 – „Mehr passen nicht drauf!“ Mit 50 Insassen hoffnungslos überfüllt, sticht es in das aufgewühlte Meer und kentert im Sturm. Viele Insassen ertrinken. Ein junges syrisches Mädchen kann sich retten. Sie sitzt am Strand mit einem Teddy in der Hand. Das einzige, was ihr von ihrem Bruder geblieben ist, den sie nicht festhalten konnte.

Warum Fritz eine Todesspritze bekam

Szenenwechsel: Eine Mutter und ihre Tochter machen sich auf die Suche nach Überlebenden. Sie nehmen das syrische Mädchen mit nach Hause, wo es sich aufwärmen kann. Die Mutter erzählt von früher. Im Krieg hat sie ihren Jungen Fritz verloren. Er hatte angeblich eine geistige Behinderung. Sie musste ihn auf Befehl in eine Heilanstalt bringen. „Schreckliche Dinge passieren da“, so die Kinderschwester, die immer zwischen gute Schwester und braune Schwester pendelt.

Schließlich muss sie Fritz eine Todesspritze geben. „Befehl ist Befehl!“

Die 15-jährige Fatima Almasri, die die Rolle des syrischen Flüchtlingsmädchens überzeugend spielte, brachte im einem syrischen Trauerlied ihre Trauer um den Verlust ihres Bruder zum Ausdruck, den sie nicht mehr retten konnte, gezeichnet von den Kriegswirren in ihrem Heimatland. Heute noch klingen die Bombeneinschläge in ihren Ohren und sie versteckt sich.

Die Brief-Zustellung treibt auch Zuschauer zu Tränen

Auch die 86-jährige Mutter (Cäcilia Brockmann) trauerte um ihren 1939 geboren Fritz, den sie wegen angeblicher geistiger Behinderungen in eine Heil- und Pflegeanstalt bringen musste. Nur eine Mutter kann diese Rolle mit einer solchen überwältigen Überzeugungskraft spielen. Die Zustellung des Briefes der Anstaltsleitung über den plötzlichen Tod ihres Kindes löste sowohl bei den Zuschauern als auch bei der Mutter des Theaterstücks einige Tränen aus.

Der unglaubliche Gewissenskonflikt der verzweifelten Kinderkrankenschwester, gespielt von der 86-jährigen Hilde Backershoff, erreichte den Höhepunkt, als sie schließlich Fritz eine Todesspritze verabreicht. „Befehl ist Befehl!“ – „ich muss es jetzt tun!“. Sie verkörperte ihre Rolle authentisch gut.

Die Darsteller spielen überzeugend

Peter Bunse, der in die Rolle des Arztes geschlüpft war, zweifelte mit dem Verweis auf den Eid des Hippokrates an seiner Aufgabe. „Eigentlich bin ich da, Leben zu erhalten, und was tue ich hier? Ich lösche Leben aus!“

Auch Robin Hübers, der als linientreuer, gefühlloser Soldat die Hiobsbotschaften über die Unterbringung von Fritz in die Heil- und Pflegeanstalt, sowie letztendlich auch seine Todesnachricht der Mutter zu überbrachte, spielte seinen Part überzeugend.

Bewegender Abschluss zeigt vermisste Menschen

Mit einer hinreißenden Ausstrahlungskraft verzauberte Davina Möllenbeck als „traumhafter Engel“ das Publikum. Ihre feenhaften Tanzdarbieten gaben den Zuschauern das Gefühl, als schwebe sie durch das Weltall.

„Vergiss mein nicht“, ein aufrüttelndes, emotionales Theaterstück erreichte am Schluss den Höhepunkt, als die Schauspieler auf eine lange Schnur Bilder von Menschen, egal aus welchem Land, welchem Alter, welcher Religion aufhängten, die wegen der Kriege vermisst werden, wozu der Lagerarzt das irische Segenslied anstimmte: „Möge die Straße uns zusammenführen...“

„Ich habe heute eine Rolle meines Lebens gespielt“

Mit lang anhaltendem, wohl verdientem Applaus, würdigte das Publikum die hervorragenden Leistungen der Laiendarsteller, besonders aber auch der Regisseurin Silja Böhling-Buhl, die mit großem Einsatz und Mut dieses nachhaltig wirkende Theaterstück einstudiert hat. „Mit elf Jahren musste ich mit ansehen, wie ein Kind aus einer Familie verschwand“, sagte die „Mutter“ Cäcilia Brockmann nach dem Theaterstück. Sie meinte: „Ich habe heute eine Rolle meines Lebens gespielt.“ Die „Schwester“ Hilde Backershoff ergänzte: „Und ich meine schwerste.“

Am 14. und 16. Juni wird das Theaterstück „Vergiss mein nicht“ im neuen Pfarrsaal St. Marien in Haldern aufgeführt. Nähere Informationen folgen,.

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