Biografie

Joseph Beuys soll viele Stationen seines Lebens geschönt haben

Autor Hans Peter Riegel hat eine kritische Biografie geschrieben.Foto:dpa

Autor Hans Peter Riegel hat eine kritische Biografie geschrieben.Foto:dpa

Foto: dpa

Kleve.   Joseph Beuys hat offenbar viele Details seiner Lebensgeschichte geschönt. Hans Peter Riegel legt eine erste kritische Biografie vor – mit vielen überraschenden Details.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Mit der Wahrheit hat es Joseph Beuys offenbar nicht so genau genommen. Zumindest wenn man den Ausführungen des Biografen Hans Peter Riegel Glauben schenken mag, der in diesen Tagen eine kritische Lebensbeschreibung über den großen deutschen Künstler herausgibt. Es ist ein überaus spannendes Buch, akribisch recherchiert und beinhaltet auch pikante Details aus Beuys‘ Jugendzeit in Kleve.

Der Künstler hat demnach seinen eigenen Mythos geschaffen, Realitäten ausgeblendet und Unwahrheiten in die Welt gesetzt. Schon über seinen Geburtsort verbreitet er Irritationen. Joseph Beuys wurde am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren, doch in späteren Veröffentlichungen gibt er „immer Kleve an, weil die Geburt in Krefeld rein zufällig war“, wie er selbst in einem Katalog zu einer Ausstellung im Haus Koekkoek schrieb. „[...] die Residenzstadt Kleve zur Stadt seiner Herkunft zu wählen, lässt erahnen, dass Beuys die Veränderung seiner Biografie durchaus mit Standesfragen verband“, schlussfolgert der Autor Hans Peter Riegel.

„Ein scheuer Einzelgänger“

Offenbar hatte Beuys Probleme mit seiner Herkunft: Seine Eltern waren bescheidene Menschen, sprachen niederrheinisches Platt, waren kleinbürgerlich-konfessionell geprägt. Sein Vater Joseph Jacob war in Krefeld Geschäftsleiter einer Kaffeerösterei. Vier Monate nach Beuys‘ Geburt zogen die Eltern dann nach Kleve an die Kermisdahlstraße 24. Hans Peter Riegel recherchierte, dass der Vater in Kleve nur noch als „Handlungsgehilfe“ tätig war, also Hilfsarbeiter, wo genau ist unbekannt. Beuys soll diesen Abstieg des Vaters später niemals erwähnt haben. In einer Biografie aus dem Jahre 1973 soll er seinen Vater sogar geleugnet haben. Hans Peter Riegel klärt auf, dass er hier den Namen seines Onkels als Vater angibt. Sein Onkel Hubert Beuys war ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Als Kind sei er „sonderbar“ gewesen. Das kleine „Jüppken“ wie ihn alle nannten, wurde als eigentümlich wahrgenommen. Hans Peter Riegel stützt seine Aussagen auf Gespräche mit dem letzten lebenden Klassenkameraden, Wilhelm van den Boom, und kommt zum Urteil, dass Beuys „trotz situativer Extrovertiertheit ein scheuer Einzelgänger“ gewesen sei. Der „Jupp“ habe sich für andere nicht interessiert, erinnert sich Wilhelm van den Boom in den Gesprächen mit Riegel.

Hans Peter Riegel betont, dass Joseph Beuys in späteren Jahren immer wieder die Prägung der niederrheinischen Landschaft betont hat, die Naturverbundenheit. Doch das Umfeld seiner Kindheit an der Kermisdahlstraße sei städtisch geprägt gewesen, so Riegel. Beuys sei am Rande eines Gewerbegebietes aufgewachsen. Aus dem Fenster habe er auf die Großwäscherei Sanders geblickt, ein dunkles Gebäude mit riesigen Schornsteinen. Auch der spätere Umzug (1935) nach Rindern sei übertrieben dargestellt: Die Eltern zogen an die Tiergartenstraße 187, fast auf den Meter genau an die Grenze zu Kleve. Ein idyllisches Landleben war das also nicht. Trotzdem wurde Rindern zur „Suggestion seiner Kindheit“, schreibt Riegel. Dabei habe er 14 Jahre am Rande einer Industriezone gelebt. 1940 zog die Familie dann wieder in die Innenstadt an den Karlplatz 2 in ein dreigeschossiges Eckhaus.

