SOS-Kinderdorfserie

Die frische Architektur des SOS-Kinderdorfes in Kleve

Hell und gemütlich zugleich: Blick in eines der Kinderdorf-Häuser.

Hell und gemütlich zugleich: Blick in eines der Kinderdorf-Häuser.

Foto: Andreas Daams

Kleve.   Harald Deilmann entwarf Bürobauten und Theater. Das Kinderdorf Materborn zeigt, wie sehr er über die Funktion der Architektur nachgedacht hat.

Wie baut man ein Kinderdorf? Wer heute am Waldrand von Materborn entlangläuft, für den ist klar: Was für eine Frage – so natürlich, wie man es da sieht. Eine Ansammlung von Häusern, verschachtelt und verwinkelt, dabei gleichzeitig verspielt und einer genauen Ordnung folgend. Ein Dorf eben. Eines, in dem Kinder sich wohlfühlen können. Gruppiert um einen großen Spielplatz, auf dem jahrzehntelang eine echte Lokomotive stand. Abgeschieden und doch mit Anschluss ans alte, gewachsene Materborn.

Es waren Klever Bürger um Dr. Albert Heesch, die das Projekt des Klever SOS-Kinderdorfs ins Leben riefen. 20.000 Quadratmeter umfasst das Grundstück. Architekt des insgesamt zehnten Kinderdorfs wurde Harald Deilmann, Architekt in Münster und nacheinander Professor in Stuttgart, Hannover und Dortmund, geboren 1920, gestorben 2008. Er entwarf Kirchen, Rathäuser, Theater, Schulen, Kliniken – ein namhafter, vielfach geehrter Meister seines Fachs. 1965 begann er mit der Planung, 1966 starteten die Bauarbeiten. Über das fertige SOS-Kinderdorf in Materborn berichteten Anfang der 70er Jahre gleich mehrere Fachmagazine.

Wahrung des Individuellen

Was war die Aufgabe, vor der Deilmann stand? Ein Heim für „künstliche“ Familien zu schaffen, jeweils acht bis neun Kindern mit einer „Kinderdorfmutter“. Jede dieser Familien bewohnt ein Haus, die Häuser sind zu Gruppen zusammengefasst. 16 Häuser gibt es insgesamt. „Jedes Haus trägt schon von außen betrachtet dem Stempel des ‚In-sich-geschlossenen-Seins‘, zeigt deutlich den Respekt vor der Wahrung des Individuellen, kapselt jedoch nicht ab, sondern öffnet mit den großzügigen Glasfronten zur Umwelt und zur Natur“, stellte die Deutsche Bauzeitschrift 1972 fest.

Die Häuser haben außen Wände aus Ziegeln, nehmen also die niederrheinische Bauweise auf. „Die geneigten Dachflächen sind den topographischen Gegebenheiten angepasst oder entgegengestellt, die bewegte Silhouette hat etwas Heiteres, und im Inneren der Häuser vermitteln die sichtbar eingezogenen Dachschrägen das Gefühl von Schutz und Geborgenheit“, heißt es in dem Artikel weiter.

Überhaupt: Die Fläche eines Hauses liegt vielleicht bei 180 bis 200 Quadratmetern, doch wirken die Häuser von innen viel schnuckeliger, als man bei dieser Fläche vermuten könnte. Möglich wird das durch die vielen Ebenen, die sich um das offene Treppenhaus herumzulegen scheinen. „Ich fand das sehr modern, als ich 1992 hierherkam“, sagt Kinderdorfmutter Anne Henrichs. Offen sind auch die Küchen – was heute modern ist, hat Deilmann schon damals eingeplant. Innen hat man viel mit Beton und Holz gearbeitet. Auch die Einbaumöbel bestehen aus robustem Naturholz.

Das Dorf hat mehrere Umbauphasen hinter sich

Das SOS-Kinderdorf hat inzwischen mehrere Umbauphasen hinter sich. Die erste betraf die Heizungen – die ursprüngliche Fußbodenheizung wurde durch Heizkörper an den Wänden ersetzt. Die zweite fügte den Häusern große Wintergärten zu, um auf diese Weise mehr Platz für das gemeinsame Miteinander zu schaffen. Zugleich ergänzte man die Zimmer der Kinderdorfmütter um eigene Nasszellen. Bei alledem blieb man dem architektonischen Konzept treu, mitsamt den Kupferbeschlägen an den Dächern.

Und während so manches Gebäude aus jenen Zeiten heute nicht mehr recht zu begeistern vermag, wirkt das SOS-Kinderdorf in Materborn immer noch richtig frisch. Auch wenn es unter den etwa 1600 Bauten, die Deilmanns Büro entwickelte, nicht das größte Projekt war: Mit Sicherheit war es eines seiner gelungensten.

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