Naturschutz

Wie viele Bäume müssen für die E-Rad-Bahn gefällt werden?

Entlang der Draisinenstrecke soll die E-Rad-Bahn entstehen.

Entlang der Draisinenstrecke soll die E-Rad-Bahn entstehen.

Foto: Andreas Gebbink

Kleve.   Für die neue E-Rad-Bahn müssen zahlreiche Bäume und Heckenpflanzen entfernt werden. Die Stadt gibt 195 Bäume an, die NRZ zählte 590.

Anfang Februar soll die Säge angesetzt werden. Entlang der Draisinenstrecke zwischen Kleve-Spyckstraße und dem Bahnhof in Kranenburg müssen zahlreiche Bäume, Sträucher und Hecken entfernt werden, damit man im Sommer die neue E-Rad-Bahn bauen kann. Innerhalb von fünf Wochen soll alles erledigt sein. Doch wie viel Grün muss denn tatsächlich entfernt werden? Die Verwaltung hielt sich bislang mit Angaben sehr zurück. Im Umwelt- und Verkehrsausschuss wurde den Ratsmitgliedern lediglich mitgeteilt, dass man „Gehölz“ schneiden müsse und dass die Arbeiten im Februar beginnen können. Auf Nachfrage der NRZ teilte der zuständige Fachbereichsleiter Bernhard Klockhaus jetzt mit, dass man auf einer Fläche von 35 000 Quadratmetern roden müsse. Insgesamt werden in einem Korridor von 7,5 Metern (ab Mitte Gleis) 195 Bäume gefällt, so die Stadt.

Vereinfachtes Verfahren

Die NRZ recherchierte selbst an der Bahnstrecke. Am Sonntag, 14. Januar, zählten wir zwischen Kleve-Spyckstraße und Kranenburg-Bahnhof in einem Korridor von vier Metern Bäume. Der Korridor wurde in Abständen mit einem Bandmaß ausgemessen, auch die Baumumfänge wurden ermittelt. Die NRZ zählte auf den Teilstücken insgesamt 590 Bäume in unterschiedlichen Stammumfängen (siehe Grafik). Hinzu kommt noch ein Heckenumfang von gut einem Kilometer. Nicht gezählt wurden Brombeerhecken, die entlang der Strecke in weiten Abschnitten anzutreffen sind. Bei den Bäumen handelt es sich unter anderem um Birken, um Pappeln und andere Laubbäume – zum Teil mit stattlichen Stammumfängen. Legt man den von der Stadt Kleve genannten Korridor von 7,5 Metern ab Gleismitte zugrunde, befinden sich noch deutlich mehr Bäume auf diesem Abschnitt.

Verbände wurden informiert

Auch auf Nachfrage und nach Übersendung der NRZ-Liste bestätigte Fachbereichsleiter Bernhard Klockhaus, dass sich die Zahl der zu fällenden Bäume (50 bis 70 Zentimeter und größer als 70 Zentimeter) auf 195 beläuft. Grundlage für die Aussage ist ein landschaftspflegerischer Begleitplan.

Klockhaus teilte der NRZ mit, dass man die Naturschutzverbände am 1. Februar 2017 schriftlich über die Maßnahme informiert worden seien: „Üblicherweise reichen die Dachverbände diese Beteiligungen an ihre betroffenen Unterorganisationen weiter. Ob das im vorliegenden Fall erfolgte, kann von hier nicht beantwortet werden“, so Klockhaus.

Die örtlichen Vertreter von Nabu und BUND sind über die anstehenden Fällarbeiten im Februar überrascht. Der Naturschutzbund hat keine Stellungnahme in diesem vereinfachten Verfahren geschrieben, weil der Radweg auf einer bestehenden Trasse errichtet werde und man daher auch wenig Einspruchsmöglichkeiten gehabt hätte, so Volkhard Wille vom Nabu. Gleichwohl sieht er das Naturschutzgebiet Kranenburger Bruch von der Maßnahme getroffen – auch wenn der Weg nicht durch das Naturschutzgebiet führt. „Hier sind auf jeden Fall Auswirkungen zu erwarten“, so Wille. Einen Kilometer Hecke zu roden sei schon enorm: „In der Regel wird schon für wesentlich kleinere Sachen ein Aufstand gemacht.“

Keine Umweltverträglichkeitsprüfung

Karl-Heinz Burmeister vom BUND sieht die E-Rad-Bahn sehr viel kritischer. Auch er ärgert sich, dass es ein vereinfachtes Verfahren gegeben habe. Burmeister ist der Meinung, dass laut Landeswegegesetz die Stadt gar nicht alleine hätte planen dürfen. Die anstehenden Fällungen regen ihn auf: „Das dürfen die so gar nicht“, sagt er.

Zur Beteiligung sagt Burmeister, dass man nur ein Anschreiben zu einem Vorentwurf einer Prüfung bekommen habe, aber keine Mitteilung, über ein richtiges Verfahren. „Es ist überhaupt keine übliche Wegfindung erörtert worden.“ Burmeister hat jetzt den Landesverband und den Kreis Kleve angeschrieben, die rechtliche Situation zu prüfen und das Planfeststellungsverfahren einzufordern. Es seien keine Umweltverträglichkeitsprüfung und kein Linienbestimmungsverfahren gemacht worden, kritisiert Burmeister: „Jetzt muss ein Stop her!“

Ausgleichspflanzungen

Bernhard Klockhaus teilte der NRZ mit, dass der drei Meter breite Radweg so ausgebaut wird, dass der Bahnverkehr gewährleistet bleibt. Es sei zwischen Radweg und Gleisen ein „Regellichtraum“ von drei Metern vorgesehen.

