Klartext

Flüchtlinge in Moers: Sankt Florian - uns wird übel

Foto: NRZ

Moers.  Warum die Proteste gegen die Ansiedlung junger Männer aus den Krisengebieten der Welt an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten ist. Von pseudo-gesellschaftspolitischen Argumentationen und kleinbürgerlichem Abstempeln zu Testosteron-Bomben. Ein Klartext von Michael Passon.

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Gut, dass die Flüchtlinge nicht wissen, wie ihre künftigen Nachbarn über sie denken. Ob an der Franz-Haniel-Straße oder an der Rathausallee, die reflexhaften Protestbriefe und Unterschriftenaktionen bereiten Übelkeit. Nicht nur wegen der pauschalen Kriminalisierung junger Männer aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. In erster Linie wegen der Scheinheiligkeit. Warum sagen die Unterzeichner nicht einfach, worum es geht: um ein lupenreines Sankt-Florian-Prinzip. Humanität ist okay, solange andere sie übernehmen.

Wurde im ersten Brandbrief unter anderem noch mit Unwahrheiten gearbeitet, etwa, was die Frequenz der Polizeieinsätze anbelangt, verblüfft auf der Grenze zwischen Eick-West und Utfort die pseudo-gesellschaftspolitische Argumentation. Tenor des Initiators: Da 90 Prozent der Flüchtlinge ohnehin nicht länger als vier Monate im Land bleiben, könne von Integration wohl keine Rede sein. Soll heißen: Dann reicht auch ein Container auf der grünen Wiese an der Filder Straße. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Erschreckend ist zudem der bürgerliche Kleingeist, mit dem die 40 jungen Männer, die an der Rathausallee erwartet werden, zu unkontrollierbaren Testosteron-Bomben gestempelt werden. Motto: Erstens haben sie eh keinen Respekt vor Frauen und zweitens seien sie ja nun schon lange allein unterwegs. Klingt, als wedelten die guten deutschen Nachbarn mit Würsten vor den Schnauzen von Hunden. Und so ist es auch gemeint.

Es wird höchste Zeit für die Runden Tische, die Anfang Dezember Politik, Anwohner und Berater zusammenbringen sollen. Ängste, so perfide sie auch sein mögen, müssen dringend abgebaut werden. Denn sie sind real. Sonst würden sich die Protestler wohl kaum in die Öffentlichkeit stellen, um gegen Menschen zu wettern, die nichts als ihr nacktes Leben aus ihrer Heimat retten konnten. Angst vor Ärzten, Studenten oder Bäckern gibt’s sonst in Moers auch nicht.

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