• Professorin Ingrid Jungwirth leitete ein Forschungsprojekt zu Leiharbeitern.
  • Betroffene entstammen vielfach osteuropäischen Minderheiten.
  • Wenn Arbeitsmigranten krank werden, können sie sofort gefeuert werden.

Sie schuften oftmals unter unmenschlichen Bedingungen, sie werden meist miserabel entlohnt, und sie leben auf engstem Raum zusammengepfercht in maroden Sammelunterkünften – das ist die Situation vieler, in der Regel aus Osteuropas stammender Leiharbeiter, die im deutschen Grenzgebiet wohnen und in niederländischen Fleischfabriken oder Logistikzentren arbeiten.

Weggucken war nicht mehr möglich

Als infolge der Corona-Pandemie ein Weggucken nicht mehr möglich war, beschäftigte sich auch die überregionale Politik einmal intensiver mit der Situation dieser Menschen. Und an der Hochschule Rhein-Waal vollzog die Professorin Ingrid Jungwirth in Kooperation mit zwei nordrhein-westfälischen Ministerien und der Nimweger Radboud Universität über 15 Monate ein Forschungsprojekt zu dem Thema, in dem Zeitungsartikel ausgewertet und 29 Interviews mit Expertinnen und Experten geführt wurden – allerdings nicht mit den Betroffenen selbst. Dieses Vorhaben ist einem späteren Projekt vorbehalten, das gestern im Rahmen eines Abschluss-Workshops auf dem Campus in Kleve in Grundzügen vorgestellt wurde.

Unter dem recht langen Titel „Arbeitsmigration zwischen den Grenzen – Arbeits- und Lebenssituation von Arbeitsmigrant*innen in relevanten Sektoren in der Euregio Rhein-Waal“ erfuhren die rund zwei Dutzend Teilnehmer des Workshops, dass die Situation der meist aus den osteuropäischen Ländern Bulgarien, Rumänien und Polen stammenden Frauen und Männer sehr problematisch ist.

Opfer, die sich leicht über den Tisch ziehen lassen

Gezielt rekrutierten die verantwortlichen Firmen Menschen aus der Minderheit der Roma und mit geringen Bildungskenntnissen, so Jungwirth. Es gibt also keine Lobby, und die Betroffenen lassen sich leichter über den Tisch ziehen.

Aus der Sicht der Wissenschaft ist ein „transnationaler, segmentierter Arbeitsmarkt“ entstanden. Das klingt erst einmal interessant. Aus der Sicht der Praktiker, wie zum Beispiel Wolfgang Berns vom Ordnungsamt Goch, der sich in der anschließenden Diskussion zu Wort meldete, ist dieser Arbeitsmarkt in weiten Teilen ein Skandal.

Erst krank, dann gefeuert

Berns hatte erst in dieser Woche mit zwei der Menschen zu tun, die dieser Arbeitsmarkt ausgestoßen hatte. Die beiden Männer waren ohne Geld und ohne Sprachkenntnisse von einem bekannten Zeitarbeitsunternehmen am Bahnhof in Goch ausgesetzt worden. Einer der beiden hatte sich an der Hand verletzt, und war im Klever Krankenhaus behandelt worden. Die Gipsschiene, die ihm gelegt worden war, ließ er nach zwei Tagen durch eine Manschette ersetzen, um weiterarbeiten zu können. Das Unternehmen jedoch schmiss ihn raus und setzte ihn auf die Straße.

Bei einer Razzia in Emmerich im Februar 2022 entstand dieses Bild. Auf engstem Raum musste hier ein Leiharbeiter wohnen. Und in Sachen Brandschutz fiel dieses Dachgeschosszimmer durch, weil kein Fluchtweg gegeben ist.
Bei einer Razzia in Emmerich im Februar 2022 entstand dieses Bild. Auf engstem Raum musste hier ein Leiharbeiter wohnen. Und in Sachen Brandschutz fiel dieses Dachgeschosszimmer durch, weil kein Fluchtweg gegeben ist.© Stadt Emmerich

Die letzte Lohnabrechnung des Mannes wies einen Betrag von knapp 600 Euro aus – für mehr als 150 Stunden Arbeit. Das sind also etwa vier Euro pro Stunde. Die Unterkunft, worunter der Schlafplatz auf einer Matratze zu verstehen ist, wurde mit 320 Euro berechnet.

Bußgeldbescheide landen vor Gericht

Berns hat gegen ein niederländisches Unternehmen wegen Verstößen bei der Unterbringung schon verschiedene Bußgelder verhängt. Es geht mittlerweile um 1,8 Millionen Euro, Gerichte müssen die Angelegenheit nun klären.

Der Mann vom Gocher Ordnungsamt berichtete auch von zwei Männern, bei denen Tuberkulose diagnostiziert worden war. Das niederländische Arbeitsrecht erlaubt es Unternehmen, Beschäftigte – solange sie sich in einer sogenannten Phase A befinden – im Krankheitsfall zu kündigen. Das geschah. Die Stadt Goch übernahm die Behandlungskosten von 50.000 Euro.

„Teilweise sklavenähnliche Bedingungen“

Von „teilweise sklavenähnlichen Bedingungen“ berichtete die Professorin. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ergänzte, es handele sich um „ein hoch organisiertes System der Ausbeutung mit teilweise massiver Gewalt“. Wolfgang Berns: „Wir reden über Mafia und Clans.“

Und was können die Verantwortlichen tun? Relativ einmütig schien die Erkenntnis zu sein, dass grundsätzliche Verbesserungen nicht zu erwarten sind. Die Empfehlungen der Studie zielten vor allem darauf ab, erst einmal die Dimension des Problems zu erfassen. Dazu müsste etwa die grenzüberschreitende Zusammenarbeit intensiviert werden.

Diese Vorschläge zur Verbesserung stehen im Raum

Einer der konkreteren Vorschläge war beispielsweise, dass die Koppelung von Arbeits- und Mietvertrag unterbunden werden sollte. Ein anderer, dass es ein Zertifikat für Vermieter geben sollte. Und ein dritter, dass die Arbeiter im Zusammenhang mit einer behördlichen Erfassung auch ihren Arbeitgeber offenbaren sollten.

Auch die Firmen wurden im Rahmen der Studie befragt, welche Verbesserungen sie sich wünschen. Heraus kam, dass die Stigmatisierung als unangenehm empfunden wird und dass insbesondere landwirtschaftliche Betriebe noch flexiblere Bedingungen wünschten. Die Runde war sich einig, dass dies höchstens zu einer weiteren Verschlechterung der Bedingungen führen würde.