Handwerk

Maßarbeit wie vor 100 Jahren

Foto: Waz FotoPool

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Moers. Gunda Lippert, preisgekrönte Schneiderin für Herrenmode, feiert am Samstag das 100-jährige Bestehen des Maßateliers Reeker an der Neustraße. Dort entstehen nach alter Handwerkstradition Anzüge für den Herrn von Welt.

Wenn Gunda Lippert und ihr Mann abends vor dem Fernseher sitzen und Nachrichtensendungen verfolgen, dann hat es für die beiden den Charakter einer Modenschau. Denn viele der Manager und Politiker, die allabendlich die Bildschirme bevölkern, tragen Maßanzüge aus Moers. Maßanzüge der Firma Reeker von der Neustraße, die Gunda Lippert, einzige Maßschneiderin für Herrenmode in Deutschland und mehrfache Goldmedaillengewinnerin, 2002 übernahm. Gegründet wurde die Schneiderei an der Pfefferstraße. Vor genau 100 Jahren.

Der Firmengründer nähte noch in seiner Küche und lud zur Anprobe ins Wohnzimmer. Dessen Sohn Heinrich übernahm die Schneiderei 1933, und 1970 ging sie dann in die Hände von Heinz Reeker über. Dieser machte Reeker-Anzüge zu einem Begriff in ganz Deutschland. Über ihre prominente Kundschaft redet Gunda Lippert nicht – Geschäftsgeheimnis. Nur so viel sei verraten, dass auch Johannes Rau einst zu den Kunden des Hauses zählte.

Gunda Lippert musste für ihren Traumberuf kämpfen. 1986 begann sie, das Abitur in der Tasche und sehr zum Unmut ihrer Eltern, bei Heinz Reeker die Schneiderlehre. Ihre Gesellenprüfung machte sie mit einer „1”, es folgte die Meisterprüfung 1993 und der Entschluss, ihren Lehrbetrieb zu übernehmen.

Das bedeutete noch einmal zehn intensive Jahre der Ausbildung durch ihren Chef: „Es war eine harte Schule, ohne die ich aber heute nicht hier wäre”, fasst sie diese Zeit in einem Satz zusammen. Da hieß es auch, ihre anfängliche Angst vor Prominenten abzulegen, denn diese gaben und geben sich an der Neustraße in Moers die Klinke in die Hand.

Manager und Politiker in Unterhosen sind für die preisgekrönte Moerser Schneiderin somit ihr täglich Brot. Gunda Lippert nimmt das „Handwerk” noch wörtlich; 60 bis 70 Arbeitsstunden dauert es, einen Maßanzug zu fertigen, und auch die Schnitte macht sie heute noch von Hand: „In unserer Schneiderei wird gearbeitet wie vor 100 Jahren.” Wie vor 100 Jahren gearbeitet wurde, zeigen Exponate im Schaufenster; so auch ein Mantel, geschneidert vom Gründer des Unternehmens selbst.

Wie kommt eine Schneiderin aus Moers an Kunden aus ganz Deutschland? Gunda Lippert: „Einer unserer Kunden war auf einer Tagung in Moskau und wurde von einem deutschen Großindustriellen angesprochen: Mensch, wo hast du den Anzug her?” Kurz darauf stand besagter Großindustrieller zur Anprobe an der Neustraße. Werbung macht sie nicht, sagt die Schneiderin, denn die Qualität ihrer Arbeit sei Werbung genug.

Wer sich auf dem internationalen Parkett bewegt, benötigt eine dem Anlass angemessene „Arbeitskleidung”. Die gibt's bei Reeker in Moers, von der Unterwäsche bis zu Maßanzug und -mantel. Was das Unternehmen zu leisten vermag, zeigt die Geschichte eines Kunden anlässlich des 75-jährigen Bestehens: „Der zog sich im Geschäft bis auf die Unterhose aus und sagte: Und jetzt kleidet mich ein.”

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