Mode

Gold vor Augen, Tradition im Kopf

In der Schneiderei Reeker an der Neustrasse in Moers: Leiterin Gunda Lippert.                         Foto: Volker Herold

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In der Schneiderei Reeker an der Neustrasse in Moers: Leiterin Gunda Lippert. Foto: Volker Herold Foto: Waz FotoPool

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Moers. Wenn’s um Bekleidung geht, bekommen diese freundlichen Augen fast unmerklich einen Scanner-Blick. Größe, Weite, Typ. Gunda Lippert weiß das und lächelt: „Ich kann halt nicht aus meiner Haut.“ Muss sie auch nicht, denn es ist diese Hingabe, die Lippert hilft.

Dabei, Luxus zu kreieren. Und nicht zuletzt auch beim Kampf um diese Tradition. Herrenmaßschneider werden immer weniger, und Frauen sind in diesem Metier ohnehin Exotinnen. Gunda Lippert ist eine, und ein gute. Eine dokumentierte Goldgräberin, wer so will. Beim Bundeskongress in Bad Homburg könnte am Wochenende wieder ein Edelmetall hinzukommen, und an der Urkundenwand des altehrwürdigen Moerser Maßateliers Reeker wird’s langsam eng.

Gunda Lippert freut sich schon drauf. „Diese Wettbewerbe machen natürlich Spaß, und eine Auszeichnung ist immer wieder eine schöne Anerkennung. Gerade in diesem Jahr.“ Reeker, das ist ein gutes Stück Moers. 100 Jahre in der Stadt, ein Markenzeichen. Und Gunda Lippert, die vor 24 Jahren nach dem Abi in Wesel beim Moerser Herrenmaßschneider Heinz Reeker in die Lehre getreten ist, führt den Laden jetzt in der vierten Generation.

Der Name
verpflichtet

Das verpflichtet, findet sie. Auch, oder gerade, in Zeiten wie diesen. Maßanzüge sind Luxusgüter, und solche werden nicht allein bei schwacher Konjunktur weniger nachgefragt. „Der klassische Maßkunde stirbt aus“, sagt Lippert. Die Gründe seien vielfältig. „Da ist zum einen eine Art Markenwahn. Bei der Maßschneiderei kommt es aber nicht auf das Etikett, sondern auf den Stoff an. Und in erster Linie darauf, dass der Anzug wie angegossen passt.“ Für die meisten ihrer Kunden sei er Arbeitskleidung. „Darin muss man sich wohl fühlen.“

Die Schneiderin stellt außerdem fest, dass mit dem Kauf eines maßgeschneiderten Zwei- oder Dreiteilers oft ein gewisser Rechtfertigungsdruck einhergeht. „Manch ein Geschäftsmann lässt nicht mal seine Sekretärin den Termin ausmachen.“ Wer das Geld habe, schweige und genieße lieber. „Es ist für diese Menschen ein gutes Stück Lebensqualität“, sagt Gunda Lippert.

Die Zeiten werden schwieriger, Reeker hält die Fahne hoch. Mit insgesamt acht Angestellten, derzeit gibt’s zwei Azubis. „Ich habe stets 50 Bewerbungen auf eine Stelle. Viele nutzen die Ausbildung als Sprungbrett zum Design- oder Bekleidungstechnikstudium, einige stellen sich der Herausforderung, die Tradition weiter zu führen.“ Wie Gunda Lippert, die weiß, was dazugehört: „Ein gutes Auge, Geduld und geschickte Finger. Ich schaue immer zuerst auf die Hände und dann auf das Zeugnis.“

Es freue die Expertin schließlich, wenn sich die Jugend für das klassische Fach interessiere. „Es geht immerhin um Kleiderkultur. Und die hat hierzulande gelitten. Nicht nur auf der Straße.“ Konkret? „Nun ja. Herr Blüm trägt zum Beispiel gern so lange Ärmel, dass nur noch die Finger herausgucken. Und Frau Merkel: Da habe ich mich sogar schriftlich im Kanzleramt darum beworben, sie beraten zu dürfen. Ich habe sogar eine Antwort bekommen“, erzählt Gunda Lippert augenzwinkernd. Ach ja, und den Vogel abgeschossen habe dann Barack Obama, der „tatsächlich im Anzug, aber ohne Krawatte zum Staatsbesuch erscheint. Das, finde ich, geht gar nicht“.

Feste
Prinzipien

Eben weil Tradition verpflichtet, hat die Moerserin feste Prinzipien. So wird zum Beispiel nicht gehandelt: „Ich brauche für einen Dreiteiler 70 Arbeitsstunden. Da kann und werde ich nicht sagen: Zahlen Sie zwei, nehmen sie drei. Das wird dem Handwerk auch nicht gerecht.“ Sie gehe andere Wege, um sich bei ihren treuen Kunden zu bedanken. „Anlässlich unseres Jubiläumsjahres werden wir jetzt am verkaufsoffenen Sonntag 20 Prozent auf unsere Handelsware im Laden nachlassen.“

Zum Handwerkszeug gehöre außerdem Diskretion. „Unsere Kunden sind viermal zum Maßnehmen bei uns. Das ist wie beim Friseur, da wird auch miteinander erzählt.“ Johannes Rau war Kunde, soviel möchte sie verraten. Und der eine oder andere Blaublüter. Viele Manager. Der Rest fällt unter die Lippertsche Schweigepflicht.

Auch ein Grund, warum Kunden aus ganz Deutschland so gern das schöne Moers besuchen. Manche eben bis zu viermal.

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