Gern habe Beuys seine Vorliebe für Botanik, Chemie und Physik betont. Doch Klassenkamerad Wilhelm van den Boom kann sich nicht erinnern, dass Joseph Beuys ein besonderes Interesse an Naturwissenschaften in der Schule gehabt hätte. Auf dem Gymnasium wurde er in der Unterstufe nicht versetzt. Van den Boom: „Ich habe in Erinnerung, dass er in Mathematik und Physik schlecht war.“

Interessant ist die Tatsache, dass Riegel keinen Nachweis für ein Abitur in Kleve gefunden hat. Der Autor geht davon aus, dass Beuys die Schule im Frühjahr 1940 verlassen hat, ohne Abschluss. Fünf Jahre später habe sein ehemaliger Englischlehrer ihm eine eidesstattliche Versicherung gegeben, dass er 1941 das Abitur in Kleve gemacht habe. Riegel recherchierte, dass Beuys 1940 aus der Obersekunda in die Unterprima versetzt wurde. 1941 hätte er gar kein Abitur machen können.

Fehlendes Abitur

Auch behauptete er, ein allgemeines naturwissenschaftliches Studium belegt zu haben. Welches Fach genau, sagte er nicht. Reichert schreibt: „Beuys‘ Darstellungen entbehren jeglicher Realität. Sowohl für das Medizinstudium als auch für ein naturwissenschaftliches Fach waren und sind exzellente schulische Leistungen und natürlich das Abitur unerlässlich. Beides konnte er nicht vorweisen.“

Hans Peter Riegel offenbart in seiner gut lesbaren Biografie, dass Joseph Beuys seine Jugend im Nationalsozialismus weitgehend ausblendete. Am 18. Mai 1933 nimmt er an der Bücherverbrennung im Hof seines Gymnasiums teil und gab später an, dass er aus dem brennenden Haufen einige Bücher gerettet habe. „Diese Erinnerung scheint wenig glaubhaft, denn es wäre wohl kaum möglich, unter Aufsicht einer uniformierten HJ-Schar [...] Bücher aus dem Feuer zu holen, [...]“, schließt Hans Peter Riegel.

1940 schließt sich Joseph Beuys freiwillig der Deutschen Wehrmacht an. Er verpflichtete sich für zwölf Jahre und wollte Flieger bei der Luftwaffe werden. Doch Beuys wurde 1941 im besetzten Polen zum Bordfunker ausgebildet. Flieger konnte er aufgrund mangelnden räumlichen Sehvermögens oder einer „Rot-Grün-Blindheit“ nicht werden, so Riegel. Trotzdem habe Beuys später immer wieder behauptet, er sei Pilot gewesen.

Überhaupt habe er über seine Kriegserfahrungen sehr selektiv berichtet. Von Grausamkeiten während der Kriegstage erfahre man von ihm kaum etwas. Doch dies könne nicht sein, so Riegel. Es sei unmöglich, dass Beuys in Posen keine Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge gesehen habe. Der Holocaust habe im Wartheland begonnen. Während des Sommers, in dem sich Beuys hier aufhielt, begannen SS-Sonderkommandos damit, Juden umzubringen. Das Konzentrationslager Posen befand sich nur einen Kilometer vom Flughafen entfernt. Beuys sei hier stationiert gewesen.

Gegen Ende des Krieges habe Joseph Beuys auch im Klever Reichswald gekämpft. Er sei Mitglied der 7. Fallschirmjäger-Division unter Generalleutnant Wolfgang Erdmann gewesen und wurde Anfang Dezember 1944 in der Nähe von Kleve eingesetzt. Am 8. Februar 1945 begannen die schweren Kämpfe im Reichswald. 90 000 alliierte Soldaten kämpften gegen 12 000 deutsche Wehrmachtskrieger. Unter ihnen auch Joseph Beuys. Zwei Wochen lang wurde hier auf bestialische Weise gekämpft und gemordet. Joseph Beuys habe davon später nie erzählt, schreibt Biograf Riegel. Weil die Gräuel unaussprechlich waren? Beuys habe einmal gesagt: „Ich kann nicht über den Krieg sprechen. Tote lagen herum, überall.“

Beuys habe berichtet, dass er vier Mal verwundet worden sei. Riegel konnte aber nur zwei amtliche Verwundungen in den Büchern finden: eine Gehirnerschütterung mit Platzwunde im März 1944 und einen Granatsplitter am linken Unterschenkel. Beuys behauptete, dass er das „Eiserne Kreuz 1. Klasse“ für seine Dienste erhalten habe. Riegel zweifelt auch dies an: Beuys sei nur von Dezember 1943 bis März 1944 im Fronteinsatz gewesen. Für ein Eisernes Kreuz 1. Klasse müsste er entweder die Truppenführung inne gehabt oder eine militärische Heldentat vollbracht haben.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben