Weltraumschrott

„Wer macht da oben was?“: Teleskop blickt in den Weltraum

Kuppel auf! Das Teleskop am Weltraumlagezentrums (WRLageZ) auf dem Uedemer Paulsberg wurde Dienstag in Betrieb genommen. Hochkarätiger Besuch sah sich das Gerät aus der Nähe an. 

Kuppel auf! Das Teleskop am Weltraumlagezentrums (WRLageZ) auf dem Uedemer Paulsberg wurde Dienstag in Betrieb genommen. Hochkarätiger Besuch sah sich das Gerät aus der Nähe an. 

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Uedem.   Von Uedem aus beobachten das Weltraumlagezentrum der Luftwaffe und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt den Weltraumschrott.

Satelliten und technischer Schrott, der in der Umlaufbahn um die Erde treibt, betrifft alle: ob bei elektronischen Straßen-Leitsystemen, Flugsicherung, Telefon-Ferngesprächen, Börsenhandel, Wettermeldung am Boden und Wetter im All (Sonnenwinde und Strahlung beeinflussen Fernseh-Empfang).

Das Interesse am Weltraum eint auch Luftwaffe und die zivilen Nutzer des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. GPS-Daten und Navi sind dabei fast nebensächlich.

Es geht ums Ganze. „Uns interessiert: Wer macht da oben was?“, erklärte Generalleutnant Joachim Wundrak, Kommandeur Zentrum Luftoperationen. „Und der Bürger will wissen, was wir hier machen.“Drum kam er gestern nach Uedem auf den Paulsberg.

Dort wurde ein Teleskop in Betrieb genommen. Es beobachtet keine Sterne, sondern Satelliten und Weltraumschrott. Aus den gesammelten Daten zeichnen Fachleute ein Bild der „Weltraumlage“. Das heißt: Ein Bahndatenkatalog bildet am Computerbildschirm ab, was alles durch die Umlaufbahn gondelt. In drei Orbit-Ebenen (siehe Text unten) werden Daten gesammelt.

Das Teleskop ist der erste eigene Sensor, um Weltraumschrott zu orten, dessen Flugbahnen, auch Wiedereintritt und Verglühen voraus zu berechnen, Kollisionen zu verhindern. Und zu sehen, ob irgendwo von der Welt aus einzelne oder Tausende technische Raumkörper in den Orbit geschossen werden, zum Spähen, zum Stören.

Beide haben die gleichen technischen Fragen zu lösen

Der Sensor wird gemeinsam vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt / Raumfahrtmanagement (DLR RFM) und dem Weltraumlagezentrum (WRLageZ) der Luftwaffe mit Sitz in Uedem betrieben. „Sie haben andere Beweggründe, gleichwohl gleiche technische Fragen zu lösen“, erklärt Oberleutnant Marc Borch aus militärischer Sicht die Doppelspitze. Zivile und militärische Kollegen arbeiten – ressourcenschonend – Seite an Seite an den Computern in der Zentrale, zurzeit in Bürocontainern, während innerhalb von zwei Jahren der 60-Millionen-Neubau nebenan entsteht.

Das Teleskop ist finanziell gesehen eine kleine Investition mit seinen 200 000 Euro aus dem EU-Projekt „EUSST“ („European Space Surveillance and Tracking Support). Inhaltlich aber ein großes Ding. Mit ihm geht man den ersten, „extrem wichtigen Schritt“, so Dr. Gerald Braun, Leiter der Abteilung Weltraumlage im DLR Raumfahrtmanagement, um ein „validiertes und verifiziertes Weltraumlagebild“ zu erstellen. „Das ist der Elefant, den wir essen müssen. Wie isst man Elefanten? Bissen für Bissen“.

Kuppel kann sich bei Schnee auch schütteln

Hochrangige Vertreter der Bundeswehr, des DLR und des Bundeswirtschaftsministerium kletterten gestern auf den kleinen Hügel überm Bunker, auf dessen stabilem Fundament nun das Teleskop in weißer Kuppel steht. Eigentlich wird von der Zentrale ferngesteuert, Gestern lenkten die Analysten Jens Agena und Marius Eickmans vom Laptop aus, mit einfachem Netzwerkkabel, das Komplett-Öffnen des „Dome“ und das schnelle Schwenken des Sensors.

Automatisch arbeitet das System nachts Messaufträge ab – der Probelauf des „Comsat BW2“ lieferte in sechs Stunden Sommernacht 2500 Bilder, 80 Gigabyte – und importiert sie ins System zur Auswertung. Schwarz-weiß, in 16 Megapixel-Auflösung.

Selbsttätig schließt sich die Hülle bei Regen und Sturm, damit die beiden hyperbolischen Spiegel nicht leiden. Für kalte Tage hat der Kuppelbau sogar einen Rüttelmotor, um Schnee abzuschütteln.

Der Sensor („GSSAC Optical Sensor 1“, GOS-1) soll „entscheidend zum Schutz und der Sicherstellung der Funktion deutscher weltraumgestützter Systeme beitragen: Beobachten, Fähigkeiten des WRLageZ ausbauen, eigene Sensorik weiter entwickeln zur End-to-End-Nutzung. Im hoheitlichen Interesse der Bundesrepublik. Und mit Lieferung von Erkenntnissen an Frankreich, Italien, Spanien, England.

Der Mensch kriegt das überall hin: Bahnen verdeckt

Leo, Meo und Geo sind die drei Bahnebenen um die Erde. LEO ist die Ebene Low-Earth Orbit zwischen 200 und 2000 Metern um die Erde – Erdbeobachtung, Bildgewinnung, Wetterdaten, Umweltdaten werden hier gewonnnen. MEO, das sind in 2000 bis 25 000 Metern Abstand wichtige Satelliten für Navigationsgeräte, EU-Satellitennavigation „Galileo“, GPS.

GEO ist die geostationäre Umlaufbahn, bei der sich ein Satellit (für Kommunikation u.a.) mit der Erde dreht, also über ihr fest an einem Punkt steht in 36 Kilometern Höhe.

„Der Mensch kriegt das überall hin: Die Bahnen sind verdeckt“, sagte Dr. Gerald Braun, Leiter Abteilung Weltraumlage im DLR Raumfahrtmanagement. Im Leo fliegen rund 30 000 Objekte, die größer als 10 Zentimeter sind (Größenordnung für „gerade sichtbar“). Davon seien nur 1800 aktiv in Gebrauch, sagt Analyst Marius Eickmans. Der Rest ist Schrott, von kleinsten Partikeln oder auch groß wie ein Bus.

Selbst wenn zentimeterkleine Splitter einen Satelliten treffen, sei er kaputt, so Dr. Braun. Wohl 150 000 Partikel sind dann kleiner als ein Millimeter und können Sonnenpaneele schwächen.

Ein prototypischer Bahnverfolgungsradar, entwickelt vom Fraunhofer Forschungsinstitut, wird 2019 in Uedem das System erweitern (36 Millionen Euro).

Die Genauigkeit des neuen Teleskops misst sich nach der astronomischen Winkel-Maßeinheit und beträgt zwölf Bogensekunden.

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