Aufgeklebte Körperumrisse verwandeln die Studiobühne des Schlosstheaters in einen fiktiven Tatort. Allerdings beruht das Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ auf einer wahren Begebenheit. Auch, wenn das kaum zu glauben ist.

Zwischen 2000 und 2007 töteten Mitglieder des Nationalistischen Untergrunds (NSU) neun Menschen mit Migrationshintergrund sowie eine Polizistin. Im Juli 2018 endete nach 438 Tagen der Prozess vorläufig. Was dazwischen passiert ist, hat der Autor Tuğsal Moğul in seinem Recherchestück zusammengetragen. 2015 wurde das Stück in Münster uraufgeführt, jetzt wird es in Moers gezeigt.

Skurrile Wahrheiten kommen ans Licht

Dazu trommelte Holger Runge acht Studierende zwischen 20 und 23 Jahren zusammen und übte mit ihnen in kürzester Zeit ein Stück ein, das für sie völliges Neuland darstellte. „Viele von ihnen haben das erste Mal davon gelesen und waren fassungslos“, erzählt Runge. Den Namen Beate Zschäpe hatten die jungen Schauspieler zwar alle schon mal gehört, aber die mit dem Fall NSU einhergehenden Ermittlungspannen waren ihnen nicht bewusst. So befragte die Polizei beispielsweise lieber eine Wahrsagerin aus dem Iran, statt einem rechtsextremen Motiv nachzuspüren. Klingt skurril, ist es auch. Ebenso wie die Vernichtung von Ermittlungsunterlagen in Köln. Am jecken Datum 11.11.2011. Wie konnte das passieren?

Das fragte sich auch Schauspielerin Lea Krell, die sich im Laufe der Vorbereitungen immer intensiver mit dem Thema beschäftigte. Für sie bedeutet das Stück „eine Kritik am deutschen Rechtssystem.“ Damit sich die Vorfälle nicht wiederholen, möchte sie aufklären. Und dazu bedürfe es eine sarkastische Herangehensweise. Denn, so sagt sie: „Erst so bekommt man einen Einblick, so wird es greifbar.“

Ein Wechselspiel aus Emotionen und Fakten

Eine gewisse Verbindung zu dem Stück verspürt auch Schauspieler Ali Turp, dessen Eltern aus der Türkei kommen. „Die Opfer hätten meine Eltern sein können.“ Er möchte den Zuschauern die Augen öffnen. Denn während der Aufführung sitzen die einzelnen Schauspieler mitten im Publikum und kommen mal als Ermittler, mal als Angehöriger zu Wort. „Man ist mitten drin im Geschehen.“ Niemand könne sich dem Wechselspiel aus Emotionalität und Sachlichkeit entziehen. „Am Ende zeigt sich dann, alles was wir gespielt haben, ist die nackte Realität“, so Turp. Selbst das Ende, das statt dem ursprünglich fiktiven Ende im Jahr 2022 die wahren Verurteilungen aus 2018 präsentiert.

„Wir liefern keine Erklärungen“, betont Runge. Stattdessen spüre das Stück den tatsächlichen Vorgängen nach. Ebenso seien die Körperumrisse am Boden zu verstehen. „Wir reden über reale Tote und die sind als Geister auch hier.“

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Die Premiere findet am Samstag, 27. Oktober, um 19.30 Uhr statt. Am Sonntag, 4. November, kommen zur Vorstellung um 18 Uhr der Autor Tuğsal Moğul und der SPD-Landtagsabgeordnete Ibrahim Yetim für eine anschließende Diskussion. Weitere Termine: 9. und 16. November, 19.30 Uhr.

Karten gibt es für sieben Euro unter 02841/8834110.