Auf die Frage, wie, wo und in welchem Umfang Ausgleichspflanzungen vorgenommen werden, schreibt die Stadt Kleve: „Eingriffe in die Natur sind nur außerhalb des zweigleisigen Schienenoberbaus vorhanden. Diese Eingriffe müssen dementsprechend ausgeglichen werden; entweder durch die angeführten Maßnahmen im landschaftspflegerischen Begleitplan oder durch eine so genannte „Abbuchung“ aus bestehenden Ökokonten. Im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen bietet sich die Möglichkeit, bei Bedarf an Wohngrundstücken eine Pflanzung einer Vielschnitthecke als Sichtschutz bzw. Einfriedung vorzusehen.“

Was den Artenschutz betrifft, gebe es keine erheblichen Beeinträchtigungen, so die Stadt. Die Prüfung habe ergeben, dass es lediglich eine Beeinträchtigung bei einer Nachtigall im Bereich der Eichenallee gebe. Diese Beeinträchtigung könne jedoch wieder ausgeglichen werden.

Volkhard Wille vom Naturschutzbund zweifelt daran, dass lediglich eine Nachtigall von dieser Maßnahme beeinträchtigt wird. „Ich weiß auf jeden Fall, dass es im Bereich des Kranenburger Bruch etliche Tierarten gibt, die beeinträchtigt werden von den Baumaßnahmen des neuen E-Radweges.“

Und die Politik?

Und was sagt die Politik? Hedwig Meyer-Wilmes möchte sich am Wochenende selbst ein Bild vom Bewuchs entlang der Bahnstrecke machen. Sie ärgert sich darüber, dass die Verwaltung bislang nur so spärlich über die Fällaktionen informiert habe. „Sonst werden wir im Umweltausschuss über jeden einzelnen Baum unterrichtet, hier ist das jetzt unterblieben“, sagt sie. In den vergangenen Tagen haben die Anwohner der Bahnstrecke ein Schreiben der Verwaltung erhalten, in dem die Aktion angekündigt wird. Michael Kumbrink, stellvertretender Vorsitzender des Umweltausschusses, vertraut erst einmal den ermittelten Zahlen der Stadtverwaltung. Für ihn sei auch nicht entscheidend, wie viele Bäume genau entfernt werden müssen: „Das ist letztlich nicht unser Thema. Wir wollen, dass die E-Radbahn umgesetzt wird“, sagte Kumbrink der NRZ.

Aber müssten bei einer Verlegung der Trasse auf die nördliche Seite der Bahngleise nicht deutlich weniger Bäume gefällt werden? Auf diese Frage antwortete die Stadtverwaltung, dass dies kaum möglich sei. Denn: „Der geplante Radweg verläuft auf dem nicht mehr vorhandenen zweiten Gleis der ehemaligen Bahntrasse. Die Fläche ist bereits im Eigentum der Gemeinde Kranenburg bzw. der Stadt Kleve und ist eine nach wie vor zu Bahnzwecken gewidmete Fläche, auf der die Anlage eines Radweges zulässig ist. Daher ist es sinnvoll auf der ehemaligen Bahntrasse zu bleiben.“

>> KOMMENTAR: NACHTIGALL ICK HÖR DIR TRAPSEN

Die Planung der neuen E-Radbahn ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist schön, wenn die Klever Stadtverwaltung Geld in moderne Fahrradwege steckt, um das umweltfreundlichste Verkehrsmittel, das wir haben, deutlich zu fördern.

Aber bitte mit offenen Karten! Die Politik hat schon lange das Gefühl, dass die Zahl der zu fällenden Bäume und Hecken nur sehr zögernd von der Verwaltung preisgegeben wird. Verständlicherweise möchte man nicht schon wieder eine Baum-Diskussion à la Spyckstraße. Doch jetzt geht es um deutlich mehr Bäume als an der Spyckstraße, jetzt geht es um ein ganzes Habitat für viele Vogelarten und Insekten.

Die von der Stadt ermittelte Baumzahl, muss man kritisch hinterfragen. Die Zählung der NRZ zeigt, dass es nicht nur um 195 Bäume geht, sondern um 590 Bäume. Wo kommt dieser Unterschied her? Zumal die Stadt einen viel breiteren Korridor fällen möchte, als von der NRZ angenommen. Daher dürfte es also um deutlich mehr Bäume gehen als die 590. Und glaubt wirklich jemand, dass auf der ganzen Strecke zwischen Kleve und Kranenburg nur eine Nachtigall von den Maßnahmen beeinträchtigt wird? Genau - Ick hör Dir trapsen!

Die Ratsvertreter sind gut beraten, sich bei schönem Wetter einen dreistündigen Spaziergang auf den Bahngleisen zu gönnen, um sich selbst ein Bild zu machen - Papier und Stift im Anschlag. Im Anschluss sollten sie die Verwaltung fragen, ob man Gutachter einstellen sollte, die offenbar nicht richtig zählen können.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben