Weltmeister

Kranenburger ist Spitze in Hirnforschung und Becher-Stapeln

Boris Nikolai Konrad aus Kranenburg ist Gedächtnistrainer, Neurowissenschaftler und Autor und hat im Januar 2020 gerade zwei Weltrekorde und einen deutschen Rekord im Sport Stacking  (Becher-Stapeln) aufgestellt. 

Boris Nikolai Konrad aus Kranenburg ist Gedächtnistrainer, Neurowissenschaftler und Autor und hat im Januar 2020 gerade zwei Weltrekorde und einen deutschen Rekord im Sport Stacking  (Becher-Stapeln) aufgestellt. 

Foto: Burkhard Reuhl / Privat

Kranenburg.  Boris Nikolai Konrad aus Kranenburg ist Gedächtnistrainer, Neurowissenschaftler und Autor. Und stellt zwei Weltrekorde beim „Sport Stacking“ auf.

Herz Ass ist ein Hut. Dr. Boris Nikolai Konrad legt ihn auf den Stuhl. Kreuz Neun ist eine Blume. Er stellt sie in seine Kaffeetasse. Es folgt: Karo Sieben. Diese Spielkarte ist ein Trapez, er schlägt es gegen den Stuhl neben ihm. In Wirklichkeit macht Konrad natürlich nichts von alledem. Er stellt es sich nur vor. Er ist auf vielen Feldern Spitze.

Er entschlüsselt eine Geschichte, die er sich beim Einprägen der Spielkarten-Reihenfolge ausgedacht hat. Das ist faszinierend. Karten mischen, kurz durchblättern, Stapel umdrehen, schon zählt er sie in der richtigen Reihenfolge auf.

Bessere Gedächtnisleistung, „das kann jeder lernen“

„Das kann jeder lernen“, behauptet der Mann, der im März 2019 nach Kranenburg gezogen ist. Schließlich ist die Technik alt, schon die alten Griechen nutzten sie. Er selbst hat sie beim Fernsehgucken entdeckt. Privatfernsehen. Da brachte der seinerzeit amtierende Weltmeister im Gedächtnissport Verona Feldbusch ein paar Techniken bei, wodurch sie sich im Laufe der Sendung dreimal mehr Dinge merken konnte.

Konrad, Jahrgang 1984 und damals noch Schüler, dachte sich: „Wenn die das kann, kann ich das auch.“ Er las ein Buch des Gedächtnissport-Weltmeisters, verbesserte seine Schulnoten, studierte dann parallel Physik und Informatik und hatte nebenbei noch Zeit für allerlei Hobbies. „Der Aufwand, sich etwas zu merken, verringert sich enorm“, erklärt er. Er war auch bei „Wetten Dass“, hält gleich vier Guiness-Weltrekorde und ist Präsident von MemoryCL, der europäischen Gesellschaft zur Förderung des Gedächtnisses.

In Nimwegen an einer der weltweit bedeutendsten Forschungseinrichtungen

Heute kann man auch ein Buch von ihm selbst lesen, um die Grundlagen des Gedächtnissports kennenzulernen. Oder man besucht eines seiner Seminare. Demnächst ist er in den USA, da redet er vor 4000 Studierenden. Seine Laufbahn nahm nämlich einen ungewöhnlichen Fortgang. Statt in Physik zu promovieren und dann ans CERN nach Genf zu gehen – der Traum vieler Physiker –, wechselte er zu den Neurowissenschaften. „Das Max-Planck-Institut in München machte eine Studie zu Gedächtnisleistungen und wollte, dass ich daran teilnehme“, erzählt er. Das machte er auch – und fragte dann die Studienleiter: „Wie kann man das selber machen?“


Kein Problem, fanden die. Viele Physiker sind in neurowissenschaftlichen Instituten aktiv. So ist das auch am Donders Institut in Nimwegen, einer der weltweit bedeutendsten Forschungseinrichtungen dieser Fachrichtung mit über 800 Wissenschaftlern. Hier arbeitet er, seit er in München über die neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen promoviert hat.

Aber nur für einen Teil seiner Zeit. Ansonsten ist er unterwegs, als Redner zum Beispiel bei Unternehmen oder weltweit im Fernsehen. „Wissenschaft ist nur toll, wenn sie auch breit kommuniziert wird und nicht nur in Fachzeitschriften stattfindet“, meint er. Wen wundert’s da noch, dass er für seine Auftritte als Redner auch schon Preise gewonnen hat.

Man kann nur Ideen haben, wenn da im Hirn ein Wissen ist, aus dem man Verständnis entwickelt

Unterhält man sich länger mit Konrad, dann stolpert man unweigerlich über eine politisch-gesellschaftliche Merkwürdigkeit. Denn bei näherem Nachdenken ist es doch erstaunlich, dass man ständig über die Digitalisierung deutscher Schulen redet und so wenig über die Verbesserung der Gedächtnisleistung. „Man kann nur Ideen haben, wenn da im Hirn ein Wissen ist, aus dem man Verständnis und Ideen entwickeln kann“, sagt Konrad. Weshalb sein Verein MemoryXL zum Beispiel Lehrer fortbildet, damit die das Know-How in die Schulen tragen.

Wer nun glaubt, hier sei die Geschichte schon zu Ende, der irrt. Denn Boris Nikolai Konrad hat es neben dem Studium nicht nur als Fußball-Schiedsrichter bis in die Landesliga geschafft, er ist auch noch höchst erfolgreicher Sport Stacker. Das hat er übrigens auch im Privatfernsehen kennengelernt und war sofort begeistert. Sport Stacker stapeln einen Satz von zwölf geformten Bechern in einer bestimmten Reihenfolge auf und ab. Wie das die Überkreuzschaltung im Gehirn fördert und bestimmte kognitive Fähigkeiten fördert, könnte Konrad im Donders Institut sicher auch messen.

Aber manchmal darf man auch nur genießen. Zum Beispiel die zwei Weltrekorde im Team und im Doppel und den deutschen Rekord, die er vor wenigen Wochen in seiner Altersklasse im Sport Stacking aufgestellt hat. Im schwäbischen Kirchentellinsfurt fand der Schwabencup statt in der Trendsportart, bei der zwölf spezielle Plastikbecher in vorgegebenen Reihenfolgen so schnell wie möglich auf- und wieder ab zu stapeln sind. Er erwischte einen grandiosen Tag. In seiner Altersklasse 35 bis 44 Jahre konnte er mit seiner vereinsübergreifenden Staffel zusammen mit Sabrina Obenlüneschloss (TSV Achim), Bianka Engelmann (Stackattack Crailsheim) und Dennis Schleussner (TS Berlin) einen neuen Weltrekord in der Zeitstaffel aufstellen (17.367 Sekunden – siehe Video). Zusammen mit Sabrina Obenlüneschloss gelang ihm dieser Erfolg nur rund eine Stunde später im Doppel erneut: 9,125 Sekunden waren auch hier Weltrekord der Altersklasse. Im Einzel gibt es drei Disziplinen. In der Formation 363 krönte Konrad seinen erfolgreichen Tag mit einem deutschen Rekord seiner Altersklasse (2,78 Sekunden).

Hat er noch mehr solcher Hobbies? Da schüttelt er den Kopf. Die Zeit ist begrenzt, selbst für ihn, und außerdem möchte er ja auch Zeit mit seiner jungen Familie verbringen.

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